Es gibt diesen einen Moment im Kinojahr, an dem die Industrie beschließt, uns den Spiegel vorzuhalten, nur um ihn sofort danach mit Lametta zu überkleben. Die meisten Kritiker betrachteten die Fortsetzung der Geschichte um die überforderten Vorstadtmütter als eine harmlose, wenn auch derbe Komödie für die besinnliche Zeit. Doch wer genau hinsieht, erkennt in A Bad Moms Christmas 2017 eine weitaus düstere Realität, als die grellen Farben und die vulgären Witze vermuten lassen. Es ist die Geschichte eines kollektiven Burnouts, der als Humor getarnt wird, um die zugrundeliegenden gesellschaftlichen Erwartungen unangetastet zu lassen. Wir glauben, wir sehen Frauen dabei zu, wie sie die Ketten der Perfektion sprengen, doch in Wahrheit beobachten wir ein System, das Rebellion lediglich als kurzes Ventil erlaubt, bevor am Ende doch wieder der perfekt gedeckte Tisch stehen muss. Die Annahme, dieser Film sei ein Akt des feministischen Aufbegehrens, ist das größte Missverständnis der jüngeren Popkultur. Er ist kein Befreiungsschlag, sondern eine Bestätigung des Status quo, die uns verkauft wird, während wir über Tequila-Shots lachen.
Der kommerzialisierte Kollaps von A Bad Moms Christmas 2017
In der Filmindustrie gilt die Regel, dass ein Erfolg wiederholt werden muss, bis jede Nuance der ursprünglichen Idee verloren geht. Als das Werk im November vor fast einem Jahrzehnt in die Kinos kam, war der Druck immens. Die Geschichte setzt genau dort an, wo viele Frauen in der Realität an ihre Grenzen stoßen: bei der Organisation des Familienfestes. Ich erinnere mich an die vollen Kinosäle, in denen Mütter saßen, die sichtlich froh waren, für zwei Stunden ihrem eigenen Organisationswahnsinn zu entkommen. Doch was sie sahen, war eine Hyperbel ihres eigenen Leids, die durch die Einführung der Großmütter-Generation noch verstärkt wurde. Die Dynamik zwischen den Hauptfiguren und ihren eigenen Müttern dient hier nicht der psychologischen Aufarbeitung, sondern lediglich als Katalysator für noch mehr Chaos. Es ist ein faszinierendes Phänomen, wie Hollywood Schmerz in Slapstick verwandelt. Man nimmt die echte, schwere Last der mentalen Arbeit und macht daraus eine Montage, in der Alkohol fließt und Sachbeschädigung als Therapieform fungiert.
Das Problem liegt tief im Kern der Erzählweise. Wenn wir uns die Struktur ansehen, bemerken wir, dass die Rebellion der Protagonistinnen nie strukturell ist. Sie lehnen sich gegen die Erwartungen ihrer eigenen Mütter auf, aber sie hinterfragen selten die patriarchale Struktur, die diese Erwartungen überhaupt erst hervorgebracht hat. Die Väter in diesen Filmen bleiben oft blasse Randfiguren oder werden als unfähige, aber liebenswerte Statisten dargestellt, was die gesamte Last der emotionalen und organisatorischen Arbeit wieder allein bei den Frauen belässt. Es ist eine subtile Art der Bestätigung: Die Frau darf zwar ausrasten, sie darf fluchen und sich betrinken, aber am Ende des Tages ist sie immer noch diejenige, die für das Gelingen des Weihnachtsfestes verantwortlich ist. Diese Form des Humors fungiert als Sicherheitsventil in einer Dampfmaschine. Man lässt ein wenig Druck ab, damit der Kessel nicht explodiert, aber man ändert nichts am Feuer, das den Kessel befeuert.
Das Echo der unerfüllten Erwartungen
Man kann den Skeptikern kaum vorwerfen, dass sie in diesem Film lediglich gute Unterhaltung sehen wollen. Das Argument der Gegenseite ist simpel: Es ist eine Komödie, kein politisches Manifest. Warum sollte man eine Produktion, die darauf ausgelegt ist, Geld zu verdienen und Menschen zum Lachen zu bringen, mit soziologischen Analysen überfrachten? Die Antwort ist ebenso simpel wie schmerzhaft. Filme spiegeln nicht nur die Gesellschaft wider, sie formen auch unser Verständnis davon, was akzeptabel ist. Wenn wir akzeptieren, dass die einzige Antwort auf Überforderung ein kurzer, gewaltsamer Ausbruch ist, der in einem versöhnlichen Finale unter dem Weihnachtsbaum mündet, dann nehmen wir uns selbst die Sprache für eine echte Veränderung. Wir gewöhnen uns an das Bild der erschöpften Mutter, die nur durch Exzesse überleben kann.
Studien zur Rollenverteilung in Haushalten zeigen immer wieder, dass die sogenannte Mentale Last auch heute noch ungleich verteilt ist. Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden hat in verschiedenen Erhebungen zur Zeitverwendung belegt, dass Frauen pro Tag deutlich mehr unbezahlte Arbeit leisten als Männer. Ein Film, der dieses Thema aufgreift, hat eine Verantwortung, die über den nächsten Gag hinausgeht. Indem die Handlung die Lösung des Problems in den privaten Bereich der Versöhnung mit der eigenen Mutter verschiebt, privatisiert sie ein strukturelles Problem. Es wird suggeriert, dass alles gut wäre, wenn Oma nur ein bisschen weniger anstrengend wäre. Das ist eine gefährliche Vereinfachung, die den Blick auf die eigentlichen Ursachen der Erschöpfung verstellt.
Warum A Bad Moms Christmas 2017 als Spiegel der Erschöpfung fungiert
Man muss die handwerkliche Seite der Produktion loben, um die Wirkung zu verstehen. Die Chemie zwischen den Darstellerinnen ist unbestreitbar. Mila Kunis, Kristen Bell und Kathryn Hahn verkörpern Typen, die jede von uns kennt oder im Spiegel sieht. Das macht die Botschaft so anschlussfähig. Doch genau hier schnappt die Falle zu. Wir identifizieren uns so sehr mit dem Wunsch, alles hinzuschmeißen, dass wir die Absurdität des Happy Ends übersehen. In der realen Welt löst sich der Stress nicht dadurch auf, dass man mit einem Schlitten durch ein Einkaufszentrum rast. In der realen Welt wartet am nächsten Morgen die Wäsche, der volle Terminkalender und das schlechte Gewissen.
Die Illusion der Wahlfreiheit
Interessant ist die Beobachtung, wie die Freiheit in diesem Kontext definiert wird. Freiheit bedeutet in der Logik der Erzählung, sich wie ein rücksichtsloser Konsument zu verhalten. Man klaut einen Weihnachtsbaum oder betrinkt sich am hellichten Tag. Das ist eine sehr männlich geprägte Vorstellung von Rebellion, die hier auf weibliche Figuren übertragen wird. Es ist fast so, als hätten die Drehbuchautoren keine Vorstellung davon, wie eine spezifisch weibliche oder mütterliche Befreiung aussehen könnte, die nicht einfach nur das Fehlverhalten von Männern imitiert. Wir sehen hier keine neuen Wege des Zusammenlebens oder der Aufgabenverteilung. Wir sehen lediglich den kurzzeitigen Austausch von Rollenmustern.
Wenn wir über dieses Feld der Unterhaltungskultur sprechen, müssen wir auch über die ökonomische Komponente reden. Die Produktion war ein finanzieller Erfolg, was beweist, dass das Thema einen Nerv trifft. Aber es ist ein Nerv, der schmerzt. Das Publikum kauft Karten, um eine Katharsis zu erleben, die es im Alltag nicht bekommt. Ich habe mit Psychologen gesprochen, die diesen Effekt als stellvertretende Entlastung beschreiben. Man schaut zu, wie jemand anderes die Regeln bricht, damit man selbst die Kraft findet, sie weiterhin zu befolgen. Das ist die traurige Funktion solcher Stoffe: Sie sind das Opium für die überarbeitete Mittelschicht.
Die bittere Pille unter dem Zuckerguss
Es gibt eine Szene, die mir besonders im Gedächtnis geblieben ist. Es geht um die schiere Menge an Erwartungen, die an ein einziges Fest geknüpft werden. Hier zeigt das Drehbuch Ansätze von echter Tiefe. Man spürt die Verzweiflung der Figuren, die versuchen, eine Kindheitserinnerung zu reproduzieren, die es so vielleicht nie gegeben hat. Doch statt diesen Gedanken zu Ende zu führen, flüchtet sich die Regie in den nächsten Fäkalwitz. Es ist, als hätten die Macher Angst vor der eigenen Courage bekommen. Man hätte einen Film über die Dekonstruktion des Weihnachtsfestes drehen können. Stattdessen bekamen wir eine Bestätigung, dass Weihnachten eben so sein muss, inklusive des Zusammenbruchs.
Die Kritik an der Darstellung der Großmütter ist ein weiterer Punkt, der oft übersehen wird. Diese Frauen werden als Monster der Perfektion oder der Vernachlässigung gezeichnet. Damit wird ein Generationenkonflikt geschürt, der Frauen gegeneinander ausspielt, statt sie zu solidarisieren. Die Solidarität im Film beschränkt sich auf das gemeinsame Trinken der drei Hauptfiguren. Eine echte, generationenübergreifende Allianz gegen die Erwartungshaltung der Gesellschaft findet nicht statt. Am Ende versöhnen sie sich zwar, aber nur unter der Prämisse, dass die traditionellen Werte gewahrt bleiben. Die Mutterrolle wird nicht neu definiert, sie wird nur kurzzeitig suspendiert.
Der Preis der oberflächlichen Rebellion
Was bleibt also übrig, wenn der Abspann läuft? Ein kurzes Gefühl der Erleichterung, gefolgt von der Rückkehr in die eigene Realität. Wir müssen uns fragen, warum wir uns mit solchen Erzählungen zufriedenreben. In Deutschland beobachten wir eine ähnliche Tendenz in der Werbung und in den sozialen Medien. Es gibt den Trend der Mom-Fluencer, die ihre Unvollkommenheit zur Schau stellen, um daraus wieder ein perfekt vermarktbares Produkt zu machen. Es ist die Kommerzialisierung des Scheiterns. Man ist stolz darauf, eine schlechte Mutter zu sein, solange man dabei immer noch gut aussieht und die richtigen Produkte kauft.
Ich habe in meiner Laufbahn viele Phänomene gesehen, die als progressiv verkauft wurden, aber im Kern tief konservativ waren. Dieser Film ist das Paradebeispiel dafür. Er nutzt die Sprache der Befreiung, um die Mauern des Gefängnisses nur ein wenig bunter anzustreichen. Die wirkliche Provokation wäre es gewesen, wenn die Frauen am Ende beschlossen hätten, Weihnachten einfach ausfallen zu lassen und stattdessen etwas zu tun, das wirklich nur ihnen dient, ohne die Versöhnung mit dem System am Ende. Aber das hätte wohl keine Millionen an den Kinokassen eingespielt.
Wir konsumieren diese Geschichten, weil sie uns das Gefühl geben, verstanden zu werden, ohne dass wir unser Leben ändern müssen. Wir lachen über die Exzesse, damit wir am nächsten Montag wieder pünktlich im Büro sitzen und abends die Geschenke einpacken können. Es ist eine Form der kollektiven Selbsttäuschung, die durch die Unterhaltungsindustrie perfektioniert wurde. Wir feiern die schlechten Mütter, damit die guten Mütter weiterhin funktionieren. Das System braucht diesen Ausbruch, um stabil zu bleiben. Es ist kein Zufall, dass solche Filme immer zur Weihnachtszeit erscheinen, wenn der Druck am höchsten ist. Sie fungieren als Beruhigungspille für eine Gesellschaft, die kurz vor dem Nervenzusammenbruch steht.
Man kann es drehen und wenden, wie man will: Wahre Rebellion sieht anders aus als ein geplantes Chaos in einem kontrollierten filmischen Umfeld. Wir sollten aufhören, solche Produktionen als Siege für die weibliche Selbstbestimmung zu feiern. Sie sind das Gegenteil. Sie sind die Bestätigung, dass die Last der Welt auf den Schultern der Mütter liegt, und dass ein wenig Tequila und ein paar Schimpfwörter der einzige Preis sind, den das Patriarchat zu zahlen bereit ist, damit alles so bleibt, wie es ist.
Die wahre Rebellion findet nicht im Kino statt, sondern in der radikalen Weigerung, die unbezahlte emotionale Arbeit einer ganzen Gesellschaft allein auf den Schultern einer einzigen Gruppe abzuladen.