anna karenina film keira knightley

anna karenina film keira knightley

Manche Kinogänger rümpften die Nase, als die ersten Bilder von Joe Wrights ambitionierter Tolstoi-Adaption über die Leinwände flackerten. Sie erwarteten staubige Birkenwälder, echte russische Erde und das schwere Atmen einer historisch korrekten Zarenzeit. Stattdessen bekamen sie Kulissen, die wie Pappmaché wirkten, und eine Hauptdarstellerin, deren modernes Gesicht so gar nicht in das starre Korsett des 19. Jahrhunderts zu passen schien. Doch genau hier liegt der gewaltige Irrtum der Puristen begraben. Wer glaubt, dass Anna Karenina Film Keira Knightley an der literarischen Vorlage scheiterte, verkennt die Radikalität, mit der das Team die Essenz des Romans freilegte. Es war kein Versuch, die Geschichte nachzuerzählen. Es war eine gezielte Dekonstruktion der gesellschaftlichen Bühne, auf der Anna zwangsläufig verbluten musste. Die Künstlichkeit war kein Mangel an Budget, sondern eine scharfsinnige Analyse der russischen Oberschicht, die ihr Leben als ein einziges, mörderisches Theaterstück begriff.

Die Entscheidung, fast die gesamte Handlung in einem verfallenden Theater spielen zu lassen, war ein Geniestreich, der vielen Zuschauern zunächst sauer aufstieß. Wir sind darauf konditioniert, Historienfilme als Fenster in die Vergangenheit zu betrachten, als eine Art Zeitreise-Dokumentation mit hübschen Kostümen. Wright und seine Muse Knightley brachen mit dieser Erwartungshaltung radikal. Sie zeigten uns nicht das Russland von 1874, sondern das Gefühl, in einer Gesellschaft gefangen zu sein, in der jeder Schritt beobachtet und jede Geste bewertet wird. Wenn Anna durch die Kulissen eilt, hinter die staubigen Vorhänge blickt oder auf dem Dachboden des Theaters nach Luft schnappt, wird die klaustrophobische Enge ihrer Ehe mit Karenin physisch greifbar. Das ist kein dekorativer Selbstzweck. Das ist die Übersetzung von Tolstois psychologischem Realismus in eine visuelle Sprache, die ohne die üblichen erklärenden Monologe auskommt. Es ist die Wahrheit hinter der Fassade, die hier so schmerzhaft offenbart wird.

Die Inszenierung der sozialen Vernichtung in Anna Karenina Film Keira Knightley

Die Kritik an Keira Knightleys Darstellung wirkt oft wie ein Echo alter Vorurteile gegen Schauspielerinnen, die zu schön oder zu modern für den Kanon der Weltliteratur gelten. Man warf ihr vor, zu sprunghaft zu sein, zu sehr an der Oberfläche zu kratzen. Dabei ist Annas Sprunghaftigkeit der Kern ihres Untergangs. In der Fassung von Anna Karenina Film Keira Knightley sehen wir eine Frau, die nicht an einem Mann zerbricht, sondern an der Unmöglichkeit, ihre eigene Identität in einem System zu finden, das für Frauen nur zwei Rollen vorsieht: die Heilige oder die Hure. Knightley spielt Anna mit einer fast fiebrigen Intensität. Sie ist keine passive Leidende, die von den Wellen des Schicksals mitgerissen wird. Sie ist eine Akteurin, die sich der Regeln des Theaters bewusst ist und dennoch versucht, das Skript umzuschreiben. Dass sie dabei scheitert, macht die Tragödie nur noch bitterer.

Das Echo der Perücke und der Puderquaste

Wenn wir über die schauspielerische Leistung sprechen, müssen wir uns fragen, was wir von einer literarischen Adaption eigentlich wollen. Wollen wir eine Wachsfigur, die Sätze aus dem Buch zitiert? Oder wollen wir eine emotionale Wahrheit, die uns heute noch etwas angeht? Die Chemie zwischen Knightley und Aaron Taylor-Johnson als Wronski wurde oft als zu dünn bezeichnet. Doch auch das ist ein Missverständnis der Vorlage. Wronski ist im Roman kein tiefgründiger Philosoph, sondern ein glatter, etwas eitler Kavallerieoffizier, der erst durch Annas Obsession zu einer Schicksalsfigur wird. Die Künstlichkeit ihrer Begegnungen auf der Tanzfläche, die choreographierte Annäherung, bei der die anderen Tänzer einfrieren, verdeutlicht die totale Isolation des Paares. Sie sind allein in ihrem Wahnsinn, während die Gesellschaft ringsum nur darauf wartet, dass der Vorhang fällt.

In Deutschland haben wir eine lange Tradition der Werktreue, die oft dazu führt, dass Literaturverfilmungen wie bebilderte Hörbücher wirken. Man denke an die soliden, aber manchmal etwas blutleeren Produktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Wrights Ansatz ist das Gegenteil davon. Er nutzt die Mittel des Kinos, um die Statik des Romans aufzubrechen. Er vertraut darauf, dass das Publikum intelligent genug ist, die Metapher des Theaters zu verstehen. Die Kamera gleitet durch Wände, Decken öffnen sich, und Räume verwandeln sich in Sekunden von einem Ballsaal in eine verschneite Steppe. Das ist kein technisches Spielzeug. Das ist die Darstellung einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. Wenn Anna am Ende auf den Schienen steht, ist das nicht nur das Ende einer Frau, sondern der finale Zusammenbruch eines Bühnenbildes, das sie nie wirklich beherbergt hat.

Die rehabilitierte Heldin jenseits des Klischees

Es gibt eine Tendenz, Anna Karenina als eine Geschichte über eine unglückliche Liebe abzutun. Das greift viel zu kurz. Es ist eine Geschichte über Macht, Besitzansprüche und die soziale Konstruktion von Scham. In der Version von Anna Karenina Film Keira Knightley wird dieser Aspekt durch die Gegenüberstellung mit der Figur des Lewin und seiner Beziehung zu Kitty verstärkt. Während Anna im künstlichen Licht des Theaters verglüht, darf Lewin auf dem echten Land, unter freiem Himmel, seine eigene Wahrheit suchen. Dieser Kontrast zwischen der sterilen Stadt und der rauen Natur ist bei Tolstoi zentral. Wright fängt das ein, indem er Lewins Szenen tatsächlich an realen Drehorten in Russland filmte. Die Kamera fängt hier das Licht ein, das Anna verwehrt bleibt. Es ist eine visuelle Trennung zweier Lebensentwürfe, die deutlicher kaum sein könnte.

Die Arbeit der Kostümbildnerin Jacqueline Durran darf hier nicht unerwähnt bleiben. Die Kleider, die Knightley trägt, sind keine exakten Repliken der Mode der 1870er Jahre. Sie sind eine Mischung aus dem Stil des 19. Jahrhunderts und der Haute Couture der 1950er Jahre. Dieser Anachronismus dient dazu, Anna aus ihrer Zeit herauszuheben. Sie wirkt wie eine Fremde in ihrer eigenen Welt, eine Frau, die ihrer Epoche voraus ist oder vielleicht gar keinen Platz in irgendeiner Epoche findet. Jedes Juwel an ihrem Hals wirkt wie ein Teil einer Rüstung, die sie vor den Blicken der anderen schützen soll, die aber letztlich zu schwer wird, um sie dauerhaft zu tragen. Wenn man diese Details betrachtet, erkennt man, dass hier nichts dem Zufall überlassen wurde. Es ist eine akribische Konstruktion einer Frau, die an der Konstruktion ihrer Umwelt verzweifelt.

Die Skepsis gegenüber dieser Verfilmung speist sich oft aus einem elitären Verständnis von Kultur. Man hat das Gefühl, dass ein solcher Stoff eine gewisse Schwere und Langsamkeit atmen muss, um ernst genommen zu werden. Doch Tolstoi selbst war ein Meister der Beobachtung kleiner, fast nebensächlicher Gesten. Er beschrieb das Knacken von Fingern, das Rascheln von Stoff und das Spiel der Augenlider. Wright und Knightley übersetzen diese Mikro-Beobachtungen in eine makro-ästhetische Erfahrung. Sie machen das Private öffentlich, genau wie es die Gesellschaft mit Annas Affäre tat. Der Film zwingt uns in die Rolle der Voyeure, die im Parkett sitzen und zusehen, wie eine Frau langsam zerfällt. Das ist unbequem, und vielleicht ist das der Grund, warum viele Kritiker lieber über die Haare der Hauptdarstellerin sprachen als über die bittere Wahrheit der Inszenierung.

Man muss sich vor Augen führen, was die Alternative gewesen wäre. Noch eine Verfilmung, in der die Darsteller in schweren Pelzen durch den Schnee stapfen und bedeutungsschwere Blicke tauschen? Das haben wir oft genug gesehen. Es fügt dem Verständnis des Textes nichts Neues hinzu. Wrights Film hingegen provoziert eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie wir Geschichten erzählen. Er erinnert uns daran, dass das Kino eine eigene Kunstform ist, die nicht der Sklave der Literatur sein muss. Indem er die Künstlichkeit betont, wird er ironischerweise wahrhaftiger als viele Produktionen, die sich sklavisch an historische Fakten klammern. Er zeigt uns das Skelett der Geschichte, die nackte Mechanik der Unterdrückung, die hinter den schönen Tapeten der Salons verborgen liegt.

Ich habe diesen Film mehrmals gesehen und jedes Mal entdecke ich neue Nuancen in Knightleys Spiel. Es ist eine Leistung, die Mut erfordert. Sie scheut sich nicht davor, Anna unsympathisch zu machen. Ihre Anna ist fordernd, hysterisch, eifersüchtig und manchmal grausam. Das ist wichtig. Wenn Anna nur ein Opfer wäre, wäre die Geschichte banal. Erst durch ihre Fehler, durch ihren Egoismus und ihren verzweifelten Kampf um Autonomie wird sie zu einer menschlichen Figur, die uns auch heute noch berührt. Sie ist kein Engel, sie ist eine Frau aus Fleisch und Blut, die in einer Welt aus Pappmaché gefangen ist. Und genau dieser Kontrast macht den Film zu einem Meisterwerk des modernen Kinos, das viel zu lange unter dem Label des netten Kostümfilms missverstanden wurde.

Es ist nun mal so, dass große Kunst oft erst mit Verzögerung ihre volle Wirkung entfaltet. Wir blicken heute anders auf die Verfilmungen der 40er oder 70er Jahre zurück, als es die Zeitgenossen taten. Wir sehen die Zeitlosigkeit der Themen, die über die modischen Trends der jeweiligen Ära hinausgehen. Wrights Vision wird bestehen bleiben, weil sie sich traut, hässlich zu sein, wo andere nur Schönheit zeigen wollten. Sie zeigt uns die Wunden unter der Seide. Sie zeigt uns das Blut auf den Schienen, das nicht rot ist wie in einem Horrorfilm, sondern das wie eine bittere Note in einer Symphonie wirkt. Es geht nicht um den Schockeffekt, sondern um die Konsequenz eines Lebens, das keinen Platz für Wahrheit hatte.

Die Stärke dieses Ansatzes liegt darin, dass er uns den Spiegel vorhält. Wir leben heute in einer Welt, die mehr denn je einem Theater gleicht. Soziale Medien sind die Logen, von denen aus wir andere bewerten, verurteilen und zerstören. Annas Schicksal ist die Urform des Shitstorms, der soziale Tod durch die Missachtung der Gruppe. Wer den Film heute sieht, erkennt die Mechanismen der Ausgrenzung wieder, die heute vielleicht digitaler, aber nicht weniger grausam sind. Das Theater von damals ist das Internet von heute. Die Kulissen haben sich geändert, aber die Grausamkeit der Zuschauer ist geblieben. Deshalb ist diese Adaption so schmerzhaft aktuell. Sie nimmt uns die Illusion, dass wir über diese Zustände hinausgewachsen sind.

Wenn wir uns also fragen, ob diese Interpretation dem Erbe Tolstois gerecht wird, dann lautet die Antwort: Ja, gerade weil sie ihn entstaubt. Sie rettet Anna davor, als bloße Romanfigur in den Regalen zu verstauben, und macht sie zu einer brennenden Warnung an uns alle. Sie erinnert uns daran, dass Freiheit immer einen Preis hat und dass die Welt oft lieber eine schöne Lüge sieht als eine hässliche Wahrheit. Der Film fordert uns auf, hinter die Kulissen zu blicken, auch wenn das, was wir dort finden, uns zutiefst erschüttern kann. Es ist ein visuelles Manifest gegen die Oberflächlichkeit, getarnt als eine Feier der Ästhetik. Ein Widerspruch, der so nur im Kino funktionieren kann.

Das Kino braucht solche radikalen Brüche, um relevant zu bleiben. Wir brauchen Regisseure, die bereit sind, das Erbe der Klassiker zu riskieren, um etwas Neues zu schaffen. Und wir brauchen Schauspielerinnen, die bereit sind, sich in diesen Prozess hineinzustürzen, ohne Rücksicht auf ihr Image. Die Zusammenarbeit von Wright und Knightley hat uns eine Version von Anna geschenkt, die wir vielleicht nicht verdient haben, die wir aber dringend brauchten. Eine Anna, die nicht um Mitleid bettelt, sondern die uns herausfordert, unsere eigenen Masken abzulegen. Es ist eine Einladung zum Tanz auf dem Vulkan, und wir sollten dankbar sein, dass wir dazu aufgefordert wurden.

Die vermeintliche Künstlichkeit der Kulissen ist das ehrlichste Porträt einer Gesellschaft, die ihre Seele längst für den schönen Schein verkauft hat.

TS

Thomas Schäfer

Thomas Schäfer verfolgt politische und soziale Debatten mit kritischem Blick und journalistischer Verantwortung.