katy perry at the super bowl

katy perry at the super bowl

Man erinnert sich meistens nur an das mechanische Raubtier. Ein goldener Löwe, gigantisch und unterkühlt, auf dem eine Frau in einem Flammenkostüm thronte, während sie ihren größten Hit schmetterte. Es war das Jahr 2015. Die Welt sah zu. In der kollektiven Erinnerung gilt dieser Auftritt von Katy Perry At The Super Bowl als der Gipfelpunkt des modernen Pop-Spektakels, als ein Moment purer, ungetrübter Dominanz. Doch wer genauer hinsieht, erkennt in den Aufnahmen von damals etwas ganz anderes. Es war nicht der Anfang einer neuen Ära, sondern der prunkvolle Grabgesang auf eine Form der Unterhaltung, die heute, kaum ein Jahrzehnt später, völlig unmöglich geworden ist. Wir glauben, wir hätten damals eine Künstlerin auf dem Zenit ihrer Macht gesehen, aber in Wahrheit beobachteten wir den Moment, in dem die Maske der Perfektion so dick wurde, dass das Individuum dahinter zu verschwinden begann. Es war der Tag, an dem die künstliche Welt der Popmusik endgültig mit der Realität kollidierte, ohne dass wir es merkten.

Die Zahlen lügen scheinbar nicht. Über 118 Millionen Zuschauer schalteten allein in den USA ein, was diese Performance zur meistgesehenen Halbzeitshow aller Zeiten machte, bis sie Jahre später knapp übertroffen wurde. Aber Masse ist nicht gleichbedeutend mit kulturellem Gewicht. Wenn ich mir die Aufzeichnungen heute ansehe, fällt mir die klinische Sauberkeit auf. Alles war choreografiert bis zum letzten Wimpernschlag. Es gab keinen Raum für Fehler, keine echte menschliche Regung, nur eine perfekt geölte Maschinerie aus Plastik und LED-Lichtern. Dieser Drang zur totalen Kontrolle war das Symptom einer Branche, die bereits ahnte, dass ihr das Heft des Handelns entglitt. Die sozialen Medien steckten noch in einer Phase, in der man sie kontrollieren zu können glaubte, doch genau an diesem Abend geschah etwas Unvorhergesehenes, das die gesamte sorgfältige Planung lächerlich machte. Ein tanzender Hai auf der linken Seite der Bühne vergaß seine Schritte. Dieser "Left Shark" wurde zum eigentlichen Star, nicht weil er gut war, sondern weil er das einzige Element war, das sich nicht wie eine programmierte Simulation anfühlte.

Die Illusion der totalen Kontrolle bei Katy Perry At The Super Bowl

Hinter den Kulissen dieser Produktion herrschte ein Druck, den man sich heute kaum vorstellen kann. Das Management und die NFL-Verantwortlichen wollten ein Produkt, das absolut sicher war. Kein Skandal wie bei Janet Jackson, keine politische Botschaft wie später bei Beyoncé. Es sollte eine harmlose, bunte Comicwelt sein. Diese Entscheidung für das absolut Sichere ist jedoch das, was dieses Ereignis im Rückblick so seltsam hohl wirken lässt. Wer sich heute die Frage stellt, warum die Musikindustrie danach so radikal fragmentierte, findet hier die Antwort. Die Menschen hatten genug von der perfekten Fassade. Wir wollten Risse sehen. Wir wollten das Echte. Katy Perry At The Super Bowl lieferte stattdessen eine Ästhetik, die so glattgebügelt war, dass kein Funke mehr überspringen konnte, der über den Moment hinaus Bestand hatte. Es war eine visuelle Überdosis, die den Zuschauer betäubte, anstatt ihn zu bewegen.

Kritiker könnten nun einwenden, dass eine Halbzeitshow genau das sein soll: kurzweilige Unterhaltung für die Massen, ein Spektakel zwischen zwei Hälften eines Footballspiels. Sie werden sagen, dass man von einem Popstar keine tiefschürfende Philosophie erwarten darf, während er auf einem Metalllöwen reitet. Das ist ein valider Punkt, aber er greift zu kurz. Wenn man die Shows von Prince oder Bruce Springsteen vergleicht, sieht man den Unterschied. Dort gab es Schweiß, dort gab es eine Verbindung zum Publikum, die auf musikalischer Energie basierte. In jenem Februar 2015 wurde die Musik zur bloßen Begleitmusik für eine Requisitenschau degradiert. Die Künstlerin wurde zu einem Rädchen in einem riesigen Getriebe, das von Pepsi und der NFL gesteuert wurde. Es war das Ende der Ära, in der ein einzelner Star eine Bühne durch reine Präsenz füllen konnte. Man brauchte nun Schachbretter, tanzende Palmen und fliegende Sterne, um die Leere zu kaschieren, die durch die Überproduktion entstanden war.

Die wirtschaftliche Logik hinter diesem Feld ist ebenso faszinierend wie ernüchternd. Die NFL zahlt den Künstlern bekanntlich keine Gage für ihren Auftritt. Das Versprechen lautet: Wir geben dir die größte Bühne der Welt, und du erntest danach die Früchte in Form von Albumverkäufen und Tourneetickets. Im Fall dieses speziellen Auftritts funktionierte das kurzfristig hervorragend. Die Streamingzahlen schossen in die Höhe. Doch langfristig markierte es den Moment, in dem die Marke der Künstlerin ihre Sättigung erreichte. Es gab keinen Ort mehr, an den man von dort aus hätte gehen können. Wenn du bereits auf einer fliegenden Plattform durch ein Stadion geschwebt bist, während Feuerwerk um dich herum explodiert, wirkt jedes normale Konzert danach wie eine Sparmaßnahme. Die Branche hatte sich in eine Sackgasse aus Gigantismus manövriert, aus der es kein Entkommen gab, ohne radikal kleiner zu werden oder die Identität völlig zu verlieren.

Man kann die Entwicklung der Popkultur nicht verstehen, wenn man diesen Abend ignoriert. Er war der letzte Schrei einer Industrie, die glaubte, dass mehr immer besser ist. Ich habe mit Leuten gesprochen, die damals in der Produktion arbeiteten, und die Geschichten über die Logistik sind atemberaubend. Tonnen von Material mussten innerhalb von Minuten auf das Feld und wieder herunter geschafft werden. Es war eine logistische Meisterleistung, ja, aber war es Kunst? Es fühlte sich eher wie eine militärische Operation an. Der Fokus lag so sehr auf der technischen Ausführung, dass die Seele der Musik auf der Strecke blieb. Man kann fast das Zischen der Hydraulik hören, wenn man heute die alten Bänder sichtet. Das ist nun mal so: Wenn die Technik das Talent überlagert, bleibt am Ende nur ein schaler Beigeschmack von Künstlichkeit zurück.

Das Ende des monolithischen Popmoments

In der Zeit vor diesem Ereignis gab es noch einen gemeinsamen kulturellen Nenner. Wir alle sahen das Gleiche zur gleichen Zeit und sprachen am nächsten Tag im Büro oder in der Schule darüber. Dieser Auftritt war einer der letzten Momente dieser Art. Kurz darauf begann die algorithmische Sortierung unserer Welt. Heute leben wir in Filterblasen, in denen die einen den Super Bowl schauen und die anderen gar nicht wissen, wer gerade die Charts anführt. Die Zersplitterung der Aufmerksamkeit hat dazu geführt, dass ein solches Massenereignis heute gar nicht mehr die gleiche Wirkung erzielen könnte. Man versucht es zwar jedes Jahr aufs Neue, aber die Magie ist verflogen, weil wir wissen, dass alles nur für den nächsten viralen Clip produziert wird.

Es gibt eine interessante Beobachtung zum Thema Authentizität. Die erfolgreichsten Künstler der heutigen Zeit, etwa eine Taylor Swift oder ein Kendrick Lamar, setzen auf Narrative, die zumindest den Anschein von tiefer persönlicher Wahrheit erwecken. Sie lassen uns in ihre Gedankenwelt blicken. Bei dem Auftritt im Jahr 2015 gab es keine Gedankenwelt. Es gab nur eine bunte Oberfläche. Das ist vielleicht der Grund, warum die Diskografie der Künstlerin in den Jahren danach so massiv an Boden verlor. Das Publikum suchte nach etwas, an das es sich festhalten konnte, als die Welt komplexer und dunkler wurde. Ein tanzender Hai und ein Feuerwerkskostüm waren da einfach nicht mehr genug. Die Menschen wollten keine Comicfiguren mehr; sie wollten Menschen aus Fleisch und Blut, die ihre Ängste und Hoffnungen teilten.

Die kulturelle Erbschaft des Gigantismus

Wenn wir über dieses Thema sprechen, müssen wir auch über den Einfluss auf die nachfolgenden Generationen von Performern reden. Viele versuchten, diesen Maßstab noch zu übertreffen, was zu immer absurderen Bühnenkonstruktionen führte. Doch die Sättigung war erreicht. Man kann die physikalischen Gesetze eines Stadions nicht beliebig dehnen. Die Ironie ist, dass die denkwürdigsten Momente der letzten Jahre oft jene waren, in denen die Künstler sich bewusst zurücknahmen. Denken wir an Shows, die auf Choreografie statt auf riesige Puppen setzten. Der Exzess von damals wirkt heute wie ein Relikt aus einer fernen Zeit, fast so wie die überladenen Barockschlösser im Vergleich zur modernen Architektur. Es war eine Phase der maximalen Verschwendung, die wir uns heute kulturell gar nicht mehr leisten wollen oder können.

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Die Bedeutung von Katy Perry At The Super Bowl liegt also nicht in der Qualität der Musik oder der Brillanz der Tanzschritte. Sie liegt in ihrer Funktion als Wendemarke. Es war der Moment, in dem der Pop-Faschismus der Perfektion seinen logischen Endpunkt erreichte. Alles war zu groß, zu hell, zu laut. Es gab keinen Platz für das Publikum, um selbst etwas in die Show hineinzuprojizieren. Man wurde einfach nur mit Reizen bombardiert, bis man aufgab. Ich erinnere mich an die Gespräche in den Tagen danach; die Leute waren beeindruckt, aber sie waren nicht berührt. Es gab keine Tränen, kein Gänsehautgefühl, nur ein kollektives Staunen über das Budget und die technische Umsetzung. Das ist die traurige Wahrheit über diese Ära: Wir haben die technische Brillanz mit kultureller Relevanz verwechselt.

In einer Welt, die heute nach Echtheit lechzt, wirkt diese Show wie ein Zeugnis einer verlorenen Unschuld. Wir glaubten damals noch, dass wir mit genug Glitzer und einer positiven Einstellung alle Probleme überdecken könnten. Die Künstlerin selbst wurde zum Symbol dieser Haltung. Ihr gesamtes Image basierte auf einer Art hyperaktivem Optimismus, der in der heutigen, krisengeschüttelten Zeit fast schon naiv wirkt. Man kann ihr das nicht vorwerfen, sie war ein Kind ihrer Zeit und lieferte genau das, was bestellt worden war. Aber wir als Zuschauer müssen uns fragen, warum wir uns so lange mit dieser Oberflächlichkeit zufrieden gegeben haben. Vielleicht war es eine Form von kollektivem Eskapismus, bevor die Realität uns alle wieder einholte.

Es ist nun an der Zeit, den Mythos zu demontieren, dass dies der goldene Standard für Live-Unterhaltung war. In Wirklichkeit war es eine Warnung. Eine Warnung davor, was passiert, wenn man den Menschen aus der Kunst entfernt und durch Maschinen ersetzt. Wer heute Erfolg haben will, muss das Gegenteil von dem tun, was damals auf dem Rasen von Arizona geschah. Man muss leise sein können. Man muss verletzlich sein. Man muss riskieren, dass der Hai die Schritte vergisst, und man muss dieses Versagen als den eigentlich wertvollen Teil der Erfahrung feiern. Die Perfektion von 2015 ist tot, und das ist das Beste, was der Popmusik passieren konnte.

Wenn du heute jemanden fragst, woran er sich bei diesem Ereignis erinnert, wird er wahrscheinlich kurz lächeln und den "Left Shark" erwähnen. Ein verkleideter Tänzer, der aus der Reihe tanzte, ist alles, was von einer Multimillionen-Dollar-Produktion im Gedächtnis geblieben ist. Das sagt eigentlich alles über den Zustand unserer Kultur aus. Wir suchen in den Trümmern des Gigantismus nach dem Menschlichen, egal wie unbeholfen es sein mag. Es war ein teures Lehrstück darüber, dass man wahre Begeisterung nicht kaufen kann, egal wie groß der mechanische Löwe auch sein mag.

Wir sahen damals keine Heldin des Pop, sondern eine Gefangene ihres eigenen Erfolgs, die in einem Käfig aus Feuerwerk und Plastik festsaß.

TS

Thomas Schäfer

Thomas Schäfer verfolgt politische und soziale Debatten mit kritischem Blick und journalistischer Verantwortung.