beuys i like america and america likes me

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Ich habe es in den letzten fünfzehn Jahren immer wieder erlebt: Ein Museum plant eine ambitionierte Retrospektive, und das Herzstück soll die berühmte Aktion Beuys I Like America and America Likes Me sein. Die Verantwortlichen haben die Theorie im Kopf, kennen jedes Foto von Joseph Beuys im Filzanzug und haben die kunsthistorischen Abhandlungen über den Schamanismus gelesen. Doch dann kommt der Moment der Umsetzung, und alles bricht zusammen. Ein Kurator in einer mittelgroßen deutschen Stadt wollte vor ein paar Jahren die Energie dieser Performance unbedingt durch eine Reinszenierung oder eine extrem materiallastige Installation einfangen. Er investierte 40.000 Euro in Original-Filzbahnen, Kojoten-Relikte und Videotechnik. Am Ende stand er in einer Halle, die wie ein schlecht sortiertes Stofflager wirkte, während das Publikum ratlos an den Exponaten vorbeilief. Er hatte vergessen, dass diese Aktion kein Standbild ist, sondern ein hochgefährlicher Prozess. Der Fehler kostete ihn nicht nur das Budget, sondern auch die Glaubwürdigkeit bei den Leihgebern.

Die falsche Ehrfurcht vor Beuys I Like America and America Likes Me

Der größte Fehler, den Einsteiger machen, ist die Annahme, dass man diese Aktion durch bloße Akkumulation von Filz und Fett erklären kann. In meiner Zeit als technischer Leiter für Ausstellungen habe ich gesehen, wie Leute versuchen, den Geist von 1974 zu kopieren, indem sie die Ästhetik nachbauen. Das ist purer Kitsch. Joseph Beuys flog damals nach New York, ließ sich in Filz einwickeln und verbrachte Tage mit einem lebenden Kojoten in der René Block Gallery. Wenn du heute versuchst, das Thema rein museal zu "konservieren", ohne die radikale Unmittelbarkeit zu verstehen, produzierst du nur tote Objekte.

Die Lösung ist schmerzhaft direkt: Du musst die physische Gefahr und die Isolation begreifen. Die Aktion war kein gemütliches Happening. Es war eine Konfrontation mit einem Wildtier, das für die traumatische Geschichte Amerikas stand. Wer nur die Filzdecke sieht, sieht gar nichts. Wer den Kojoten nur als nettes Tierbild versteht, hat den Kern der Arbeit verpasst. Man muss den Fokus weg von der "schönen" Dokumentation hin zur psychologischen Belastung verschieben.

Logistik ist kein Nebenschauplatz sondern das Fundament

Ich habe Teams gesehen, die monatelang über die politische Bedeutung des Werks diskutierten, aber erst zwei Wochen vor Eröffnung feststellten, dass sie keine Ahnung hatten, wie sie die empfindlichen Papierarbeiten oder die Videoaufzeichnungen der Aktion eigentlich präsentieren sollten. Wenn du Beuys I Like America and America Likes Me ausstellen willst, musst du über Klimatechnik und Lichtschutzfaktoren sprechen, nicht nur über die soziale Plastik.

Ein konkretes Beispiel aus der Praxis: Ein Team plante eine Ausstellung und wollte die originale Videodokumentation auf einem modernen 80-Zoll-Flachbildschirm zeigen. Das sieht schrecklich aus. Die Körnigkeit des Materials, die spezifische Lichtstimmung der Galerie in Soho – das alles geht verloren, wenn man es mit moderner Technik "optimiert".

Das Problem der Materialermüdung

Filz zieht Motten an. Das klingt banal, ist aber in der Museumspraxis ein Albtraum. Ich habe erlebt, wie eine Leihgabe im Wert von mehreren Hunderttausend Euro durch mangelhafte Schädlingsprävention fast zerstört wurde. Man denkt an die Kunst, aber man muss an die Biologie denken. Wer hier spart, zahlt später das Zehnfache für die Restaurierung.

Beuys I Like America and America Likes Me und der Mythos der einfachen Interpretation

Viele denken, man könne die Bedeutung der Performance in einem kurzen Wandtext zusammenfassen. "Beuys heilt das amerikanische Trauma." Das ist der Moment, in dem die Besucher geistig abschalten. In meiner Erfahrung funktioniert dieser Prozess nur, wenn man die Ambivalenz stehen lässt. Beuys war kein Heiliger, er war ein Konstrukteur von Mythen.

Der Fehler liegt darin, den Künstlermythos ungefiltert zu übernehmen. Wer die Aktion heute zeigt, muss die kritischen Fragen zur Aneignung indigener Symbole zulassen. Wenn du das Thema so behandelst, als wäre es eine heilige Reliquie, verlierst du das junge Publikum. Die Leute merken, wenn man ihnen eine vorgekaute Meinung servieren will. Sie wollen die Reibung spüren, die Beuys zwischen sich und dem Tier erzeugte.

Vorher und Nachher beim Ausstellungsdesign

Schauen wir uns an, wie eine Präsentation scheitert und wie sie funktioniert.

Im falschen Szenario betritt der Besucher einen hell erleuchteten Raum. An der Wand hängen fünf gerahmte Schwarz-Weiß-Fotos in perfekter Symmetrie. In der Mitte liegt ein Haufen Filz, ordentlich gefaltet. Ein Textboard erklärt langatmig, was ein Kojote symbolisiert. Der Effekt: Der Besucher liest zwei Sätze, schaut kurz auf den Filz und geht zum nächsten Raum. Kosten für die Leihgaben: 15.000 Euro. Wirkung: Null.

Im richtigen Szenario, wie ich es einmal in einer Industriehalle umgesetzt sah, ist die Beleuchtung gedimmt. Die Tonspur der Aktion – das Klappern des Stocks, das Jaulen des Tieres – ist dezent, aber räumlich präsent. Die Fotos sind nicht chronologisch sortiert, sondern folgen der emotionalen Intensität der Tage in der Galerie. Der Filz liegt nicht ordentlich da, sondern wirkt so, als wäre er gerade erst abgeworfen worden. Die Materialien atmen. Der Besucher bleibt stehen, weil er die Enge des Raumes physisch spürt. Er versteht die Isolation, ohne dass er ein Buch darüber lesen muss. Das kostet vielleicht sogar weniger Geld, erfordert aber ein tiefes Verständnis für die Inszenierung von Raum und Zeit.

Die Arroganz der Theorie gegenüber der Praxis

Ein häufiger Fehler bei Projekten rund um dieses Werk ist die Überbetonung des theoretischen Überbaus durch externe Berater oder Kunsthistoriker, die noch nie eine Kiste mit Exponaten geschleppt haben. Diese Leute erzählen dir zwei Stunden lang etwas über die Verbindung von Eurasien und Amerika, können dir aber nicht sagen, wie man eine Vitrine so baut, dass das Fett darin bei 25 Grad Raumtemperatur nicht ranzig wird oder zu fließen beginnt.

Ich habe Projekte scheitern sehen, weil man sich auf die akademische Ebene zurückzog, als es schwierig wurde. Wenn die Technik versagt oder die Leihverträge platzen, hilft dir kein Zitat von Beuys über die Freiheit. Du brauchst einen Plan B für den Transport und eine Versicherung, die versteht, dass "ein Haufen Dreck" (wie manche Zollbeamte es nennen würden) in Wahrheit ein unersetzliches Kulturgut ist.

Die Kosten der Unwissenheit

Versicherungsprämien für Beuys-Werke sind astronomisch. Wenn du nicht nachweisen kannst, dass du Erfahrung mit der Handhabung dieser spezifischen Materialien hast, stufen dich die Versicherer hoch. Ein kleiner Fehler im Protokoll bei der Anlieferung, und deine Prämie steigt um 20 Prozent. Das ist Geld, das am Ende bei der Vermittlung und der Pädagogik fehlt.

Warum die pädagogische Vermittlung oft am Ziel vorbeischießt

Man versucht oft, die Aktion durch Mitmach-Stationen "erlebbar" zu machen. Das ist meistens peinlich. Ich habe Museen gesehen, die Kinder mit Filzstücken basteln ließen, um das Werk zu erklären. Das ist der sicherste Weg, die Ernsthaftigkeit der Arbeit zu untergraben.

Die Lösung ist nicht die Vereinfachung, sondern die Konfrontation. Man sollte den Leuten zeigen, wie extrem die Bedingungen in New York waren. Dass Beuys den Boden der USA nie betreten wollte und sich deshalb auf einer Trage vom Flughafen zur Galerie bringen ließ. Das ist eine Geschichte über Konsequenz. Wenn man das vermittelt, verstehen die Menschen auch ohne Kunststudium, dass es hier um mehr geht als um ein bisschen Performance. Es geht um eine radikale Verweigerung.

Die Illusion der Vollständigkeit

Niemand wird jemals die ganze Wahrheit über diese Tage im Mai 1974 abbilden können. Ein großer Fehler ist der Versuch, jede Sekunde dokumentieren zu wollen. Das überfordert das Publikum. Man muss auswählen. In meiner Praxis hat sich gezeigt, dass drei starke, großformatige Bilder mehr bewirken als fünfzig kleine Skizzen in einer Tischvitrine.

Man muss den Mut haben, Lücken zu lassen. Beuys selbst arbeitete mit Leerstellen. Er nutzte das Schweigen und das Warten. Wenn deine Ausstellung zum Thema so vollgestopft ist, dass man keine Luft zum Atmen hat, dann hast du genau das Gegenteil von dem erreicht, was die Aktion eigentlich war: ein Raum für Transformation.

Der Realitätscheck für dein Projekt

Wenn du dich wirklich an dieses Thema wagst, musst du dir eine Frage stellen: Hast du die Ressourcen, um die physische Last dieser Kunst zu tragen? Das ist kein Projekt für zwischendurch. Es ist teuer, es ist logistisch mühsam, und es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Leute es missverstehen, wenn du nicht absolut präzise arbeitest.

Du brauchst mindestens sechs Monate Vorlaufzeit nur für die konservatorische Klärung. Du brauchst Partner, die keine Angst vor Fettflecken auf dem Boden oder dem Geruch von altem Filz haben. Und du brauchst ein Team, das bereit ist, die gesamte Theorie über Bord zu werfen, wenn die Realität des Raumes etwas anderes verlangt. Es gibt keine Abkürzung. Wer glaubt, mit ein paar Kopien und einem Beamer eine wirkungsvolle Schau zu Beuys I Like America and America Likes Me zu machen, wird kläglich scheitern. Das ist die harte Realität in diesem Bereich. Du musst bereit sein, dich schmutzig zu machen, metaphorisch und manchmal auch buchstäblich. Wenn du dazu nicht bereit bist, lass es lieber bleiben und stell ein paar schöne Ölgemälde aus. Das spart dir Nerven und eine Menge Geld.

CF

Clara Fischer

In den Artikeln von Clara Fischer stehen Kontext, Genauigkeit und gesellschaftliche Relevanz im Mittelpunkt.