josefine mutzenbacher ii meine 365 liebhaber

josefine mutzenbacher ii meine 365 liebhaber

Wer glaubt, dass die explizite Darstellung menschlicher Triebe in der Filmgeschichte lediglich ein Produkt der sexuellen Revolution der späten Sechzigerjahre war, übersieht die kühle, fast schon bürokratische Präzision, mit der das europäische Kino der Siebziger Jahre Tabus in harte Währung verwandelte. Es geht hier nicht um künstlerische Befreiung, sondern um die Errichtung eines industriellen Komplexes, der sich den Anschein des Skandalösen gab, um die Massen in die Kinos zu locken. Ein prominentes Beispiel für diese Epoche ist Josefine Mutzenbacher II Meine 365 Liebhaber, ein Werk, das oft als bloßer Schmuddelkram abgetan wird, in Wahrheit aber viel mehr über die deutsche Spießbürgerlichkeit und deren verborgene Abgründe verrät, als es den meisten Betrachtern lieb sein dürfte. Wir blicken heute auf diese Ära zurück und sehen oft nur die grellen Farben und die fragwürdigen Frisuren, doch dahinter verbarg sich ein knallhartes Kalkül.

Die Geschichte der Josefine Mutzenbacher ist in der Literatur tief verwurzelt und gilt als einer der wenigen echten Skandalromane der Wiener Moderne. Als der Stoff Jahrzehnte später für die Leinwand adaptiert wurde, geschah etwas Seltsames. Die ursprünglich fast schon melancholische, sozialkritische Komponente der Vorlage wurde durch eine repetitive Abfolge von Begegnungen ersetzt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier eine ganze Generation von Kinogängern einer Illusion aufsaß. Sie dachten, sie sähen einen Akt der Rebellion gegen die verkrusteten Strukturen der Nachkriegsgesellschaft, während sie in Wirklichkeit nur Konsumenten eines perfekt durchgetakteten Unterhaltungsprodukts waren. Dieses Produkt bediente eine Sehnsucht nach Freiheit, die im Alltag der Bundesrepublik zwischen Schrankwand und VW Käfer schlicht keinen Platz fand.

Josefine Mutzenbacher II Meine 365 Liebhaber als Spiegel gesellschaftlicher Doppelmoral

Wenn man die Mechanismen hinter der Produktion betrachtet, wird schnell klar, dass die Regisseure jener Zeit keine Revolutionäre waren. Sie waren Handwerker des Voyeurismus. In Josefine Mutzenbacher II Meine 365 Liebhaber zeigt sich diese Tendenz besonders deutlich, da die schiere Menge der Begegnungen – die titelgebenden Liebhaber – jede Form von Individualität im Keim erstickt. Es ist eine Fließbandarbeit der Erotik. Kritiker werfen solchen Produktionen oft vor, sie seien moralisch verwerflich gewesen. Ich behaupte das Gegenteil. Diese Filme waren zutiefst konservativ. Sie hielten die Trennung zwischen dem öffentlichen, sauberen Leben und dem privaten, dunklen Vergnügen aufrecht. Indem man diese Inhalte in dunkle Kinosäle verbannte, bestätigte man die herrschende Moral, anstatt sie ernsthaft herauszufordern.

Skeptiker werden nun einwenden, dass diese Filme doch erst den Weg für eine offenere Gesellschaft geebnet haben. Sie werden sagen, dass ohne diese Provokationen die heutige Freizügigkeit undenkbare Utopie geblieben wäre. Das klingt plausibel, hält aber einer genauen Prüfung nicht stand. Die Offenheit, die wir heute erleben, ist das Ergebnis politischer Kämpfe und juristischer Auseinandersetzungen, nicht das Resultat von kommerziellen Ausbeutungsfilmen. Diese Produktionen profitierten lediglich von der bereits einsetzenden Lockerung der Zensur. Sie waren Nutzniesser, nicht Auslöser. Man darf den kommerziellen Erfolg nicht mit kulturellem Fortschritt verwechseln. Wenn ein Produzent merkt, dass nackte Haut die Kassen füllt, ist sein Antrieb nicht die Aufklärung, sondern die Bilanz am Ende des Quartals.

Die Konstruktion des Mythos Mutzenbacher

Man muss sich vor Augen führen, wie die Figur der Josefine überhaupt konstruiert wurde. Sie ist eine Projektionsfläche. In der literarischen Vorlage war sie ein Kind der Gosse, eine Figur, die durch bittere Armut und soziale Vernachlässigung geprägt war. Im Kino der Siebziger Jahre wurde daraus eine Art sexuelle Superheldin gemacht, die scheinbar völlig losgelöst von materiellen Zwängen agiert. Dieser Bruch mit der Realität ist bezeichnend. Die Zuschauer wollten keine Sozialstudie sehen. Sie wollten eine Welt, in der Konsequenzen keine Rolle spielten. In dieser Welt gab es keine Krankheiten, keine ungewollten Schwangerschaften und vor allem keine Scham.

Es ist diese Künstlichkeit, die das Werk heute so schwer genießbar macht. Alles wirkt wie auf einer Bühne inszeniert. Die Dialoge sind hölzern, die schauspielerische Leistung oft unterirdisch. Und doch besitzt das Ganze eine faszinierende dokumentarische Qualität. Man sieht die Interieurs der damaligen Zeit, die Tapetenmuster, die Art, wie Menschen miteinander sprachen, wenn sie glaubten, modern zu sein. Es ist ein Fenster in eine Welt, die sich verzweifelt bemühte, ihre eigene Verklemmtheit abzuschütteln und dabei oft nur noch lächerlicher wirkte. Ich habe mit Sammlern solcher Filme gesprochen, die heute horrende Summen für Originalplakate ausgeben. Sie suchen nicht nach Erregung. Sie suchen nach einer verlorenen Zeit, in der das Kino noch die Macht hatte, das ganze Land in Aufregung zu versetzen.

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Die Ökonomie des Exzesses im deutschen Film

Die Produktion solcher Titel war ein lukratives Geschäft, das meist von kleinen, unabhängigen Firmen betrieben wurde. Diese Firmen verstanden es meisterhaft, die Neugier des Publikums zu triggern. Der Titel Josefine Mutzenbacher II Meine 365 Liebhaber verspricht einen Exzess, den der Film technisch und erzählerisch gar nicht einlösen kann. Es ist ein klassisches Lockvogelangebot. Die Zahl 365 suggeriert eine Vollständigkeit, eine Erschöpfung aller Möglichkeiten. Doch wer sich den Film heute ansieht, erkennt schnell die Repetition. Es sind die immergleichen Abläufe, die immergleichen Kameraperspektiven. Das ist keine Befreiung der Lust. Das ist die Bürokratisierung des Vergnügens. Jeder Liebhaber ist nur ein weiterer Punkt auf einer Checkliste, die abgearbeitet werden muss, um die Laufzeit des Films zu füllen.

Man kann diesen Ansatz mit der heutigen Fast-Food-Industrie vergleichen. Es geht um Masse, nicht um Klasse. Es geht um den schnellen Kick, der sofort wieder verfliegt und den Konsumenten hungrig nach mehr zurücklässt. In den Siebziger Jahren gab es keine Internetpornos, keine sofortige Verfügbarkeit von Reizen per Mausklick. Das Kino war der einzige Ort, an dem diese Bilder legal oder zumindest geduldet konsumiert werden konnten. Das verlieh dem Ganzen eine Aura des Besonderen, die es objektiv betrachtet nie besaß. Wenn wir heute über die Qualität dieser Werke streiten, müssen wir anerkennen, dass ihr Wert primär historischer Natur ist. Sie sind Zeugnisse einer Übergangsphase.

Der Einfluss auf das moderne Verständnis von Erotik

Was ist geblieben von diesem Sturm im Wasserglas? Wenn man heutige Produktionen betrachtet, erkennt man oft die gleichen Muster wieder, nur technisch perfektionierter. Die Idee, dass man Sexualität quantifizieren kann – eben jene 365 Liebhaber – hat sich in unsere Köpfe eingebrannt. Wir leben in einer Zeit, in der Dating-Apps den Kontakt zu anderen Menschen zu einer Art Videospiel gemacht haben. Wischen nach links, wischen nach rechts. Die Logik des Films ist zur Logik unseres Alltags geworden. Wir konsumieren Menschen wie Waren. Die Distanz, die das Kino damals schuf, ist heute verschwunden, da wir die Werkzeuge des Konsums ständig in der Hosentasche tragen.

Nicht verpassen: gäste auf dem roten sofa

Man könnte fast Mitleid mit der Generation haben, die damals in diese Filme pilgerte. Sie suchten nach Antworten auf Fragen, die die Gesellschaft ihnen nicht beantworten wollte. Sie suchten nach einer Sprache für ihr Begehren und fanden nur eine Aneinanderreihung von Klischees. Es ist ein Missverständnis zu glauben, dass diese Filme die Menschen glücklicher oder freier gemacht haben. Wahrscheinlicher ist, dass sie eine tiefe Unzufriedenheit hinterließen, weil die Realität niemals mit den überhöhten Bildern auf der Leinwand mithalten konnte. Die Sehnsucht wurde nicht gestillt, sie wurde lediglich kommerziell gemolken.

Wer heute behauptet, dass diese Ära des Kinos ein goldenes Zeitalter der Freiheit war, betreibt Geschichtsklitterung. Es war eine Ära des Übergangs, geprägt von Unsicherheit und dem verzweifelten Versuch, aus der moralischen Verwirrung Profit zu schlagen. Wir sollten aufhören, diese Filme als subversive Kunstwerke zu verklären. Sie waren die Vorboten einer Welt, in der alles – absolut alles – einen Preis hat und zum Verkauf steht.

Die wahre Erkenntnis liegt nicht in der Anzahl der Affären oder der Explizitheit der Szenen, sondern in der ernüchternden Tatsache, dass wir durch den massenhaften Konsum dieser Bilder die Fähigkeit verloren haben, das Geheimnisvolle und Intime überhaupt noch zu schätzen.

Manche Dinge werden nicht dadurch besser, dass man sie in das grelle Licht der Öffentlichkeit zerrt; sie verlieren dabei lediglich ihren Zauber und werden zu einer weiteren Statistik in einem System, das keine Liebhaber kennt, sondern nur Konsumenten.

CF

Clara Fischer

In den Artikeln von Clara Fischer stehen Kontext, Genauigkeit und gesellschaftliche Relevanz im Mittelpunkt.