iraqi prime minister nouri al-maliki

iraqi prime minister nouri al-maliki

In der westlichen Geschichtsschreibung über den Nahen Osten hält sich hartnäckig das Bild eines Mannes, der als Hoffnungsträger begann und als Despot endete. Man erzählt sich gerne die Geschichte vom demokratischen Partner, der urplötzlich vom Weg abkam. Doch wer die Akten der frühen Zweitausender Jahre in Bagdad studiert, erkennt schnell, dass diese Erzählung die Realität auf den Kopf stellt. Der Aufstieg von Iraqi Prime Minister Nouri Al-Maliki war kein Unfall der Geschichte und auch kein gescheitertes Experiment liberaler Staatsführung. Es war die konsequente Umsetzung eines Systems, das auf Misstrauen und der systematischen Zerlegung staatlicher Institutionen basierte. Die Vorstellung, er sei lediglich ein Opfer der Umstände oder des Abzugs der US-Truppen gewesen, verkennt die Tiefe seiner eigenen politischen Agenda. Er agierte nicht als Staatsmann, der an der Spaltung scheiterte, sondern als Taktiker, der die Spaltung als sein primäres Herrschaftsinstrument perfektionierte.

Die Konstruktion der Paranoia als Regierungsstil

Wenn man die Büros in der Grünen Zone von Bagdad während seiner Amtszeit besuchte, atmete man eine Luft aus Paranoia und absolutem Kontrollzwang. Es war nicht so, dass der Staatschef den Überblick verlor. Er wollte jedes Detail beherrschen. Das Fundament seiner Macht bildete ein Schattenkabinett aus treuen Gefolgsleuten, die oft außerhalb der offiziellen Ministerien agierten. Ich habe mit ehemaligen Beratern gesprochen, die schilderten, wie Befehlsketten bewusst korrumpiert wurden, um sicherzustellen, dass keine militärische Einheit ohne seinen direkten Segen handelte. Das war kein organisatorisches Chaos. Das war Absicht. Er schuf eine Struktur, in der Kompetenz zweitrangig hinter absoluter Loyalität stand. Wer glaubt, die Schwäche der irakischen Armee gegenüber den Aufständen im Jahr 2014 sei ein technisches Versagen gewesen, irrt gewaltig. Die Armee wurde politisch kastriert, um einen Militärputsch gegen die Führung im Keim zu ersticken. Ein starker Staat war für sein Überleben gefährlicher als ein schwacher, solange er die Fragmente kontrollierte.

Die Illusion der demokratischen Legitimation

Man darf nicht vergessen, dass jede seiner Handlungen unter dem Deckmantel demokratischer Prozesse stattfand. Die Wahlen im Irak wurden oft als Fortschritt gefeiert, doch sie dienten dem System lediglich dazu, sektiererische Gräben zu zementieren. Anstatt Brücken zu bauen, nutzte die Führung die Wahlurne, um die demografische Mehrheit der Schiiten als unanfechtbares Mandat für die Marginalisierung der Sunniten zu interpretieren. Das war kein Missbrauch der Demokratie im klassischen Sinne, sondern die Anwendung einer rein arithmetischen Logik, die den Geist des Pluralismus bewusst ignorierte. Die internationalen Beobachter sahen die Stimmzettel und die Tinte an den Fingern der Wähler, aber sie übersahen die Erosion des Rechtsstaates hinter den Kulissen. Die Justiz wurde in ein Werkzeug verwandelt, um politische Gegner mit Haftbefehlen und Korruptionsvorwürfen auszuschalten, sobald sie zu einflussreich wurden. Es gab keine Gewaltenteilung, nur eine Gewaltensammlung in einem einzigen Büro.

Die Rolle der USA und der Mythos des Verrats durch Iraqi Prime Minister Nouri Al-Maliki

Ein gängiges Narrativ in Washington besagt, dass der Irak stabil geblieben wäre, wenn die Amerikaner länger geblieben wären. Das ist eine bequeme Ausrede für ein tieferliegendes Versagen. Die Wahrheit ist viel unbequemer: Die US-Regierung unter George W. Bush und später Barack Obama hat dieses System nicht nur toleriert, sondern aktiv mit aufgebaut. Sie brauchten einen starken Mann, der die Ordnung garantierte, und sie bekamen einen, der die Ordnung nach seinen eigenen, blutigen Regeln definierte. Die Annahme, dass Iraqi Prime Minister Nouri Al-Maliki die Amerikaner hinterging, greift zu kurz. Er spielte das Spiel der regionalen Mächte mit einer Kaltblütigkeit, die viele unterschätzten. Er verstand es meisterhaft, Washington gegen Teheran auszuspielen, während er beiden Seiten genau das gab, was sie wollten: Ruhe an der Oberfläche und einen verlässlichen Ansprechpartner für ihre jeweiligen Interessen.

Das Kalkül mit dem Nachbarn

Die Beziehung zum Iran war dabei nie eine reine Unterwürfigkeit. Es war eine Zweckgemeinschaft des Überlebens. Er wusste, dass seine Machtbasis im Irak ohne die Unterstützung der schiitischen Milizen und deren Hintermänner in Teheran keinen Bestand haben würde. Gleichzeitig nutzte er diese Verbindung als Drohkulisse gegenüber dem Westen. Wenn man ihn kritisierte, deutete er dezent darauf hin, dass die Alternative ein völliges Abgleiten in den iranischen Orbit wäre. Diese diplomatische Gratwanderung erforderte ein hohes Maß an politischer Intelligenz, die man ihm in westlichen Hauptstädten oft absprach. Man hielt ihn für einen sturen Sektierer, dabei war er ein hochgradig rationaler Machtpolitiker, der genau wusste, dass Instabilität außerhalb seiner Kontrolle seine einzige echte Bedrohung darstellte. Er förderte das Chaos gerade so weit, dass er sich als der einzige präsentieren konnte, der es im Zaum hielt.

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Der soziale Sprengsatz und die Geburt des Extremismus

Das eigentliche Verbrechen seiner Regierungsjahre war nicht die Korrektur der Machtverhältnisse zugunsten der schiitischen Mehrheit. Das war nach Jahrzehnten der Unterdrückung unter Saddam Hussein historisch erwartbar. Das Verbrechen war die Art und Weise, wie die sunnitische Minderheit in die Arme von Extremisten getrieben wurde. Wenn du einem Familienvater in Ramadi oder Mossul jede Hoffnung auf politische Teilhabe nimmst, wenn du seine Söhne ohne Anklage verschwinden lässt und seine Stadt wirtschaftlich aushungerst, dann schaffst du ein Vakuum. In dieses Vakuum stießen Gruppen, die später als IS bekannt wurden. Es war kein Zufall, dass der Zusammenbruch der staatlichen Autorität in den sunnitischen Gebieten so rasant verlief. Die Menschen dort hatten nichts mehr zu verlieren, weil das System in Bagdad ihnen bereits alles genommen hatte. Die Zentralregierung hatte die Sunniten nicht nur ignoriert, sie hatte sie aktiv zu Staatsfeinden erklärt, um die eigene Basis zu mobilisieren.

Die Ökonomie der Günstlingswirtschaft

Hinter der politischen Ideologie stand eine nackte ökonomische Realität. Der irakische Staat unter dieser Führung funktionierte wie eine gigantische Geldwaschanlage für Parteigänger. Die Öleinnahmen wurden nicht in die Infrastruktur investiert, sondern flossen in ein Geflecht aus fiktiven Staatsangestellten und überteuerten Verträgen. Man schätzt, dass während seiner Amtszeit hunderte Milliarden Dollar spurlos verschwanden. Dieses Geld kaufte keine Panzer oder Schulen, es kaufte Schweigen und Loyalität. Wer Teil des Systems war, profitierte massiv. Wer draußen blieb, verelendete. Diese ökonomische Apartheid war der Treibstoff für den späteren Bürgerkrieg. Man kann eine Gesellschaft nicht dauerhaft mit Gewalt zusammenhalten, wenn man gleichzeitig die Lebensgrundlagen derer zerstört, die man regieren will. Die Gier der Eliten in Bagdad war ebenso zerstörerisch wie die Bomben der Aufständischen.

Ein Erbe der Ruinen und die Unfähigkeit zur Selbstkritik

Schaut man sich den heutigen Irak an, erkennt man die Narben dieser Ära an jeder Ecke. Die Zersplitterung der Sicherheitskräfte in dutzende verschiedene Milizen ist ein direktes Resultat der Politik jener Jahre. Man hat den Leviathan nicht gezähmt, man hat ihn in viele kleine Monster zerlegt, die nun alle ihren Anteil am Staat einfordern. Es gibt in der politischen Klasse des Landes kaum jemanden, der bereit ist, diese Verantwortung zu übernehmen. Stattdessen wird die Schuld stets externen Faktoren zugeschoben: dem Imperialismus, dem Terrorismus oder den Nachbarstaaten. Doch die Mechanismen des Scheiterns wurden innerhalb des irakischen Regierungsapparates konstruiert. Die Unfähigkeit, einen inklusiven Staat zu bilden, war kein technischer Defekt, sondern eine bewusste Entscheidung zum Machterhalt.

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Es ist verlockend, die Geschichte eines einzelnen Mannes als die Geschichte eines ganzen Landes zu erzählen. Doch in diesem Fall ist die Person untrennbar mit dem Versagen einer ganzen Vision verbunden. Man wollte ein neues Kapitel aufschlagen und schrieb stattdessen eine Fortsetzung der Tyrannei mit anderen Vorzeichen. Die Lektion, die wir daraus lernen müssen, ist schmerzhaft. Stabilität, die auf der Exklusion ganzer Bevölkerungsgruppen beruht, ist keine Stabilität, sondern lediglich ein aufgeschobener Kollaps. Die Welt schaute zu, wie eine Chance auf echte Veränderung in einem Meer aus Korruption und Sektierertum versank, während man sich einredete, dass der Mann an der Spitze das kleinste Übel sei.

Die bittere Wahrheit bleibt, dass Nouri Al-Maliki kein Hindernis für die Stabilität war, sondern das logische Endprodukt eines Systems, das Macht niemals als Dienst, sondern immer nur als Beute verstanden hat.

MN

Markus Neumann

Mit Erfahrung in Newsrooms und Content-Teams erstellt Markus Neumann verständliche, gut recherchierte Beiträge.