besetzung von smillas gespür für schnee

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Der Schnee lügt nicht, aber das Kino tut es ständig. Als Bille Augusts Verfilmung von Peter Høegs Welterfolg 1997 in die Kinos kam, erwartete das Publikum eine frostige Anatomie der Einsamkeit und eine postkoloniale Abrechnung mit der dänischen Arroganz gegenüber Grönland. Stattdessen erhielten sie einen Thriller, der sich in den Konventionen Hollywoods verhedderte. Das größte Problem war dabei nicht die Kameraarbeit oder das Budget, sondern die Besetzung Von Smillas Gespür Für Schnee, die eine kulturelle Glättung vornahm, wo eigentlich Reibung und Fremdheit hätten herrschen müssen. Man verpflichtete Julia Ormond, eine britische Schauspielerin, die damals auf dem Zenit ihres Ruhms stand, um eine Frau zu verkörpern, deren gesamte Identität auf der Zerrissenheit zwischen der Inuit-Kultur ihrer Mutter und dem dänischen Erbe ihres Vaters fußt. Dieser castingtechnische Fehlgriff markiert den Moment, in dem die Filmindustrie entschied, dass Authentizität gegenüber der Starpower zweitrangig ist. Es ist ein klassisches Beispiel dafür, wie ein Stoff durch seine visuelle Übersetzung entkernt wird.

Die Wahl von Julia Ormond war damals aus kommerzieller Sicht nachvollziehbar, doch sie zerstörte die narrative Statik des Werks. Smilla Jaspersen ist im Buch keine klassische Heldin. Sie ist spröde, schwierig, oft unsympathisch und trägt eine tiefe, fast autistische Verbindung zur Kälte in sich. Ormond hingegen brachte eine Wärme und eine konventionelle Schönheit mit, die den inneren Konflikt der Figur zur bloßen Pose degradierte. Wer den Roman liest, spürt den Schmerz einer Frau, die in Kopenhagen nie ankommt und deren grönländische Wurzeln wie eine offene Wunde pulsieren. Im Film wirkt dieser Schmerz wie ein modisches Accessoire, das zwischen teuren Designermänteln getragen wird. Es geht hier nicht nur um die Hautfarbe oder die ethnische Herkunft, obwohl diese bei einer Inuit-Figur eine tragende Rolle spielen. Es geht um die Unfähigkeit der Filmindustrie, das Andere wirklich anders sein zu lassen.

Die Fehlkalkulation in der Besetzung Von Smillas Gespür Für Schnee

Wenn wir die Nebenrollen betrachten, wird das Dilemma noch deutlicher. Gabriel Byrne als der Mechaniker liefert eine solide Leistung ab, aber die Chemie zwischen ihm und Ormond folgt dem Standardrezept für romantische Thriller. Im Buch ist ihre Beziehung eine fragile Allianz zweier beschädigter Seelen, die sich kaum trauen, einander anzusehen. Im Film wird daraus eine fast schon behagliche Partnerschaft. Richard Harris als Dr. Andreas Tork verkörpert den Antagonisten mit einer Gravitas, die fast schon karikaturhaft wirkt. Das Problem dieser Besetzung Von Smillas Gespür Für Schnee liegt in ihrer Internationalität, die paradoxerweise zu einer totalen Ortlosigkeit führt. Man hört die verschiedenen Akzente, man sieht die bekannten Gesichter, und plötzlich ist man nicht mehr im eisigen Kopenhagen oder in den Weiten der Arktis, sondern in einem Studio in Babelsberg oder London. Die lokale Verankerung, die Peter Høegs Prosa so zwingend machte, löste sich in Luft auf.

Man könnte argumentieren, dass das internationale Kino solche Kompromisse braucht, um die hohen Produktionskosten wieder einzuspielen. Ein dänischsprachiger Film mit einer unbekannten grönländischen Hauptdarstellerin hätte 1997 vermutlich nicht die globalen Märkte erreicht. Doch genau hier liegt die Falle. Durch den Versuch, den Film für alle verständlich und attraktiv zu machen, verlor er das, was ihn für alle interessant hätte machen können: seine kompromisslose Einzigartigkeit. Die dänische Filmgeschichte zeigt mit Werken von Lars von Trier oder Thomas Vinterberg, dass gerade die radikale lokale Perspektive eine universelle Kraft entfalten kann. Bille August entschied sich für den Weg des geringsten Widerstands. Er schuf einen Film, der aussieht wie ein Blockbuster, sich anfühlt wie ein Blockbuster, aber die Seele eines literarischen Meisterwerks opferte.

Kritiker werfen oft ein, dass eine literarische Vorlage und ihre Verfilmung als getrennte Kunstwerke betrachtet werden sollten. Das ist theoretisch richtig, funktioniert in der Praxis aber nur, wenn der Film eine eigene, konsistente Vision entwickelt. Wenn eine Produktion jedoch so massiv mit dem Namen des Bestsellers wirbt, muss sie sich an dessen emotionaler Wahrheit messen lassen. Die Besetzung der Hauptrolle mit einer Europäerin, die man ein bisschen dunkler schminkte und deren Haare man schwärzte, war schon damals ein Anachronismus. Es war eine Form des kulturellen Voyeurismus, die das Leid der Inuit als Kulisse für ein europäisches Drama nutzte, ohne den Betroffenen eine eigene Stimme oder gar ein eigenes Gesicht zu geben. Die grönländische Perspektive wurde im wahrsten Sinne des Wortes unsichtbar gemacht.

Ein Blick auf die Produktionshintergründe offenbart, wie sehr das Projekt unter dem Druck der Erwartungen stand. Bernd Eichinger, der den Film produzierte, war bekannt für sein Gespür für große Stoffe, neigte aber auch dazu, diese für ein Massenpublikum zu glätten. Er wollte großes Kino, Weltkino. Aber Weltkino entsteht nicht dadurch, dass man lokale Identitäten auslöscht. Es entsteht durch den Mut zur Lücke, durch das Vertrauen in die Kraft der authentischen Besetzung. Man stelle sich vor, welche Wucht der Film gehabt hätte, wenn eine echte grönländische Schauspielerin gegen die Kopenhagener Kälte angespielt hätte. Die Isolation der Figur wäre physisch spürbar gewesen. Man hätte nicht erst durch Dialoge erfahren müssen, dass Smilla eine Außenseiterin ist. Man hätte es in jedem Blick, in jeder Geste und in der Art, wie sie sich im Raum bewegt, gesehen.

Skeptiker behaupten gern, dass es damals gar keine qualifizierten Inuit-Schauspielerinnen für eine solche Weltproduktion gegeben hätte. Das ist ein bequemes Argument, das die strukturelle Vernachlässigung indigener Talente ignoriert. Es gab sie, man suchte nur nicht nach ihnen. Man suchte nach Sicherheit. Und Sicherheit ist im künstlerischen Prozess oft der Tod der Wahrheit. Die Entscheidung für Ormond war eine Entscheidung für das Marketing und gegen die Geschichte. Das zeigt sich besonders in den Szenen, in denen Smilla über das Eis spricht. Im Buch sind diese Passagen lyrische Abhandlungen über verschiedene Zustände von gefrorenem Wasser, die Smillas gesamte Weltsicht widerspiegeln. Im Film wirken diese Monologe seltsam deplatziert, fast wie auswendig gelernte Lexikoneinträge, weil die Darstellerin keine organische Verbindung zu dem hat, was sie beschreibt.

Das System der kulturellen Aneignung im 90er-Jahre-Kino

Es gibt einen Mechanismus hinter diesen Fehlentscheidungen, der tief in der Funktionsweise der damaligen Studiosysteme verwurzelt war. Man betrachtete Stoffe aus Skandinavien oder anderen kleineren Märkten als Rohmaterial, das erst durch den Filter englischsprachiger Stars veredelt werden musste. Dieser Veredelungsprozess ist in Wahrheit eine Entwertung. Er unterstellt, dass die ursprüngliche Form nicht gut genug oder nicht massentauglich genug sei. Das System funktionierte nach der Logik, dass das Publikum jemanden braucht, mit dem es sich identifizieren kann – und diese Identifikationsfigur musste in den Augen der Produzenten weiß und konventionell attraktiv sein. Damit wurde der eigentliche Kern von Høegs Roman, die Kritik an genau diesem eurozentrischen Blick, komplett untergraben. Der Film wurde zu dem, was das Buch anprangerte.

Ich erinnere mich an Gespräche mit Kinogängern, die den Roman nicht kannten und den Film als soliden Krimi empfanden. Das ist vielleicht das traurigste Urteil. Ein Werk wie Smillas Gespür für Schnee darf nicht nur solide sein. Es muss verstören. Es muss die Kälte in die Knochen der Zuschauer treiben. Wenn man das Kino verlässt und sich fragt, warum die Frau im Pelzmantel so traurig schaute, anstatt die Wut über ein koloniales Unrechtssystem zu spüren, dann ist die künstlerische Mission gescheitert. Die schauspielerische Besetzung trägt hierfür die Hauptverantwortung, weil sie die Brücke zwischen dem Zuschauer und der Geschichte bildet. Wenn diese Brücke aus Kunststoff ist, wird man das Ziel nie erreichen.

Die Konsequenzen solcher Fehlentscheidungen reichen weit über einen einzelnen Film hinaus. Sie zementieren Sehgewohnheiten und verhindern, dass diverse Stimmen Gehör finden. Wenn wir heute über Repräsentation im Film diskutieren, ist dieser Fall ein Paradebeispiel dafür, wie man es nicht machen sollte. Es reicht nicht, eine Geschichte über eine Minderheit zu erzählen, man muss sie mit dieser Minderheit erzählen. Alles andere bleibt Folklore. Der Film von 1997 ist heute fast vergessen, während der Roman weiterhin als Meilenstein gilt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die literarische Smilla eine Authentizität besitzt, die ihre filmische Kopie nie erreichen konnte. Das Buch bleibt im Gedächtnis, weil es uns eine Welt zeigt, die wir nicht kennen. Der Film verschwindet, weil er uns nur das zeigt, was wir ohnehin schon tausendmal gesehen haben.

Man kann die Qualität eines Films nicht nur an seinen handwerklichen Parametern messen. Man muss fragen, ob er seiner eigenen Prämisse treu bleibt. Wenn eine Geschichte behauptet, von der Einzigartigkeit einer Kultur und der Unübersetzbarkeit bestimmter Erfahrungen zu handeln, dann darf sie sich nicht einer universellen Filmsprache unterwerfen, die genau diese Unterschiede einebnet. Die Wahl der Schauspieler ist dabei das stärkste Signal, das ein Regisseur aussenden kann. Bille August sendete das Signal, dass er dem Stoff nicht traute. Er traute dem Publikum nicht zu, eine echte Grönländerin auf der Leinwand zu akzeptieren. Er traute der Stille des Eises nicht und füllte sie mit orchestralem Pathos und bekannten Gesichtern. Damit machte er aus einem existenziellen Drama ein Produkt von der Stange.

Es ist nun mal so, dass das Kino ein Geschäft ist, aber wenn das Geschäft die Kunst so sehr dominiert, dass die Logik der Geschichte kollabiert, dann bleibt am Ende nur eine hübsche Hülle ohne Inhalt übrig. Wir sehen heute eine langsame Veränderung in der Branche. Es gibt mehr Bewusstsein für kulturelle Nuancen. Doch der Blick zurück auf die Fehler der Vergangenheit ist notwendig, um zu verstehen, warum bestimmte Filme altern wie Milch und andere wie Wein. Dieser Film gehört zur ersten Kategorie. Er ist ein Dokument seiner Zeit, einer Zeit der Ignoranz gegenüber dem Reichtum indigener Identitäten. Die Besetzung war kein Zufall, sondern ein Symptom. Ein Symptom für die Angst vor der Fremdheit, die Smilla im Roman so meisterhaft verkörpert.

Wer heute den Film noch einmal sieht, wird feststellen, dass er sich seltsam hohl anfühlt. Die Bilder sind schön, die Musik ist stimmungsvoll, aber die Mitte fehlt. Julia Ormond kämpft sichtlich mit einer Rolle, die nicht für sie geschrieben wurde. Man sieht ihr die Anstrengung an, diese fremde Kälte zu mimen, anstatt sie einfach zu sein. Es ist ein schauspielerischer Kampf gegen den eigenen Typus, den man nur verlieren kann. Hätte man den Mut gehabt, die Rolle mit einer Frau zu besetzen, die diese Kälte in ihrer DNA trägt, wäre der Film vielleicht ein Klassiker geworden. So bleibt er eine Fußnote der Filmgeschichte, ein mahnendes Beispiel dafür, dass man den Geist eines Buches nicht durch bloßes Abfilmen der Handlung einfangen kann.

Das Kino muss lernen, dass Repräsentation kein Bonus ist, sondern das Fundament einer glaubwürdigen Erzählung. Wenn wir weiterhin zulassen, dass Geschichten über das Andere durch den Filter der Mehrheitsgesellschaft erzählt werden, berauben wir uns selbst der Chance, wirklich Neues zu erfahren. Smilla Jaspersen hätte uns viel über das Überleben in einer feindlichen Welt beibringen können. Im Film wurde sie zu einer Frau, die nur lernen musste, wie man in einem Thriller überlebt. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Die Kälte des Schnees lässt sich nicht simulieren, man muss sie spüren, und das Publikum spürt sofort, wenn man ihm eine Kulisse aus Styropor als ewiges Eis verkauft.

Echte künstlerische Integrität zeigt sich darin, dem Unbequemen Raum zu geben. Smilla war unbequem. Der Film versuchte, sie bequem zu machen. Er scheiterte grandios an seinem eigenen Anspruch, ein großes Epos zu sein, weil er das Kleine, das Feine und das kulturell Spezifische für einen glanzvollen Schein opferte. Wir sollten Filme nicht danach bewerten, wie viele bekannte Namen auf dem Plakat stehen, sondern danach, wie sehr sie es wagen, uns in eine Welt zu entführen, die wir ohne sie nie betreten hätten.

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Wahre Authentizität lässt sich nicht durch Schminke und Akzente erzwingen, sondern nur durch den Mut, dem Fremden sein eigenes Gesicht zu lassen.

LZ

Lisa Zimmermann

Zwischen Tagesaktualität und Hintergrundanalyse bringt Lisa Zimmermann Struktur in komplexe Themenlagen.