gedicht zwei ameisen wollten nach australien reisen

gedicht zwei ameisen wollten nach australien reisen

Manche Texte verfolgen uns ein Leben lang, weil wir sie fundamental missverstehen. Joachim Ringelnatz, der Matrose der deutschen Literatur, schenkte uns ein kurzes Werk, das heute in fast jedem Kindergarten und in jeder Grundschule zum Standardrepertoire gehört. Die meisten Menschen halten es für eine niedliche Fabel über zwei größenwahnsinnige Insekten, die an ihrer eigenen Hybris scheitern. Doch wer genauer hinsieht, erkennt in dem Gedicht Zwei Ameisen Wollten Nach Australien Reisen eine bittere Parodie auf die deutsche Sehnsucht und den bürgerlichen Stillstand. Es ist kein Kinderreim über das Reisen, sondern eine scharfe Analyse über das Aufgeben, bevor die eigentliche Anstrengung überhaupt begonnen hat. Die Ameisen kommen gerade einmal bis Altona. Das ist nicht niedlich. Das ist eine Tragödie der Bequemlichkeit, die Ringelnatz mit chirurgischer Präzision seziert hat, während das Publikum bis heute darüber lacht.

Die Illusion des Aufbruchs im Gedicht Zwei Ameisen Wollten Nach Australien Reisen

Ringelnatz schrieb diesen Text in einer Zeit, in der die Welt nach dem Ersten Weltkrieg in Trümmern lag und die Menschen sich nach fernen Sehnsuchtsorten verzehrten. Wenn wir heute die Zeilen lesen, sehen wir zwei kleine Wesen, die sich ein Ziel setzen, das physisch unmöglich für sie zu erreichen ist. Australien ist von Hamburg aus gesehen nicht nur weit weg, es ist eine andere Welt. Die Ameisen packen ihre Beine ein, sie haben einen Plan, sie haben den Willen. Doch die Pointe liegt im Ort ihres Scheiterns. Altona war damals noch eine eigenständige Stadt vor den Toren Hamburgs. Wer von Hamburg nach Altona läuft, hat den Hafen kaum verlassen. Die Füße tun ihnen weh, heißt es im Text. Das ist der Moment, in dem die bürgerliche Moral zuschlägt. Man verzichtet auf das Unmögliche, weil das Naheliegende bereits zu anstrengend ist.

Ich habe oft beobachtet, wie Lehrer dieses Werk interpretieren. Sie sprechen von Bescheidenheit. Sie sagen den Kindern, dass man sich keine zu großen Ziele setzen darf. Was für ein pädagogischer Offenbarungseid. Ringelnatz, der selbst zur See fuhr und die Härte des echten Reisens kannte, macht sich über genau diese Einstellung lustig. Er verspottet die Kreaturen, die von der großen Freiheit träumen, aber beim ersten Anzeichen von körperlichem Unbehagen umkehren. Die Ameisen sind wir alle, wenn wir am Neujahrstag das Fitnessstudio buchen und am dritten Januar entscheiden, dass der Weg dorthin eigentlich schon das Training war. Es ist eine psychologische Studie über die Selbsttäuschung, die wir als vernünftige Entscheidung tarnen.

Der Schmerz als bequemer Ausweg

In der Literaturwissenschaft wird oft darüber gestritten, ob Ringelnatz die Ameisen bemitleidet oder verachtet. Ich tendiere zu Letzterem. Der Schmerz an den Beinen ist eine Schutzbehauptung. In der Biologie sind Ameisen dafür bekannt, Kilometer zurückzulegen und Lasten zu tragen, die ein Vielfaches ihres Körpergewichts betragen. Dass ausgerechnet diese Kraftpakete der Natur wegen ein paar Metern Pflasterstein in Altona aufgeben, entlarvt den Kern der Aussage. Es geht nicht um die physische Unfähigkeit. Es geht um den mentalen Abbruch. Das Ziel Australien war nie eine echte Absicht, sondern ein Accessoire ihres Egos. Sie wollten das Gefühl haben, Reisende zu sein, ohne jemals die Konsequenzen des Reisens tragen zu müssen. Das ist der Punkt, an dem die Romantik stirbt und der deutsche Kitsch beginnt.

Warum das Gedicht Zwei Ameisen Wollten Nach Australien Reisen kein Kindermärchen ist

Betrachten wir die Struktur der Erzählung. Die Reise endet nicht mit einer Katastrophe, nicht mit einem Sturm oder einem Fressfeind. Sie endet im Verzicht. Das ist für Kinder eigentlich eine furchtbare Botschaft. Wir lehren sie, dass man Dinge zu Ende bringt. Ringelnatz zeigt uns zwei Protagonisten, die weise beschließen, dass der Rest des Weges ja ohnehin zu weit wäre. Diese Resignation wird im Text fast schon heroisch verklärt. Weise war es, so heißt es sinngemäß. Hier trieft die Ironie aus jeder Silbe. Wer Ringelnatz nur als den lustigen Onkel mit der schiefen Nase liest, verkennt sein Talent für den literarischen Dolchstoß. Er hält uns den Spiegel vor und fragt, wie viele unserer eigenen Australien-Pläne wir in Altona beerdigt haben, nur weil uns die Füße ein wenig brannten.

Skeptiker könnten nun einwenden, dass es sich lediglich um einen humoristischen Text handelt, der die Absurdität des Lebens feiert. Sie sagen, man solle nicht zu viel hineininterpretieren. Aber Literatur entsteht nicht im luftleeren Raum. Ein Mann, der Joachim Ringelnatz hieß und eigentlich Hans Bötticher war, wusste genau, was es bedeutet, sich eine Identität zu erschaffen und an den Erwartungen der Gesellschaft zu rütteln. Wenn er über das Scheitern schreibt, dann meint er das System dahinter. Die Ameisen sind Repräsentanten einer Gesellschaft, die das Abenteuer plakatiert, aber die Sicherheit des heimischen Sofas anbetet. Sie sind die Urväter des modernen Tourismus, der die Welt sehen will, solange das Hotelbuffet pünktlich eröffnet wird.

Die Geografie der Mutlosigkeit

Die Wahl des Ortes ist kein Zufall. Altona war der Inbegriff der Grenze. Wer es nicht über Altona hinaus schafft, der wollte nie wirklich weg. Es ist der Vorort der Träume. In der deutschen Literaturgeschichte gibt es kaum ein deprimierenderes Bild für den Stillstand als diese beiden Insekten auf dem Hamburger Pflaster. Sie stehen symbolisch für die Unfähigkeit zur Transzendenz. Während die Ameisen in der echten Welt ganze Imperien bauen und Brücken aus ihren eigenen Körpern formen, sind die Ringelnatz-Ameisen bürgerlich deformierte Karikaturen ihrer Art. Sie haben den Instinkt verloren und gegen die Bequemlichkeit eingetauscht. Das ist die wahre Tragik, die hinter der vermeintlichen Leichtigkeit der Verse verborgen liegt.

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Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Dramaturgen in Berlin, der behauptete, das Gedicht sei eine Hymne auf die Vernunft. Er meinte, es sei klug, seine Grenzen zu kennen. Ich widersprach ihm heftig. Die Grenzen der Ameisen liegen nicht in Altona. Ihre Beine sind dafür gemacht, Wälder zu durchqueren. Wenn sie dort anhalten, dann nur, weil ihr Geist schwächer ist als ihr Chitinpanzer. Ringelnatz provoziert uns. Er will, dass wir wütend werden über diese Feigheit. Er will, dass wir uns fragen, warum wir über ein Paar lachen, das so kläglich versagt. Wir lachen, weil es uns von unserer eigenen Angst vor dem Unbekannten entlastet. Wenn schon die Ameisen nicht nach Australien kommen, dann müssen wir es ja auch nicht versuchen.

Die Kommerzialisierung der Resignation

Es ist faszinierend und erschreckend zugleich, wie dieses Werk heute vermarktet wird. Man findet es auf Postkarten, auf Tassen und in Anthologien für den Nachttisch. Überall wird es als Ausdruck von Gemütlichkeit und Humor verkauft. Wir haben die scharfe Kritik von Ringelnatz stumpf gemacht, indem wir sie in die Kategorie Nonsens-Dichtung einsortiert haben. Doch Nonsens ist bei Ringelnatz niemals sinnlos. Er ist eine Maske für Wahrheiten, die man in der Weimarer Republik oder auch heute im modernen Deutschland sonst kaum aussprechen könnte. Wir sind ein Volk von Wanderern, die am liebsten dort wandern, wo die Beschilderung exzellent und die nächste Gaststätte in Sichtweite ist.

Stellen wir uns das illustrative Beispiel eines jungen Unternehmers vor, der heute ein Start-up gründet. Er spricht von globaler Marktführerschaft, von der Disruption ganzer Industrien. Er will nach Australien. Doch nach den ersten drei Behördengängen und der ersten komplizierten Steuererklärung stellt er fest, dass der regionale Markt in seinem Landkreis eigentlich auch ganz nett ist. Er ist die Ameise in Altona. Er nutzt die Komplexität der Welt als Ausrede für seine eigene Trägheit. Ringelnatz hat dieses Verhaltensmuster vor fast einhundert Jahren perfekt antizipiert. Er hat verstanden, dass der Mensch dazu neigt, den Rückzug als Sieg der Vernunft zu deklarieren, um sein Gesicht zu wahren.

Die wahre Macht dieser Verse liegt darin, dass sie uns nicht entlassen. Wer das Gedicht einmal wirklich unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Kritik gelesen hat, wird es nie wieder als niedlich empfinden. Es ist eine Warnung vor dem Komfort. Es ist ein Plädoyer für den echten Schmerz, den man auf sich nehmen muss, wenn man ein Ziel erreichen will, das über den eigenen Horizont hinausgeht. Die Ameisen hätten es vielleicht nicht bis Australien geschafft, sie wären vermutlich im Ozean ertrunken oder auf einem Schiff zertreten worden. Aber das wäre ein würdevolles Ende gewesen. Ein Ende in Altona ist lediglich eine Fußnote der Belanglosigkeit.

Wenn man heute durch Hamburg läuft und die Elbe sieht, kann man fast die beiden Insekten am Ufer stehen sehen. Sie blicken auf das Wasser, sie spüren den Wind, und dann drehen sie ab, weil die Beine ein bisschen zwicken. Es ist die Kapitulation vor der eigenen Größe. Wir müssen aufhören, Ringelnatz als den harmlosen Reimeschmied zu sehen. Er war ein Beobachter des menschlichen Versagens, der wusste, dass wir unsere größten Träume meistens selbst erwürgen, bevor sie überhaupt eine Chance hatten zu atmen. Die Ameisen sind keine Helden der Klugheit. Sie sind die Warnschilder auf dem Weg zu einem Leben, das mehr sein will als nur eine Aneinanderreihung von bequemen Ausreden.

Wer den Weg nach Australien antritt, darf nicht in Altona über seine Füße jammern.

MN

Markus Neumann

Mit Erfahrung in Newsrooms und Content-Teams erstellt Markus Neumann verständliche, gut recherchierte Beiträge.