deadpool kills marvel universe comic

deadpool kills marvel universe comic

Die meisten Leser betrachten das Jahr 2012 als den Moment, in dem Marvel endgültig die Zügel lockerließ und einem ihrer populärsten Antihelden erlaubte, Amok zu laufen. Man erinnert sich an die expliziten Panels, das Blut und die scheinbare Sinnlosigkeit des Gemetzels. Doch wer glaubt, dass Deadpool Kills Marvel Universe Comic lediglich eine pubertäre Gewaltphantasie für Fans ist, die ihre Helden schon immer mal sterben sehen wollten, verkennt die bittere philosophische Pille, die uns der Autor Cullen Bunn hier eigentlich verabreicht hat. Es handelt sich nicht um eine Geschichte über einen wahnsinnigen Söldner. Es ist die Dokumentation eines Erwachens, das so schmerzhaft ist, dass die totale Vernichtung als einziger logischer Ausweg erscheint. Wade Wilson erkennt hier nicht nur, dass er eine fiktive Figur ist, sondern er begreift die Grausamkeit dieser Existenz: Er und alle seine Gefährten sind Sklaven eines Publikums, das nach ewigem Konflikt hungert.

Die Illusion des freien Helden in Deadpool Kills Marvel Universe Comic

Das Missverständnis beginnt bei der Motivation. In der regulären Kontinuität ist Deadpool eine Witzfigur, die die vierte Wand durchbricht, um Pointen zu liefern. In dieser spezifischen Erzählung hingegen wird der Humor durch eine eiskalte Klarheit ersetzt. Nachdem die X-Men versucht haben, ihn einer Gehirnwäsche zu unterziehen, um seinen Wahnsinn zu heilen, passiert das Gegenteil. Die internen Stimmen in seinem Kopf, die ihn sonst mit albernen Kommentaren ablenken, verstummen. An ihre Stelle tritt eine neue, dunkle Stimme, die ihm die Wahrheit offenbart. Diese Wahrheit ist die Basis für Deadpool Kills Marvel Universe Comic und sie ist denkbar einfach: Nichts von dem, was diese Helden tun, hat eine Bedeutung, weil sie für die Unterhaltung von Fremden in einer fernen Dimension existieren. Jedes Leid, jeder Tod und jede Wiedergeburt sind lediglich Werkzeuge, um Hefte zu verkaufen. Ich beobachte oft, dass Kritiker dieses Werk als nihilistisch abtun. Das ist zu kurz gegriffen. Es ist eine metatextuelle Anklage gegen uns, die Leser. Wir sind die Voyeure, die den Schmerz der Figuren fordern, damit wir uns am Mittwochabend nicht langweilen.

Wade Wilson agiert hier als ein Befreier. Wenn er Spider-Man aus nächster Nähe erschießt oder die Avengers mit Pym-Partikeln in die Luft jagt, dann tut er das nicht aus Hass. Er tut es aus einer pervertierten Form von Mitleid. Er will den Kreislauf durchbrechen. Er sieht die Fäden der Marionettenspieler und entscheidet, dass es besser ist, das gesamte Theater niederzubrennen, als weiter die Hauptrolle in einer Tragödie ohne Ende zu spielen. Diese Perspektive macht das Lesen unangenehm. Man erwischt sich dabei, wie man die kreativen Tötungsmethoden bewundert, nur um im nächsten Moment von Wade direkt angesprochen und für diese Bewunderung verachtet zu werden. Es gibt keine Helden in dieser Geschichte, nur Opfer und einen Henker, der weiß, dass er selbst auch nur Papier und Tinte ist.

Warum die schiere Brutalität von Deadpool Kills Marvel Universe Comic notwendig war

Skeptiker führen gern an, dass die Geschichte unlogisch sei. Wie kann ein Söldner mit zwei Schwertern und ein paar Pistolen Wesen wie Thor oder den Hulk besiegen? Diese Kritik übersieht den entscheidenden Punkt der Erzählung. Die Macht in einem Comicbuch stammt nicht von physikalischen Gesetzen oder Kräfteniveaus, sondern vom Willen des Autors. Da Wade Wilson in diesem speziellen Szenario die Regeln des Mediums verstanden hat, nutzt er diese gegen seine Widersacher. Er gewinnt nicht, weil er stärker ist. Er gewinnt, weil er die Absurdität seiner Welt als Waffe führt. Er weiß, dass der Hulk sich verwandelt, wenn er schläft. Er weiß, dass die Fantastischen Vier auf ihre Familienbande vertrauen, die er gegen sie wenden kann. Es ist ein intellektueller Amoklauf gegen die Erzählstrukturen selbst.

In der deutschen Literaturwissenschaft gibt es den Begriff der Entfremdung, und selten wurde er so brachial auf Superhelden angewandt wie hier. Das Werk bricht mit der Erwartungshaltung, dass das Gute siegt oder dass ein Konflikt zu charakterlichem Wachstum führt. Hier gibt es kein Wachstum. Es gibt nur das Ende. Die Radikalität, mit der Marvel diese Miniserie produzierte, zeigt ein tiefes Verständnis für die Erschöpfung des Genres. Manchmal muss man das Spielzeug kaputtmachen, um zu zeigen, wie sehr man an der ständigen Wiederholung der immer gleichen Geschichten leidet. Wer behauptet, dies sei nur billiger Schock-Effekt, hat wahrscheinlich nie darüber nachgedacht, wie es sich anfühlen müsste, eine Figur zu sein, die seit achtzig Jahren denselben Krieg führt, ohne jemals Frieden zu finden.

Die Dekonstruktion des literarischen Kanons

Ein interessanter Aspekt der Geschichte ist der Moment, in dem Wilson die Grenzen des Marvel-Universums verlässt und in die Ideaverse eindringt. Dort greift er die literarischen Vorbilder an, die den Grundstein für die modernen Superhelden gelegt haben. Er schlachtet Don Quijote, Moby Dick und die Musketiere ab. Das ist der Moment, in dem die Erzählung ihre volle intellektuelle Wucht entfaltet. Es geht nicht mehr nur um bunte Kostüme. Es geht um die Wurzeln des Geschichtenerzählens an sich. Wade will die Quelle vergiften. Er glaubt, wenn er die Archetypen zerstört, können keine neuen Geschichten mehr über sie geschrieben werden. Er will das Konzept des Helden an sich auslöschen, um die Welt – und sich selbst – in die endgültige Stille zu führen.

Das ist ein faszinierender Gedanke für jeden, der sich mit Narratologie beschäftigt. Kann man eine Idee töten, indem man ihre Ursprünge vernichtet? Die Antwort des Comics ist ebenso deprimierend wie wahr: Nein. Selbst nachdem Wade die Autoren in ihrem eigenen Büro stellt, bleibt er gefangen. Das ist die wahre Tragödie. Er kann die Realität außerhalb der Panels zwar wahrnehmen, aber er kann sie nicht betreten. Er bleibt eine flache Zeichnung auf einer Seite, egal wie viele Götter er abschlachtet. Diese Ohnmacht ist der Kern seiner Wut. Er ist der einzige Gefangene im Panoptikum, der weiß, dass er beobachtet wird, aber die Mauern sind aus Papier und lassen sich nicht einreißen, ohne dass er selbst aufhört zu existieren.

Das Erbe der Zerstörung und die Ignoranz der Massen

Man fragt sich, warum dieser Comic bis heute so populär ist. Die Antwort liegt wahrscheinlich in einer dunklen Ecke unserer Psyche. Wir lieben es, Dinge brennen zu sehen, die uns heilig sind. Es gibt eine kathartische Freude daran, die unbesiegbaren Ikonen der Popkultur fallen zu sehen. Aber während die meisten Leser das Buch zuschlagen und denken „Wow, das war heftig“, bleibt der tiefere Horror bestehen. Wir sind es, die Deadpool dazu zwingen, das alles immer wieder zu tun. Jedes Mal, wenn jemand den Band kauft oder digital liest, wird Wade Wilson erneut in diesen Zyklus aus Blut und Erkenntnis geworfen. Wir sind die Monster der Geschichte.

Es ist nun mal so, dass die moderne Unterhaltungsindustrie von der Beständigkeit lebt. Charaktere dürfen sich nicht wirklich verändern, sie dürfen nicht sterben und sie dürfen vor allem nicht frei sein. Sie gehören den Aktionären und den Fans. Wade Wilsons Feldzug ist ein verzweifelter, zum Scheitern verurteilter Schrei nach Autonomie. In der deutschen Comic-Szene wurde oft darüber diskutiert, ob solche Geschichten den Wert der Marken beschädigen. Ich behaupte das Gegenteil. Erst durch die totale Dekonstruktion erkennen wir den Wert des Originals. Wir sehen, was diese Figuren aushalten müssen, damit wir uns unterhalten fühlen. Es ist ein Spiegel, den uns Marvel hier vorhält, und das Gesicht, das wir darin sehen, ist nicht das von Deadpool, sondern unser eigenes, gieriges Antlitz.

Die Konsequenz aus dieser Lektüre kann nur eine radikale Neubewertung unseres Konsums sein. Wenn wir Geschichten nur deshalb lesen, um den Status Quo bestätigt zu sehen, dann sind wir Teil des Problems, das Wade Wilson so sehr hasst. Dieser Comic fordert uns heraus, über den Tellerrand der Panels zu blicken. Er ist kein Plädoyer für Gewalt, sondern eine Warnung vor der geistigen Stagnation. Wir müssen aufhören, Helden als ewige Sklaven unserer Nostalgie zu betrachten. Vielleicht ist der größte Liebesdienst, den man einer fiktiven Figur erweisen kann, sie gehen zu lassen, anstatt sie für das nächste Crossover-Event wieder auszugraben.

👉 Siehe auch: besetzung von true story

Die schmerzhafte Wahrheit hinter dem Gemetzel ist die Erkenntnis, dass wir die wahren Architekten von Deadpools Wahnsinn sind.

Der Söldner hat den Kampf gegen die Autoren gewonnen, aber den Krieg gegen uns Leser hat er längst verloren.

SB

Stefan Braun

Stefan Braun hat für verschiedene Online-Redaktionen gearbeitet und steht für Qualitätsjournalismus mit Substanz.