die braut haut ins auge

die braut haut ins auge

Bernadette La Hengst erinnert sich an den Geruch von billigem Haarspray und den kalten Wind, der durch die Ritzen des besetzten Hauses in der Hafenstraße pfiff. Es war eine Zeit, in der Hamburgs Pflastersteine noch Geschichten von Widerstand und Aufbruch flüsterten. In den frühen neunziger Jahren fühlte sich die Musikszene der Hansestadt oft wie ein geschlossener Club an, dominiert von Männern in Lederjacken, die über Theorie und Distinktion stritten. Doch in einem schrammeligen Proberaum, zwischen Verstärkern, die gefährlich brummten, und Textblättern, die mit Kaffeeflecken übersät waren, entstand etwas, das die deutsche Poplandschaft dauerhaft verschieben sollte. Wenn die fünf Frauen ihre Instrumente einstöpselten, ging es nicht um Perfektion, sondern um eine dringliche, rohe Energie, die später als Die Braut Haut Ins Auge bekannt wurde. Es war die Geburtsstunde einer Formation, die den männlichen Blick auf den Rock’n’Roll nicht nur ignorierte, sondern ihn mit einer Mischung aus Charme und Biss einfach beiseite fegte.

Hamburg in jenen Jahren war ein Schmelztiegel. Während die sogenannte Hamburger Schule mit Bands wie Blumfeld oder Die Sterne das Intellektuelle und die diskursive Analyse suchte, wählte diese Gruppe von Musikerinnen einen Pfad, der zwar ebenso klug, aber weitaus körperlicher und direkter war. Sie spielten Beat-Musik mit einer Attitüde, die man heute vielleicht als Post-Punk bezeichnen würde, doch damals war es schlicht der Versuch, sich in einer lauten Welt Gehör zu verschaffen. Die Szene war geprägt von einer gewissen Schwere, einer deutschen Ernsthaftigkeit, die oft drohte, die Spielfreude zu ersticken. Peta Devlin, die Bassistin mit der markanten Stimme und dem untrüglichen Gespür für Melodien, brachte eine Prise Country und Rockabilly ein, was den Sound der Band von den oft spröden Klängen ihrer Zeitgenossen abhob.

In den Kneipen von St. Pauli, wo das Bier noch in kleinen Gläsern serviert wurde und der Rauch so dicht stand, dass man die Bühne kaum sehen konnte, wuchsen die ersten Songs. Es waren Lieder über Sehnsucht, über das Frausein in einer Welt, die Frauen oft nur als schmückendes Beiwerk sah, und über die schiere Lust am Lärm. Bernadette La Hengst, die später als Solokünstlerin und Theatermacherin zu einer der wichtigsten Stimmen des deutschen Kulturbetriebs reifte, war damals die treibende Kraft an der Gitarre. Ihr Spiel war ungestüm, fast ein wenig trotzig, als wollte sie mit jedem Akkord beweisen, dass die Bühne ihr gehörte.

Das Manifest von Die Braut Haut Ins Auge

Als die erste Veröffentlichung erschien, war das Staunen groß. Man hatte in Deutschland selten eine Band gehört, die so unbekümmert zwischen den Genres tänzelte. Die Texte waren scharf beobachtet, oft humorvoll, aber nie albern. Es ging um die Ambivalenz des Alltags, um die kleinen Fluchten und die großen Enttäuschungen. In einer Zeit, in der das Radio entweder von seichtem Eurodance oder von weinerlichem Deutschrock dominiert wurde, wirkte dieser frische Wind fast wie eine Provokation. Die Band weigerte sich, die Rolle der „Frauenband“ als Nische zu akzeptieren. Sie waren eine Band, Punkt.

Der Erfolg stellte sich nicht über Nacht ein, sondern war das Resultat von unzähligen Kilometern in einem klapprigen Tourbus. Wer damals in den kleinen Clubs in München, Berlin oder Köln dabei war, erinnert sich an die elektrische Atmosphäre. Es gab keinen Sicherheitsabstand zwischen Publikum und Bühne. Wenn die Saiten rissen, wurde gelacht und weitergemacht. Diese Unmittelbarkeit war es, die eine loyale Fangemeinde schuf. Es war eine Gemeinschaft, die sich nicht über Algorithmen fand, sondern über kopierte Fanzines und Mundpropaganda.

In der Retrospektive lässt sich erkennen, wie wichtig diese Formation für die Entwicklung der deutschsprachigen Popmusik war. Sie ebneten den Weg für Künstlerinnen wie Judith Holofernes oder später Bands wie Gurr, die sich heute ganz selbstverständlich auf diese Wurzeln beziehen können. Es war ein Bruch mit der Tradition, dass Rockmusik in Deutschland entweder englischsprachig und international orientiert oder im Schlager verhaftet sein musste. Sie bewiesen, dass die deutsche Sprache eine Elastizität besitzt, die sich hervorragend für dreckige Gitarrenriffs eignet.

Die Dynamik der Gemeinschaft

Hinter den Kulissen war das Leben der Bandmitglieder geprägt von der ständigen Suche nach Balance. In den neunziger Jahren war Musikmachen noch ein analoges Handwerk. Studiozeit war teuer, und jede Aufnahme musste sitzen. Die Produktionen fanden oft in kleinen Studios statt, wo der Kaffee aus Thermoskannen kam und die Nächte lang waren. Hier wurde gestritten, verworfen und neu erfunden. Es war ein demokratischer Prozess, der manchmal schmerzhaft war, aber genau deshalb diese einzigartige Tiefe erzeugte.

Karen Cifarelli am Schlagzeug sorgte für den nötigen Druck, der die Songs vorantrieb. Es war ein Rhythmus, der nicht nur den Takt angab, sondern den Herzschlag der Stücke bestimmte. Wenn man sich heute die alten Aufnahmen anhört, fällt auf, wie zeitlos sie klingen. Da ist kein modischer Schnickschnack der neunziger Jahre zu hören, keine überproduzierten Keyboards oder künstlichen Halleffekte. Es ist der Klang von Holz, Stahl und menschlicher Lunge.

Ein Abschied ohne Reue

Jede Geschichte einer Band hat ihren natürlichen Zyklus. Ende der neunziger Jahre deutete sich an, dass die Wege der Musikerinnen begannen, sich zu verzweigen. Es gab keine großen Skandale, keine öffentlichen Zerwürfnisse. Es war eher ein langsames Erkennen, dass die gemeinsame künstlerische Reise ihren Zenit erreicht hatte. Das letzte Konzert im Jahr 2000 im Hamburger Knust ist in die Stadtgeschichte eingegangen. Tränen flossen, aber es war auch ein Fest der Freiheit.

Die Solopfade und das Echo

Bernadette La Hengst startete eine Solokarriere, die sie bis heute zu einer Institution macht. Peta Devlin widmete sich der Produktion und spielte in verschiedenen Formationen wie den Cowboys on Dope oder mit Bela B. Barbara Hass blieb der Musik und der Kunst verbunden. Doch egal, wohin sie gingen, der Geist ihrer gemeinsamen Zeit blieb präsent. Es ist ein Echo, das man heute in vielen Hamburger Clubs noch hören kann, wenn eine junge Band den Mut hat, die Regler nach rechts zu drehen und die Wahrheit zu sagen.

Die kulturelle Bedeutung solcher Pionierarbeit wird oft erst Jahre später gewürdigt. In einer Welt, die heute von perfekt kuratierten Instagram-Profilen und autogetunten Stimmen beherrscht wird, wirkt die Ehrlichkeit jener Tage fast wie eine Utopie. Es gab keine Filter, nur den Moment. Die Texte handelten davon, wie es ist, sich verloren zu fühlen, und wie es ist, sich genau in diesem Gefühl wiederzufinden. Das war kein Marketing, das war Überlebensstrategie.

Wenn man heute durch die Straßen von Hamburg-Altona geht, vorbei an den sanierten Fassaden und den teuren Cafés, braucht es Fantasie, um sich die Besetzer-Ära und die Aufbruchsstimmung der Neunziger vorzustellen. Aber an manchen Abenden, wenn der Regen gegen die Scheiben peitscht und irgendwo in einem Keller eine Gitarre rückkoppelt, ist sie wieder da, diese ganz spezielle Energie. Es ist die Erinnerung an eine Zeit, in der fünf Frauen beschlossen, dass sie laut genug sind, um die Welt zu verändern, zumindest für die Dauer eines dreiminütigen Popsongs.

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Die Musikgeschichte wird oft als eine Kette von Helden erzählt, doch die wahren Heldinnen sind oft jene, die den Raum für andere öffneten. Sie zeigten, dass Verletzlichkeit eine Stärke ist und dass man nicht perfekt sein muss, um bedeutend zu sein. Ihre Diskografie ist klein, aber jedes Album ist ein Dokument einer Aufrichtigkeit, die selten geworden ist. Es sind Lieder, die man auch heute noch laut mitsingen kann, während man im Auto über die Autobahn rast oder allein in der Küche tanzt.

Es bleibt das Bild einer Bühne, auf der die Scheinwerfer langsam erlöschen, während der letzte Ton einer E-Gitarre noch in der Luft hängt. In diesem kurzen Moment der Stille zwischen dem Lärm und dem Applaus liegt die ganze Wahrheit eines Lebensgefühls, das niemals ganz verschwinden wird. Es war ein Versprechen an die eigene Unabhängigkeit, ein Manifest der Freundschaft und der künstlerischen Integrität, das weit über die Grenzen der Hansestadt hinausstrahlte.

Heute, da die Musikindustrie sich grundlegend gewandelt hat und Streaming-Zahlen über Karrieren entscheiden, wirkt die Unbeirrbarkeit von damals fast wie ein Wunder. Es gab keinen Plan B, nur den Glauben an die eigene Stimme und die Kraft der Gruppe. Die fünf Frauen von Die Braut Haut Ins Auge haben gezeigt, dass man keine Erlaubnis braucht, um laut zu sein – man nimmt sie sich einfach.

Wenn man heute eine der alten Platten auflegt, ist es nicht nur Nostalgie. Es ist eine Erinnerung daran, dass Musik immer dann am stärksten ist, wenn sie wehtut, tröstet und aufwühlt, alles zur gleichen Zeit. Es ist der Klang einer Band, die nie um Entschuldigung bat für das, was sie war. Und vielleicht ist das das größte Geschenk, das sie uns hinterlassen haben: die Gewissheit, dass man mitten ins Herz treffen kann, ohne dabei jemals das Ziel aus den Augen zu verlieren.

Die Lichter im Club sind längst aus, die Instrumente in ihren Koffern verstaut, doch die Melodie spielt im Kopf des Zuhörers weiter, ein hartnäckiger Ohrwurm der Freiheit.

SB

Stefan Braun

Stefan Braun hat für verschiedene Online-Redaktionen gearbeitet und steht für Qualitätsjournalismus mit Substanz.