don giovanni komische oper berlin

don giovanni komische oper berlin

Das Licht im Schillertheater bricht sich in den Staubkörnern, die durch die Scheinwerferkegel tanzen, während unten im Graben das erste Knurren der Kontrabässe anhebt. Es ist ein tiefer, drohender Ton, der Mark und Bein erschüttert, noch bevor der Vorhang sich hebt. In diesem Moment, in der Enge des Ausweichquartiers, während das Stammhaus an der Behrenstraße kernsaniert wird, spürt man die Reibung zwischen dem Gestern und dem Heute besonders intensiv. Die Luft riecht nach altem Samt und frischer Schminke, ein Geruch, der Generationen von Theatergängern vertraut ist, und doch schwingt eine nervöse Elektrizität durch den Raum. Wenn Barrie Kosky oder seine Nachfolger die Bühne betreten, geht es nie um museale Konservierung. Es geht um das Fleischliche, das Schmerzhafte, das zutiefst Menschliche, das Mozart in seine Partitur eingeschrieben hat. Hier, in der Inszenierung von Don Giovanni Komische Oper Berlin, wird der legendäre Wüstling nicht als ferne Sagengestalt beschworen, sondern als ein Spiegelbild unserer eigenen, rastlosen Begehrlichkeiten, die in der Dunkelheit des Zuschauerraums plötzlich Form annehmen.

Man muss sich das Berlin der Gegenwart als eine Stadt vorstellen, die ständig mit ihren eigenen Geistern verhandelt. Die Komische Oper ist dabei vielleicht der ehrlichste Ort dieser Verhandlung. Seit Walter Felsenstein nach dem Zweiten Weltkrieg das Haus prägte, gilt hier das Gesetz des Musiktheaters: Das Wort und das Spiel sind dem Gesang ebenbürtig. Nichts ist nur Dekoration. Wenn Don Giovanni über die Bühne jagt, dann tut er das mit einer Verzweiflung, die über die bloße Libido hinausgeht. Er ist ein Getriebener in einer Welt, die ihre moralischen Kompasse längst im Treibsand der Geschichte verloren hat. Die Zuschauer sitzen nicht nur da, um schöne Arien zu hören; sie sind Zeugen einer anatomischen Untersuchung des menschlichen Egos. Es ist diese spezielle Berliner Mischung aus Dreck und Glamour, aus intellektueller Schärfe und emotionaler Rohheit, die jede Aufführung zu einem Drahtseilakt macht.

Die Anatomie einer obsessiven Suche

Der Mythos des Mannes, der Frauen sammelt wie andere Menschen Briefmarken, hat über die Jahrhunderte viel von seinem Schrecken verloren, könnte man meinen. Wir leben in einer Zeit der Algorithmen und des schnellen Wischens nach links oder rechts. Doch Mozart und sein Librettist Lorenzo Da Ponte schufen etwas, das über die Epochen hinweg Bestand hat, weil sie die Leere im Zentrum des Begehrens porträtierten. Don Giovanni ist kein Held, er ist ein Loch im Universum. Alles, was er verschlingt, verschwindet in ihm, ohne ihn jemals zu sättigen. In der Lesart der Komischen Oper wird dieser Umstand oft physisch greifbar. Die Darsteller agieren mit einer Körperlichkeit, die im traditionellen Opernbetrieb selten ist. Da wird gerungen, geschwitzt und geblutet. Das Lachen, das die Opera buffa verspricht, bleibt einem oft im Halse stecken, weil die Grausamkeit des Protagonisten so unmittelbar ist.

Ein besonderer Moment der Reflexion entsteht oft in der Registerarie des Leporello. Wenn die endlose Liste der Eroberungen verlesen wird, schwingt eine groteske Komik mit, die jedoch schnell in Melancholie umschlägt. Es ist die Statistik des Scheiterns. Tausendunddrei Frauen in Spanien – das sind tausendunddrei Versuche, der eigenen Sterblichkeit zu entkommen. Die Regie in Berlin versteht es meisterhaft, diese Zahlen nicht als bloßen Text stehen zu lassen. Sie werden zu einer Last, die das gesamte Ensemble trägt. Man sieht die Verletzungen in den Gesichtern von Donna Elvira oder Donna Anna. Sie sind keine bloßen Opfer eines Verführers; sie sind komplexe Wesen, deren Leben durch die Begegnung mit diesem schwarzen Loch aus den Fugen geraten ist. Die Bühne wird zum Laboratorium, in dem untersucht wird, was passiert, wenn absolute Freiheit auf absolute Verantwortungslosigkeit trifft.

Die visuelle Wucht von Don Giovanni Komische Oper Berlin

In einer Stadt, die niemals fertig wird, ist auch das Bühnenbild oft ein Kommentar zum Provisorischen und zum Umbruch. Die Ästhetik, die man in Produktionen wie Don Giovanni Komische Oper Berlin findet, bricht oft radikal mit der Erwartungshaltung an das Rokoko. Man sieht vielleicht keine gepuderten Perücken, sondern nackten Beton oder symbolträchtige Leere. Diese visuelle Sprache zwingt den Betrachter, sich auf die Psychologie der Figuren zu konzentrieren. Wenn der Komtur am Ende erscheint, um Giovanni in die Hölle zu ziehen, ist das kein billiger Gruseleffekt mit Pappmaché. Es ist die Konfrontation mit der ultimativen Konsequenz. Das Steinerne, das Unausweichliche bricht in die flüchtige Welt des Genusses ein. Es ist ein Moment von antiker Wucht, der in der modernen Kulisse Berlins eine ganz eigene, fast prophetische Kraft entfaltet.

Die Akustik im Schillertheater ist direkter, fast schon unbarmherzig im Vergleich zur Opulenz des alten Hauses Unter den Linden. Jeder Atemzug der Sänger, jedes Knarren der Dielen überträgt sich auf das Publikum. Diese Intimität ist ein Geschenk für ein Werk, das so sehr von der psychologischen Nuance lebt. Wenn Zerlina ihren Masetto besänftigt, hört man nicht nur die melodische Brillanz Mozarts, sondern auch die soziale Spannung, die Angst vor dem sozialen Abstieg und die Verlockung des Aufstiegs durch den Adeligen. Es ist eine Erzählung über Machtverhältnisse, die heute so aktuell ist wie 1787. Die Musik fungiert dabei als emotionales Schmiermittel, das die harten Wahrheiten des Textes erst erträglich macht, nur um sie dann im entscheidenden Moment mit einem Paukenschlag noch tiefer in das Bewusstsein des Hörers zu treiben.

Ein Sänger, der in Berlin den Giovanni gibt, muss mehr sein als ein Bariton mit sicherer Höhe. Er muss eine Aura besitzen, die gleichzeitig anzieht und abstößt. Es ist diese Ambivalenz, die das Publikum bis zum Ende in den Bann zieht. Man möchte, dass er entkommt, obwohl man weiß, dass er es nicht verdient hat. Dieser innere Konflikt des Zuschauers ist das eigentliche Ziel der Inszenierung. Wir erkennen uns in der Gier, in der Neugier und in der Sehnsucht nach Grenzüberschreitung wieder. Die Komische Oper verweigert die einfache moralische Verurteilung und zwingt uns stattdessen, in den Abgrund zu blicken, den Giovanni mit jedem seiner Schritte weiter aufreißt.

Das Erbe Felsensteins in der Moderne

Man kann über Musiktheater in Berlin nicht sprechen, ohne den Geist von Walter Felsenstein zu erwähnen. Sein Credo der Werktreue durch psychologische Durchdringung atmet in jeder Pore der aktuellen Produktionen. Es geht nicht darum, was in den Noten steht, sondern warum es dort steht. Diese Tradition führt dazu, dass das Ensemble oft über Wochen hinweg an der Motivation jeder einzelnen Geste arbeitet. In der aktuellen Umbruchphase des Hauses, während die Architekten über Plänen für die Behrenstraße brüten, bleibt dieser Kern unberührt. Das Theater ist kein Gebäude; es ist eine Haltung. Diese Haltung manifestiert sich in der Entscheidung, Mozart ernst zu nehmen, ohne ihn zu sakralisieren.

Die Sänger der Komischen Oper sind oft Grenzgänger zwischen den Genres. Sie müssen schauspielern können wie am Berliner Ensemble und singen wie an der Mailänder Scala. Diese Doppelbelastung erzeugt eine Energie, die sich im Raum entlädt. Wenn das Orchester unter der Leitung erfahrener Dirigenten die Tempi anzieht, entsteht ein Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Es ist ein rasanter Ritt durch die Nacht, ein Wettlauf gegen die Zeit, der in der Katastrophe enden muss. Doch bis es soweit ist, wird jeder Moment ausgekostet. Die Sinnlichkeit der Inszenierungen ist legendär, oft grenzwertig, immer provokant. Es ist ein Theater der Sinne, das den Intellekt erst im Nachklang erreicht.

Wenn man nach der Vorstellung aus dem Theater tritt, zurück in die kühle Berliner Nacht, fühlt sich die Welt draußen anders an. Die Lichter der Stadt, das Rauschen des Verkehrs auf der Bismarckstraße, die flüchtigen Begegnungen an den U-Bahn-Eingängen – alles wirkt für einen Moment wie eine Fortsetzung des Stücks. Die Grenze zwischen Bühne und Realität ist in Berlin seit jeher porös. Don Giovanni ist nicht tot; er wartet an der nächsten Ecke, im nächsten Club, in der nächsten App. Er ist die Verkörperung des Prinzips „Mehr“, das unsere Gesellschaft so sehr antreibt und gleichzeitig aushöhlt.

Die Stille nach dem Sturm

Es gibt diesen einen Augenblick kurz vor dem Schlussapplaus, wenn der letzte Ton verklungen ist und der Vorhang fällt. Es ist eine Sekunde der absoluten Stille, in der das Publikum kollektiv den Atem anhält. In dieser Sekunde wird das Erlebte verarbeitet. Es ist der Moment, in dem die Katharsis eintritt. Die Reise durch die Abgründe der menschlichen Seele ist vorerst beendet, doch die Fragen bleiben. Wie viel Giovanni steckt in uns selbst? Wie gehen wir mit der Endlichkeit unserer Wünsche um? Die Kraft der Kunst zeigt sich darin, dass sie keine Antworten gibt, sondern die Fragen schärfer formuliert.

Nicht verpassen: besetzung von rosamunde pilcher

Die Komische Oper hat es geschafft, sich ihren Platz im Herzen der Berliner Kulturlandschaft zu sichern, indem sie sich weigert, bequem zu werden. Auch in der Exilsituation beweist das Haus eine Vitalität, die viele etablierte Bühnen erblassen lässt. Es ist ein Ort des Risikos. Nicht jede Entscheidung der Regie mag aufgehen, nicht jede Note mag perfekt sitzen, aber der Wille zum Ausdruck ist absolut. In einer Welt, die immer glatter und vorhersehbarer wird, ist diese Unberechenbarkeit ein kostbares Gut. Es ist die Sehnsucht nach dem Echten, nach dem Schweiß und der Träne, die die Menschen immer wieder in die Vorstellungen treibt.

Manchmal sieht man ältere Abonnenten neben jungen Studenten in Kapuzenpullis sitzen, beide gleichermaßen gebannt von dem, was sich auf der Bühne abspielt. Diese Demokratisierung der Oper war immer ein Kernanliegen des Hauses. Mozart für alle, aber ohne Kompromisse bei der Qualität. Die Geschichten, die hier erzählt werden, sind universell, auch wenn sie in einem spezifisch Berliner Gewand daherkommen. Sie handeln von der Angst vor dem Alleinsein, von der Zerstörungskraft des Narzissmus und von der zerbrechlichen Schönheit der Empathie.

In der Inszenierung von Don Giovanni Komische Oper Berlin wird deutlich, dass Klassik nichts mit Vergangenem zu tun hat. Es ist eine Dauergegenwart. Die Musik von 1787 klingt heute so frisch und gefährlich wie am ersten Tag, wenn man sie lässt. Und in Berlin lässt man sie. Man lässt sie wüten, man lässt sie schmeicheln, und man lässt sie am Ende das Urteil sprechen. Der Applaus, der schließlich losbricht, ist mehr als nur Anerkennung für eine handwerkliche Leistung. Er ist eine Entladung der Spannung, die sich über drei Stunden aufgebaut hat. Ein Dankeschön dafür, dass man für eine kurze Zeit die eigene Komfortzone verlassen durfte, um den Dämonen in die Augen zu schauen.

Wenn die Zuschauer schließlich zu den Garderoben drängen und ihre Mäntel abholen, werden die Gespräche leiser. Man tauscht sich über die Sänger aus, über das Licht, über die eine Szene, die man so noch nie gesehen hat. Doch unter der Oberfläche arbeitet es weiter. Das Bild des steinernen Gastes, der unerbittlich an die Tür klopft, lässt sich nicht so leicht abschütteln. Es ist eine Mahnung an die eigene Sterblichkeit und die Verantwortung für das eigene Handeln. Mozart wusste das. Da Ponte wusste das. Und das Team der Komischen Oper weiß es auch. Sie nutzen das Theater als das, was es im besten Fall sein kann: ein moralisches Institut, das uns den Spiegel vorhält, während es uns gleichzeitig mit den schönsten Melodien der Musikgeschichte verzaubert.

Der Weg zurück nach Hause führt durch eine Stadt, die selbst eine Bühne ist. Die Schatten der Ruinen von gestern mischen sich mit den Glasfassaden von morgen. Irgendwo in der Ferne hört man vielleicht noch das Echo eines Lachens, das zu laut war, um wahr zu sein. Es ist das Lachen eines Mannes, der alles wollte und nichts behalten konnte. Ein Lachen, das in den Gassen der Stadt verhallt, während die ersten Strahlen der Morgendämmerung die Konturen der Häuser wieder scharf zeichnen.

Der letzte Blick zurück auf das beleuchtete Theater zeigt eine Welt, die für einen Moment stillzustehen scheint. Drinnen werden die Requisiten weggeräumt, die Lichter gelöscht, die Kostüme in die Reinigung gebracht. Aber die Energie der Aufführung bleibt in den Wänden hängen. Sie wartet darauf, am nächsten Abend wieder entfesselt zu werden, wenn der Dirigent den Taktstock hebt und das Spiel von Liebe und Tod von neuem beginnt.

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Ein einsames Programmheft liegt auf einer Bank im Park, vom Wind zerzaust, seine Seiten flattern im Rhythmus eines unsichtbaren Taktes.

TS

Thomas Schäfer

Thomas Schäfer verfolgt politische und soziale Debatten mit kritischem Blick und journalistischer Verantwortung.