am arsch vorbei ist auch ein weg

am arsch vorbei ist auch ein weg

In einem kleinen Hinterhof im Berliner Stadtteil Neukölln, wo der Putz von den Wänden blättert und der Geruch von röstendem Kaffee schwer in der Luft hängt, sitzt Lukas an einem wackeligen Metalltisch. Vor ihm liegt sein Smartphone, das Display leuchtet im Sekundentakt auf. Jede Vibration ist ein kleiner elektrischer Schlag gegen sein Nervensystem. Es sind E-Mails von Kunden, die unmögliche Fristen setzen, Nachrichten in Familiengruppen über vergessene Geburtstage und Push-Benachrichtigungen von Nachrichten-Apps, die das Ende der Welt in Echtzeit verkünden. Lukas starrt auf das Gerät, seine Finger zittern leicht. In diesem Moment, während eine Taube gurrend auf dem Sims über ihm landet, trifft er eine Entscheidung. Er schiebt das Telefon mit dem Handrücken über die Tischkante in seine Tasche, atmet die kühle Herbstluft tief ein und flüstert sich selbst ein Mantra zu, das in den letzten Jahren zu einer stillen Volksbewegung in Deutschland geworden ist: Am Arsch Vorbei Ist Auch Ein Weg. Es ist kein Ausdruck von Ignoranz, sondern ein Akt der Notwehr gegen die totale Verfügbarkeit.

Diese Haltung, die oft als bloße Gleichgültigkeit missverstanden wird, besitzt eine tiefe psychologische Wurzel. Wir leben in einer Ära der kognitiven Überlastung, in der die Aufmerksamkeitsökonomie jedes freie Teilchen unseres Bewusstseins beansprucht. Der Psychologe Herbert Freudenberger, der in den 1970er Jahren den Begriff des Burnouts prägte, ahnte wohl kaum, dass die Erschöpfung eines Tages nicht mehr nur die Überarbeiteten, sondern fast jeden treffen würde, der ein internetfähiges Gerät besitzt. Wenn Lukas in seinem Hinterhof beschließt, die Erwartungen der Welt für einen Moment zu ignorieren, praktiziert er das, was Forscher heute als selektive Ignoranz bezeichnen. Es geht darum, die begrenzten Ressourcen unseres Geistes vor den trivialen Schlachten des Alltags zu schützen.

Die Geschichte dieser speziellen Form der deutschen Gelassenheit ist untrennbar mit dem Erfolg einer Ratgeberliteratur verbunden, die eine Sprache spricht, die der Philosoph Harry Frankfurt in seinem Essay über Bullshit als notwendiges Korrektiv zur künstlichen Aufgeblasenheit unserer Kommunikation bezeichnen würde. Es ist eine Absage an die Selbstoptimierung, die uns jahrelang eingeredet hat, wir müssten jeden Morgen um fünf Uhr aufstehen, grünen Tee trinken und unsere Work-Life-Balance perfektionieren. Die Menschen sind müde geworden von der Perfektion. Sie suchen nach einer Erlaubnis, unvollkommen zu sein, Aufgaben unerledigt zu lassen und sich nicht für jedes globale Unglück persönlich verantwortlich zu fühlen.

Die Psychologie hinter Am Arsch Vorbei Ist Auch Ein Weg

Wer die Mechanik dieser inneren Distanzierung verstehen will, muss sich mit dem Konzept der emotionalen Arbeit befassen. Die Soziologin Arlie Russell Hochschild beschrieb bereits 1983, wie sehr es uns auslaugt, Gefühle zu managen, um den Erwartungen anderer gerecht zu werden. In der modernen Arbeitswelt wird von uns verlangt, ständig leidenschaftlich, erreichbar und empathisch zu sein. Doch die menschliche Psyche hat Kapazitäten, die nicht unendlich skalierbar sind. Wenn wir uns entscheiden, dass uns bestimmte Dinge am Allerwertesten vorbeigehen, setzen wir eine Grenze. Diese Grenze ist der Zaun um unseren inneren Garten, ein Schutzraum, in dem wir nicht funktionieren müssen.

Die biologische Belastungsgrenze

Unser Gehirn ist evolutionär darauf programmiert, auf Bedrohungen zu reagieren. Das Problem der Gegenwart ist, dass eine unfreundliche Mail vom Chef im limbischen System dieselbe Alarmreaktion auslösen kann wie früher ein Säbelzahntiger. Cortisol flutet den Körper, der Blutdruck steigt, die Konzentration auf das Wesentliche schwindet. Die bewusste Entscheidung zur Indifferenz fungiert hier als physiologischer Notausschalter. Es ist eine Form der Selbstregulation, die es ermöglicht, das parasympathische Nervensystem zu aktivieren und den Körper aus dem ständigen Kampf-oder-Flucht-Modus zu holen.

Wissenschaftler an der Universität Zürich untersuchten in einer Studie die Auswirkungen von sozialem Stress und stellten fest, dass Probanden, die über eine höhere Fähigkeit zur Distanzierung verfügten, signifikant niedrigere Entzündungswerte im Blut aufwiesen. Die Fähigkeit, die Welt manchmal einfach Welt sein zu lassen, ist also keine Charakterschwäche, sondern eine biologische Notwendigkeit. Es ist die Erkenntnis, dass wir nicht jedes Feuer löschen können, ohne selbst zu verbrennen.

In der Praxis sieht das oft unspektakulär aus. Es ist die Mutter, die den Stapel ungewaschener Wäsche ignoriert, um mit ihrem Kind im Park zu spielen. Es ist der Angestellte, der am Freitagabend das Diensthandy ausschaltet, obwohl er weiß, dass noch Fragen offen sind. Es ist die radikale Akzeptanz der eigenen Endlichkeit. Wir haben nur eine begrenzte Anzahl an Herzschlägen, und die Frage, die uns diese neue Philosophie stellt, ist schlicht: Wofür willst du sie verschwenden?

Diese Bewegung weg vom unbedingten Müssen hin zum gelassenen Sein findet man überall in Europa. In Frankreich spricht man von der J’en-m’en-foutisme, einer fast schon eleganten Form der Scheißegal-Einstellung, während man in den nordischen Ländern die Kunst des Lagom feiert – nicht zu viel, nicht zu wenig, gerade recht. Doch die deutsche Variante hat eine spezifische Schärfe. Sie ist direkter, fast schon trotzig. Sie ist die Antwort auf den preußischen Arbeitsethos, der tief in der DNA der Gesellschaft verwurzelt ist.

Warum wir die Erlaubnis zur Lücke brauchen

Eines Abends in einer deutschen Kleinstadt sitzt eine Frau namens Sarah in einem Elternabend. Die Diskussion dreht sich seit zwei Stunden um die Farbe der Servietten für das Schulfest. Sarah spürt, wie die Ungeduld in ihr aufsteigt wie heißes Wasser in einem Kessel. Früher hätte sie sich gemeldet, einen Kompromiss vorgeschlagen und sich wahrscheinlich zur Vorsitzenden des Serviettenteams wählen lassen. Heute schaut sie aus dem Fenster und beobachtet, wie der Mond hinter den hohen Pappeln aufsteigt. Sie spürt keine Schuldgefühle mehr, weil sie sich nicht beteiligt. Sie hat gelernt, dass ihre Energie eine Währung ist, die sie klug ausgeben muss.

Das Paradox der Wahl und die Befreiung

Der Psychologe Barry Schwartz beschrieb das Paradox der Wahl: Je mehr Optionen wir haben, desto unglücklicher werden wir, weil wir ständig Angst haben, die falsche Entscheidung zu treffen. Das gilt nicht nur für Müslipackungen im Supermarkt, sondern für unser gesamtes Leben. Wir könnten Chinesisch lernen, einen Marathon laufen oder unseren Garten umgestalten. Die soziale Freiheit hat uns in ein Gefängnis der Möglichkeiten gesperrt.

Indem wir Dinge bewusst auf die Liste der Unwichtigkeiten setzen, reduzieren wir die Komplexität unseres Lebens. Es ist ein Filterprozess. Die Welt bietet uns tausend Türen an, aber wir müssen nicht durch jede einzelne gehen. Am Arsch Vorbei Ist Auch Ein Weg ist der Schlüssel, der diese Türen von innen verriegelt, damit wir in dem Raum bleiben können, der uns wirklich am Herzen liegt. Es ist keine Absage an die Verantwortung, sondern eine Priorisierung derselben. Wer sich um alles sorgt, sorgt sich um nichts wirklich tiefgreifend.

In der klinischen Psychologie gibt es einen verwandten Ansatz, die Akzeptanz- und Commitmenttherapie. Hier geht es darum, unangenehme Gefühle und Gedanken anzunehmen, anstatt sie zu bekämpfen, und sich stattdessen auf die Werte zu konzentrieren, die einem wirklich wichtig sind. Wenn wir aufhören, gegen jede Windmühle zu kämpfen, haben wir plötzlich die Kraft, das Feld zu bestellen, das vor uns liegt. Sarah verlässt den Elternabend vorzeitig. Niemand hält sie auf. Die Welt dreht sich weiter, auch ohne ihren Beitrag zur Serviettenfrage.

Dieses Gefühl der Erleichterung, das sich einstellt, wenn man den Druck ablässt, ist fast physisch spürbar. Es ist das Sinken der Schultern, das Glätten der Stirnfalten. Es ist die Entdeckung, dass die meisten Katastrophen, die wir uns in unserem Kopf ausmalen, niemals eintreten – und dass die, die eintreten, oft weniger schlimm sind, wenn wir ihnen mit einer gewissen stoischen Ruhe begegnen.

Die moderne Gesellschaft ist darauf ausgerichtet, uns in einem Zustand permanenter leichter Erregung zu halten. Werbung, soziale Medien und politische Diskurse funktionieren am besten, wenn wir emotional investiert sind. Wenn wir uns empören, klicken wir. Wenn wir Angst haben, kaufen wir. Die Entscheidung zur Gleichgültigkeit gegenüber diesen manipulativen Reizen ist somit auch ein politisches Statement. Es ist eine Rückeroberung der eigenen Souveränität.

Man könnte meinen, dass diese Einstellung zu einer kälteren Gesellschaft führt. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Menschen, die ihre eigenen Grenzen kennen und wahren, sind oft empathischer gegenüber anderen, weil sie nicht ständig am Rande ihrer eigenen Belastbarkeit agieren. Sie haben Reserven für echte Krisen, weil sie sie nicht für Nichtigkeiten verbraucht haben. Sie sind der Fels in der Brandung, nicht weil sie hart sind, sondern weil sie wissen, welche Wellen es nicht wert sind, beachtet zu werden.

Es gibt eine alte Geschichte über einen Fischer, der am Strand liegt und in die Sonne blinzelt. Ein Geschäftsmann kommt vorbei und fragt ihn, warum er nicht hinausfährt, um mehr Fische zu fangen, damit er bald ein größeres Boot kaufen könne, dann eine Flotte, dann eine Fabrik, um schließlich – im Alter – reich und zufrieden am Strand liegen zu können. Der Fischer schaut ihn an und sagt: Was glaubst du, was ich gerade tue? Die Geschichte ist ein Klassiker, aber sie trifft den Kern der Sache. Wir jagen oft Zielen hinterher, die uns das versprechen, was wir schon längst haben könnten, wenn wir nur den Mut hätten, aufzuhören.

Lukas, der junge Mann im Berliner Hinterhof, hat sein Handy an diesem Nachmittag nicht mehr herausgeholt. Er ist stattdessen spazieren gegangen, ohne Ziel, ohne Tracking-App, die seine Schritte zählt. Er hat die Fassaden der Häuser betrachtet, die Risse im Asphalt und die Art, wie das Licht durch die Blätter der Kastanienbäume bricht. Die E-Mails sind immer noch da, die Weltprobleme sind nicht gelöst, und die Erwartungen der anderen existieren weiterhin. Aber sie haben ihre Macht über ihn verloren. Er hat verstanden, dass man nicht jede Einladung zum Stress annehmen muss.

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In einer Kultur, die das Handeln über alles stellt, ist das Nicht-Handeln eine Provokation. Es ist die Verweigerung, am Hamsterrad der Aufgeregtheit teilzunehmen. Es ist die Erkenntnis, dass Stille kein Mangel an Geräuschen ist, sondern eine eigene Qualität. Wenn wir den Lärm der Welt leiser drehen, fangen wir an, die leisen Töne unseres eigenen Lebens wieder zu hören. Das ist kein Egoismus. Es ist Überlebenskunst.

Vielleicht ist das Geheimnis eines guten Lebens nicht, wie viel wir erreichen, sondern wie viel wir loslassen können, ohne uns zu verlieren. Wir sind so darauf trainiert, festzuhalten – an Jobs, an Beziehungen, an Meinungen und an unserem eigenen Selbstbild. Doch wahre Freiheit beginnt oft in dem Moment, in dem wir die Griffe lockern. In dem Moment, in dem wir erkennen, dass wir nicht die Regisseure des Universums sind, sondern nur Wanderer in einer Welt, die auch ohne unser ständiges Zutun wunderbar funktioniert.

Lukas bleibt an einer Brücke stehen und sieht dem Wasser der Spree zu, wie es träge unter den Pfeilern hindurchfließt. Das Wasser kämpft nicht gegen die Steine, es fließt einfach um sie herum. Es hat kein Ziel, es folgt nur der Schwerkraft. In diesem Moment spürt er eine tiefe Verbundenheit mit allem, eine Ruhe, die keine Worte braucht. Er weiß jetzt, dass die wichtigste Reise nicht die nach oben oder nach vorne ist, sondern die zu diesem Ort der inneren Unangreifbarkeit.

Es ist dunkel geworden, als er schließlich nach Hause geht. Die Stadt pulsiert um ihn herum, laut und fordernd wie eh und je. Doch in ihm ist es ruhig geblieben. Er wird sein Telefon später wieder einschalten, er wird seine Arbeit machen und er wird ein Teil dieser komplexen Welt bleiben. Aber er wird es anders tun. Mit einem Lächeln, das nur er kennt, und mit der Gewissheit, dass er jederzeit wieder in diesen inneren Hinterhof zurückkehren kann, wo der Druck der Welt einfach von ihm abfällt.

Der Wind frischt auf und trägt ein gelbes Blatt vor seine Füße. Er hebt es nicht auf, er lässt es liegen und geht weiter, während das ferne Rauschen des Verkehrs wie das Atmen eines schlafenden Riesen klingt.

CF

Clara Fischer

In den Artikeln von Clara Fischer stehen Kontext, Genauigkeit und gesellschaftliche Relevanz im Mittelpunkt.