we are what we are 2013

we are what we are 2013

Manche Menschen betrachten das Horrorkino lediglich als eine billige Jahrmarktsattraktion, die darauf abzielt, den Puls durch plumpe Schockeffekte in die Höhe zu treiben. Doch wer genauer hinsieht, erkennt, dass das Genre oft als der ehrlichste Spiegel unserer Zivilisation fungiert. Ein besonders radikales Beispiel für diese soziologische Seziershow liefert We Are What We Are 2013, ein Werk, das oberflächlich als Remake eines mexikanischen Films firmiert, in Wahrheit aber eine tiefgreifende Dekonstruktion religiösen Wahns und familiärer Unterdrückung darstellt. Die meisten Zuschauer glauben, es handele sich hierbei um eine bloße Schauergeschichte über Kannibalismus in den abgelegenen Wäldern der USA. Das ist ein Irrtum. Der Film nutzt das Tabu des Fleischverzehrs von Artgenossen nur als drastische Metapher für die Art und Weise, wie Traditionen uns bei lebendigem Leibe auffressen können, wenn wir nicht den Mut aufbringen, mit der Vergangenheit zu brechen. Es geht nicht um Monster, sondern um die Konsequenzen bedingungsloser Loyalität gegenüber veralteten Dogmen, die in einem modernen Kontext jegliche moralische Grundlage verloren haben.

Die Erzählung konzentriert sich auf die Familie Parker, die nach außen hin ein Bild von strenger Frömmigkeit und Zurückhaltung vermittelt. Hinter der Fassade des abgeschiedenen Hauses verbirgt sich jedoch ein grausames Ritual, das seit Generationen praktiziert wird. Nach dem plötzlichen Tod der Mutter müssen die Töchter die Verantwortung für die Zubereitung des rituellen Mahls übernehmen. Hier zeigt sich die erste große argumentative Stärke dieser Inszenierung: Das Grauen entspringt nicht der Bosheit der Charaktere, sondern ihrem Pflichtgefühl. Wer We Are What We Are 2013 sieht, erkennt schnell, dass die Protagonisten Opfer einer Erziehung sind, die Gehorsam über Empathie stellt. Das ist eine bittere Pille für ein Publikum, das gerne an die Autonomie des Individuums glaubt. Ich habe oft beobachtet, wie Kritiker den Kannibalismus als das zentrale Element hervorheben, doch das ist zu kurz gegriffen. Die eigentliche Bedrohung ist der Vater, Frank Parker, dessen ganzer Lebenssinn an der Aufrechterhaltung einer Tradition hängt, die schon längst in den Abgrund führt. Er ist kein klassischer Bösewicht, sondern ein Mann, der unter der Last eines Erbes zerbricht, das er niemals hinterfragt hat.

Die bittere Wahrheit hinter We Are What We Are 2013

Der Film stellt eine unbequeme Frage an uns alle: Wie viele unserer eigenen Überzeugungen sind wirklich unsere eigenen und wie viele wurden uns lediglich von unseren Vorfahren eingepflanzt? Die Parkers sind eine extreme Zuspitzung dessen, was passiert, wenn Isolation und Fanatismus aufeinandertreffen. Regisseur Jim Mickle wählte einen kühlen, fast klinischen Tonfall, der die Gewalt nicht zelebriert, sondern als notwendiges Übel darstellt. Das macht die Sache weitaus verstörender als jeder Slasher-Film der letzten Dekade. Man spürt den Hunger der Kinder, aber man spürt noch deutlicher ihren Ekel vor dem, was sie tun müssen, um die familiäre Einheit zu wahren. Die visuelle Gestaltung unterstreicht diesen Konflikt. Während draußen ein sintflutartiger Regen die Erde aufwühlt und alte Geheimnisse in Form von Knochenresten buchstäblich an die Oberfläche spült, bleibt das Innere des Hauses ein Ort der Ordnung und des Gebets. Diese Diskrepanz zwischen dem sauberen Wohnzimmer und dem blutigen Keller ist kein Zufall. Sie ist das perfekte Abbild einer Gesellschaft, die ihre hässlichsten Triebe hinter einer Maske der Wohlanständigkeit verbirgt.

Die Macht der sozialen Isolation als Katalysator

Um zu verstehen, warum die Figuren so handeln, muss man sich die psychologische Dynamik ansehen. In der Sozialpsychologie spricht man oft von Gruppendenken, bei dem der Wunsch nach Harmonie und Konformität innerhalb einer geschlossenen Gruppe zu irrationalen Entscheidungen führt. Die Familie Parker fungiert als ein solches geschlossenes System. Es gibt keinen Austausch mit der Außenwelt, der ihre Handlungen relativieren könnte. Der lokale Arzt und der neugierige Sheriff sind Eindringlinge in einem Mikrokosmos, der nach seinen eigenen Gesetzen funktioniert. Diese Gesetze basieren auf einem fiktiven Ahnenkult, der während der Zeit der Pioniere entstand. Hier zeigt sich eine interessante historische Parallele zur Donner Party, jener Gruppe von Siedlern, die im 19. Jahrhundert im Schnee der Sierra Nevada festsaß und aus Verzweiflung zum Kannibalismus griff. Während es dort jedoch um das reine Überleben ging, ist es bei den Parkers eine religiöse Verpflichtung geworden. Das Überleben ist hier nicht mehr physischer Natur, sondern identitär. Wenn sie aufhören, Menschenfleisch zu essen, hören sie auf, Parkers zu sein.

Skeptiker könnten einwenden, dass diese Prämisse zu weit hergeholt sei, um als Gesellschaftskritik ernst genommen zu werden. Wer isst heute schon seine Nachbarn? Doch das ist eine viel zu wörtliche Interpretation. Schau dir die politischen und religiösen Echokammern an, in denen wir uns heute bewegen. Wir konsumieren die Narrative unserer eigenen Gruppe, egal wie toxisch sie sind, nur um dazuzugehören. Wir opfern unsere Integrität auf dem Altar der Zugehörigkeit. Der Kannibalismus in diesem Werk ist lediglich die physische Manifestation eines geistigen Zustands. Er symbolisiert die Art und Weise, wie Ideologien die Menschlichkeit des Einzelnen verzehren. Die Töchter, Iris und Rose, befinden sich in einem ständigen inneren Kampf. Sie lieben ihren Vater, aber sie hassen seine Forderungen. Dieser Konflikt ist universell. Jeder Jugendliche, der gegen die starren Erwartungen seiner Eltern rebelliert, kann sich in gewisser Weise in diesen Mädchen wiederfinden, auch wenn die Konsequenzen in der Realität glücklicherweise weniger blutig ausfallen.

Ein weiterer Aspekt, der We Are What We Are 2013 von seinen Genregrenzen abhebt, ist die Rolle der Frau in diesem patriarchalischen Gefüge. Die Mutter ist tot, aber ihr Geist und ihre Regeln beherrschen das Haus weiterhin. Die Töchter sollen nun ihren Platz einnehmen, was bedeutet, dass sie sich in ein System fügen müssen, das sie nur als Funktionsträgerinnen sieht. Der Film kritisiert hier subtil, aber bestimmt, die Fortführung von Unterdrückungsmechanismen durch die Opfer selbst. Es ist ein Teufelskreis. Die ältere Tochter Iris versucht, den Schein zu wahren, während die jüngere Rose bereits Anzeichen von echtem Widerstand zeigt. Das ist kein Zufall. Die Jugend ist oft die einzige Kraft, die in der Lage ist, den Status quo zu erschüttern, weil sie die Welt noch nicht mit den Filtern der Gewohnheit sieht.

Die Ästhetik des Verfalls

Die Kameraarbeit von Ryan Samul verdient besondere Erwähnung, da sie die Atmosphäre des Films maßgeblich prägt. Alles wirkt entsättigt, fast so, als ob die Farbe aus dem Leben der Parkers gewichen wäre. Die Natur wird nicht als idyllischer Rückzugsort dargestellt, sondern als eine bedrohliche Macht, die darauf wartet, die Verbrechen der Menschen freizulegen. Der Regen ist ein reinigendes Element, das jedoch gleichzeitig das Fundament des Hauses bedroht. Das ist großartiges visuelles Storytelling. Es braucht keine lauten Dialoge, um die Ausweglosigkeit der Situation zu beschreiben. Man sieht es in den Schatten unter den Augen der Schauspieler, man hört es im Knarren der Dielen. Es ist diese handwerkliche Präzision, die den Film aus der Masse der Horrorproduktionen heraushebt. Er nimmt sein Thema ernst. Er macht sich nicht über die religiösen Überzeugungen seiner Figuren lustig, sondern zeigt deren tragische Konsequenz. Das macht das Ende umso wirkungsvoller, da es keine einfache Erlösung bietet, sondern eine radikale Transformation.

Wer behauptet, das Genre könne keine tiefgreifenden philosophischen Fragen behandeln, sollte sich intensiv mit diesem Werk auseinandersetzen. Die Frage nach der Natur des Menschen steht im Zentrum. Sind wir wirklich das, was wir essen, oder sind wir das, wozu wir uns entscheiden zu werden? Die Parkers entscheiden sich lange Zeit dafür, die Tradition über ihr Gewissen zu stellen. Erst als der Druck von außen und innen zu groß wird, bricht das System zusammen. Das Ende des Films ist in seiner Konsequenz fast schon antik tragisch. Es gibt keinen sauberen Schnitt, keine Rückkehr zur Normalität. Wer einmal von der verbotenen Frucht gekostet hat, kann nicht mehr in den Garten Eden zurückkehren. Das ist eine harte Lehre, aber eine, die in einer Zeit der zunehmenden Polarisierung und Radikalisierung wichtiger denn je ist. Wir müssen uns fragen, welche Teile unserer Identität wir bereit sind zu opfern, um ein friedliches Zusammenleben in einer pluralistischen Welt zu ermöglichen.

Das Werk funktioniert auch deshalb so gut, weil es sich weigert, dem Zuschauer eine bequeme Distanz zu ermöglichen. Man kann sich nicht einfach zurücklehnen und über die verrückten Kannibalen lachen. Man fühlt mit ihnen. Man versteht ihre Angst vor dem Verlust des Vaters und ihre Verzweiflung über die eigene Situation. Diese Empathie für das Unentschuldbare ist das eigentliche Wagnis des Films. Er zwingt uns, unsere eigenen moralischen Grenzen zu hinterfragen. Wo fängt die Loyalität an und wo hört die Menschlichkeit auf? Wenn du gezwungen wärst, zwischen deiner Familie und deinem moralischen Kompass zu wählen, wofür würdest du dich entscheiden? Die meisten Menschen geben darauf eine schnelle, selbstgerechte Antwort. Doch die Realität ist oft viel grauer und schmerzhafter, als wir es uns in unseren komfortablen Gedankenexperimenten eingestehen wollen.

Die Parkers sind keine Monster im herkömmlichen Sinne. Sie sind die logische Endstufe einer Erziehung, die Fragen als Verrat und Gehorsam als höchste Tugend verkauft. In einer Welt, die immer komplexer wird, ist die Versuchung groß, sich in einfache, klare Strukturen zurückzuziehen, so wie es diese Familie getan hat. Doch dieser Rückzug hat seinen Preis. Er entmenschlicht nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter. Das ist die eigentliche Botschaft, die hinter dem blutigen Spektakel steht. Es geht um den Verlust der Seele durch die strikte Befolgung von Regeln, die keinen Sinn mehr ergeben. Wer das erkennt, sieht den Film mit völlig neuen Augen. Er ist kein Horrorfilm über das Essen von Menschen, sondern eine Warnung vor dem Verschlungenwerden durch die eigene Geschichte.

Am Ende bleibt ein Gefühl der Leere und der Erkenntnis zurück. Die Parkers haben versucht, ihre Welt durch ein grausames Ritual zusammenzuhalten, und genau dieses Ritual hat sie letztlich vernichtet. Das ist die Ironie des Fanatismus. Er zerstört genau das, was er zu schützen vorgibt. Wir sollten diesen Film als ein Mahnmal betrachten. Er zeigt uns, dass wir nicht Sklaven unserer Herkunft sein müssen, wenn wir bereit sind, den Preis für unsere Freiheit zu zahlen. Dieser Preis ist oft hoch und beinhaltet den schmerzhaften Abschied von geliebten Menschen und Überzeugungen. Doch die Alternative ist weitaus schlimmer: ein langsames Verrotten in einem Haus aus Lügen und Blut, während draußen der Regen die Wahrheit ans Licht bringt.

Die Radikalität, mit der hier das Motiv der familiären Pflicht bis zum Äußersten getrieben wird, lässt keinen Raum für Gleichgültigkeit. Es ist eine Seziershow der menschlichen Psyche, die uns zeigt, dass das wahre Grauen nicht im Wald lauert, sondern am heimischen Esstisch. Wenn wir die Augen davor verschließen, riskieren wir, selbst Teil einer Tradition zu werden, die uns irgendwann das Fleisch von den Knochen nagt. Das Kino hat die Aufgabe, uns dorthin zu führen, wo es wehtut, und dieser Film erfüllt diese Aufgabe mit einer fast schon grausamen Perfektion. Wer danach noch ruhig schlafen kann, hat entweder die Botschaft nicht verstanden oder ist bereits so abgestumpft, dass ihn nichts mehr berühren kann.

Wer die Tradition über das Leben stellt, findet am Ende nur den Tod.

SB

Stefan Braun

Stefan Braun hat für verschiedene Online-Redaktionen gearbeitet und steht für Qualitätsjournalismus mit Substanz.