Manche Filme altern wie ein guter Wein, andere wie eine vergessene Milchpackung in der Sommersonne. Wenn wir heute auf das Jahr 1990 zurückblicken, sehen wir ein Werk, das sieben Oscars abräumte und ein ganzes Genre im Alleingang rehabilitierte. Die Rede ist von Der Der Mit Dem Wolf Tanzt, einem Epos, das uns beibrachte, den Wilden Westen mit anderen Augen zu sehen. Wir glaubten damals, einen Akt der Wiedergutmachung zu erleben. Wir sahen Kevin Costner dabei zu, wie er als John Dunbar die Uniform der Nordstaaten gegen das Leder der Lakota tauschte, und fühlten uns dabei furchtbar progressiv. Doch wer heute mit einem journalistischen Seziermesser an diesen Klassiker herangeht, merkt schnell, dass die vermeintliche Empathie nur eine Maske für eine tief sitzende Eitelkeit war. Das Werk hat uns nicht die Geschichte der amerikanischen Ureinwohner erzählt. Es hat uns lediglich gezeigt, wie sich ein weißer Mann darin sonnt, der bessere Indianer zu sein. Das ist kein Zufall, sondern das Fundament einer filmischen Erzählweise, die wir viel zu lange ungefragt als authentisch akzeptiert haben.
Die erste große Fehlannahme liegt in der Behauptung, dieses Epos sei historisch akkurat oder gar eine respektvolle Annäherung an die Kultur der Sioux. In Wahrheit ist die Darstellung der indigenen Völker in diesem Streifen eine Form von spirituellem Tourismus. Dunbar stolpert in eine Welt, die er nicht versteht, und innerhalb einer filmischen Laufzeit, die zwar lang ist, aber kaum Jahrzehnte umfasst, wird er zum Retter, zum Berater und zum moralischen Kompass des Stammes. Das ist das klassische Motiv des weißen Erlösers. Es suggeriert, dass eine jahrtausendealte Kultur erst durch die Ankunft und die Bestätigung eines Außenstehenden ihren wahren Wert findet. Ich habe oft mit Historikern über diese Ära gesprochen, und sie betonen immer wieder die Komplexität der interkulturellen Beziehungen jener Zeit. Der Film vereinfacht diese Dynamik zu einer Wohlfühl-Erzählung für ein weißes Publikum, das sich nach der harten Ära der klassischen Western nach ein bisschen moralischer Entlastung sehnte.
Warum Der Der Mit Dem Wolf Tanzt das Problem verschärfte
Indem das Werk die Lakota als die edlen Wilden und die Pawnee als die blutrünstigen Bestien zeichnete, beging es denselben Fehler wie die alten Filme der fünfziger Jahre. Nur die Vorzeichen wurden verschoben. Das ist keine differenzierte Darstellung, sondern eine plumpe Kategorisierung in Gut und Böse, die den echten Menschen ihrer Zeit nie gerecht wurde. Die Realität war weit weniger romantisch. Stämme wie die Pawnee kämpften ums Überleben und schlossen Allianzen mit der US-Regierung, nicht weil sie von Natur aus grausam waren, sondern weil sie sich gegen die Expansion der Sioux wehren mussten. Diese politischen Nuancen opferte die Regie einer simplen Heldenreise. Wir bekamen keine Geschichte über die indigenen Amerikaner, sondern eine Geschichte über die moralische Läuterung eines US-Soldaten. Die Ureinwohner fungierten dabei lediglich als Kulisse für seine persönliche Entwicklung.
Die Illusion der Sprache und des Raums
Ein oft genanntes Argument für die Qualität der Produktion ist der Gebrauch der Lakota-Sprache. Das klingt erst einmal nach einem riesigen Fortschritt. Man engagierte Berater, man ließ die Schauspieler mühsam Dialoge büffeln. Doch wer genauer hinsieht, erkennt die Ironie. Die Sprachmuster wurden oft vereinfacht, und viele der Darsteller waren gar keine Lakota. Es war eine akustische Kulisse. Sie sollte uns Authentizität vorgaukeln, während die Kameraeinstellungen konsequent darauf fokussiert blieben, wie Dunbar auf das Geschehen reagierte. Der Blickwinkel blieb westlich. Wir schauen nicht mit den Augen des Stammes auf den Eindringling. Wir schauen mit dem Eindringling auf die Exoten. Das ist ein entscheidender Unterschied in der Erzähltheorie. Wenn eine Kamera immer wieder das Gesicht des Protagonisten sucht, um seine Rührung oder seine Verwirrung einzufangen, dann gehört ihm die Geschichte. Die anderen Figuren sind nur Statisten in seinem Erleuchtungstrip.
Man kann natürlich einwenden, dass der Film für seine Zeit revolutionär war. Dass er das Schweigen über den Genozid an den Ureinwohnern brach. Das ist das stärkste Argument der Verteidiger. Sie sagen, ohne diesen Erfolg hätte es Filme wie Smoke Signals oder Serien wie Reservation Dogs nie gegeben. Ich halte das für einen Trugschluss. Die Branche nutzte den Erfolg eher, um eine Schablone zu kreieren, die indigene Identität auf eine nostalgische, fast museale Ebene reduzierte. Man erlaubte den Ureinwohnern, auf der Leinwand zu existieren, solange sie in die Vergangenheit verbannt blieben und keine unbequemen Fragen über die Gegenwart stellten. Dieser Film zementierte das Bild des Indianers als eine tragische Figur der Geschichte, die zum Verschwinden verurteilt ist. Damit entließ er die Zuschauer aus der Verantwortung für das aktuelle Unrecht.
Die Produktion war technisch brillant. Die Bilder von Dean Semler sind nun mal atemberaubend. Die Büffeljagd bleibt eine der beeindruckendsten Sequenzen der Filmgeschichte. Aber technische Brillanz darf uns nicht blind für die ideologische Schieflage machen. Das Problem ist nicht, was gezeigt wurde, sondern was weggelassen wurde. Man zeigte uns den edlen Abschied, die traurige Flucht in die Berge. Man zeigte uns nicht die systematische Zerstörung der wirtschaftlichen Grundlagen, den Hunger und die kalte Bürokratie, die hinter dem Verschwinden der Grenze stand. Alles wurde in eine melancholische Soße aus Streichermusik und Sonnenuntergängen getaucht. Das ist die Gefahr solcher Monumentalwerke: Sie ersetzen echte Erinnerung durch eine ästhetisierte Lüge.
Die Vermarktung der Sehnsucht
Es gibt eine interessante Beobachtung aus der Zeit des Kinostarts. Die Verkaufszahlen für indianischen Schmuck und vermeintlich spirituelle Literatur schossen in die Höhe. Die Menschen wollten ein Stück von dieser Reinheit kaufen, die sie auf der Leinwand gesehen hatten. Dieser Konsumaspekt zeigt, wie sehr das Thema Der Der Mit Dem Wolf Tanzt eigentlich eine Marktlücke bediente. Es ging um die Sehnsucht des modernen, entfremdeten Menschen nach einer Naturverbundenheit, die er längst verloren hat. Der Film lieferte die perfekte Projektionsfläche. Er war ein Produkt, das uns erlaubte, uns gut zu fühlen, während wir gleichzeitig Teil des Systems blieben, das die ursprünglichen Kulturen zerstört hat. Die Ironie ist fast schon schmerzhaft. Ein Millionen-Dollar-Projekt der Traumfabrik nutzt das Leid eines fast vernichteten Volkes, um uns ein paar Stunden Eskapismus zu verkaufen.
Die Mechanismen der Oscar-Industrie
Warum haben die Juroren in Los Angeles diesen Film so geliebt? Ganz einfach: Er bestätigte das Selbstbild Hollywoods als Gewissen der Nation. Indem man Kevin Costner mit Preisen überschüttete, signalisierte man, dass die USA bereit waren, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Doch es war eine billige Form der Buße. Man zeichnete einen Film aus, der das Thema so aufbereitete, dass es niemanden wirklich wehtat. Echte Konfrontation sieht anders aus. Ein Film, der die Zuschauer wütend und verstört zurücklässt, gewinnt selten den Preis für den besten Film. Die Akademie bevorzugt die große Geste, das Pathos und die Gewissheit, dass am Ende alles einen Sinn hat, und sei es nur der, dass ein weißer Offizier seine Seele findet.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Aktivisten des American Indian Movement. Er sagte mir, dass solche Filme wie ein schönes Grabmal seien. Sie sehen toll aus, aber darunter liegt immer noch eine Leiche, über die niemand sprechen will. Das bringt es auf den Punkt. Wir haben uns von der Ästhetik blenden lassen. Wir haben die sanfte Erzählweise mit Wahrheit verwechselt. Wer heute die Reservate im Pine Ridge oder Rosebud besucht, sieht eine Realität, die nichts mit den weichgezeichneten Hügeln aus dem Kino zu tun hat. Dort herrscht Armut, dort herrscht der Kampf gegen die Vergessenheit. Die Romantisierung der Vergangenheit ist eine Form des Mundtotmachens. Wer den Indianer nur als berittenen Krieger im 19. Jahrhundert akzeptiert, verweigert ihm die Existenzberechtigung im 21. Jahrhundert.
Ein weiterer Aspekt ist die Darstellung von Männlichkeit. Dunbar ist der Prototyp des einsamen Wolfs, der im Wald zu sich selbst findet. Das ist ein uraltes literarisches Motiv, das bis zu James Fenimore Cooper zurückreicht. Es bedient die männliche Fantasie von Autonomie und Stärke fernab der Zivilisation. Die indigene Kultur ist hier nur das Instrument für diese Selbstfindung. Das ist im Kern zutiefst egoistisch. Du gehst in eine fremde Gemeinschaft, nimmst dir, was du für dein Seelenheil brauchst, und wenn es brenzlig wird, ziehst du weiter. Dass der Protagonist am Ende geht, um den Stamm nicht zu gefährden, wird als edles Opfer inszeniert. In Wahrheit ist es der ultimative dramaturgische Kniff, um die Figur wieder in das Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Er bleibt der tragische Held, während der Stamm als kollektive Masse im Hintergrund verblasst.
Wir müssen anfangen, diese Werke als das zu sehen, was sie sind: Zeitkapseln einer bestimmten weißen Mentalität. Sie sagen mehr über die neunziger Jahre aus als über das Jahr 1863. Es war die Zeit nach dem Kalten Krieg, man suchte nach neuen Feindbildern und neuen moralischen Gewissheiten. Der Westen war erschöpft, und die Rückkehr zum Natürlichen schien der perfekte Ausweg zu sein. Dass man dabei eine ganze Gruppe von Menschen zu Requisiten degradierte, wurde als notwendiges Übel für die große Kunst hingenommen. Aber Kunst ist nie neutral. Sie schafft Realitäten, und die Realität, die hier geschaffen wurde, ist eine der Bevormundung.
Wenn wir heute über die Verantwortung von Filmemachern sprechen, geht es nicht um Zensur. Es geht um den Mut, die Perspektive wirklich zu wechseln. Das bedeutet, Geschichten zu erzählen, in denen der weiße Beobachter nicht die Hauptperson ist. Es bedeutet, die Komplexität und den Schmerz zuzulassen, ohne ihn sofort in eine schöne Melodie aufzulösen. Wir haben jahrzehntelang geglaubt, wir hätten mit diesem Epos einen Meilenstein der Aufklärung erreicht. Tatsächlich haben wir nur eine besonders raffinierte Form der kulturellen Aneignung perfektioniert. Es ist an der Zeit, das Kostüm abzulegen und anzuerkennen, dass die wahre Geschichte der Ureinwohner Amerikas noch immer darauf wartet, ohne die Filter der Traumfabrik erzählt zu werden. Wir müssen lernen, dass die Welt sich nicht um die moralische Erleuchtung eines einzelnen Mannes dreht, egal wie gut er im Sattel sitzt.
Wahre Versöhnung mit der Geschichte beginnt erst dort, wo wir aufhören, uns selbst als die Helden in den Erzählungen anderer Menschen zu inszenieren.