the king of staten island

the king of staten island

Manche Menschen betrachten Pete Davidson lediglich als einen schrillen Fixstern am Firmament des Klatsch-Boulevards, dessen Privatleben oft interessanter scheint als sein schauspielerisches Handwerk. Doch wer den Film The King of Staten Island als bloße Verlängerung seiner öffentlichen Persona abtut, übersieht das fundamentale Trauma, das dieses Werk im Kern zusammenhält. Es ist eben kein gewöhnlicher Klamauk aus der Schmiede von Judd Apatow. Vielmehr handelt es sich um eine fast schon chirurgische Untersuchung männlicher Trauerbewältigung in einem Arbeiterviertel, das von der Welt vergessen wurde. Die landläufige Meinung besagt, dass Komödien dazu da sind, uns von der Realität abzulenken. Dieser Film tut das Gegenteil. Er zwingt uns dazu, in die hässlichen, ungeschminkten Ecken einer stagnierenden Existenz zu blicken, die durch den Verlust eines Vaters am elften September geprägt wurde. Davidson spielt hier nicht einfach nur eine Version seiner selbst, er exorziert eine kollektive Wunde, die weit über New York hinaus spürbar ist.

Der Protagonist Scott lebt in einem Zustand der permanenten Verweigerung. Er kifft, er tätowiert seine Freunde auf dilettantische Weise und er weigert sich beharrlich, Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen. Man könnte ihn als klassischen Drückeberger bezeichnen, aber das greift zu kurz. Sein Stillstand ist eine logische Konsequenz aus dem Schmerz, den er nicht artikulieren kann. In Deutschland kennen wir dieses Phänomen der vaterlosen Gesellschaft aus der Nachkriegsliteratur, doch hier wird es in das moderne Amerika verpflanzt. Staten Island fungiert dabei als eine Art Fegefeuer. Es ist der vergessene Bezirk, der Ort, den man nur sieht, wenn man auf der Fähre an ihm vorbeifährt. Die Umgebung spiegelt Scotts inneren Zustand wider. Alles wirkt ein wenig heruntergekommen, ein wenig stehengeblieben. Die Psychologie hinter diesem Stillstand ist komplex. Wenn ein Elternteil bei einem heroischen Akt stirbt, hinterlässt das ein Erbe, dem man kaum gerecht werden kann. Wie soll ein junger Mann mit psychischen Problemen und einer Vorliebe für billiges Weed mit einem Helden konkurrieren, der sein Leben für andere gab?

Die psychologische Tiefe von The King of Staten Island

Die eigentliche Provokation dieser Erzählung liegt darin, dass sie dem Zuschauer keinen einfachen Ausweg bietet. Wir erwarten oft, dass Filme über Trauer eine klare Katharsis haben. Der Held erkennt sein Problem, ändert sich und am Ende ist alles gut. Das Leben funktioniert so nicht. Scott ändert sich nicht grundlegend, er fängt lediglich an, sich ein kleines Stück zu bewegen. Das ist der radikale Realismus, der dieses Feld von anderen Produktionen abhebt. Es gibt keine plötzliche Heilung von Morbus Crohn oder ADHS. Es gibt nur den mühsamen Prozess, den nächsten Tag zu überstehen, ohne sich selbst oder andere zu verletzen. Die Kritik wirft dem Werk oft vor, mit über zwei Stunden Laufzeit zu langatmig zu sein. Ich behaupte, diese Länge ist absolut notwendig. Um die Schwere der Depression und die Zähigkeit der Zeit in einem solchen Milieu zu verstehen, muss man diesen Rhythmus spüren. Man muss die Langeweile und die ziellosen Gespräche ertragen, um die winzigen Momente des Fortschritts überhaupt wertschätzen zu können.

Ein entscheidender Wendepunkt tritt ein, als ein neuer Mann in das Leben von Scotts Mutter tritt. Dieser Mann ist, wie Scotts verstorbener Vater, ein Feuerwehrmann. Das ist ein klassisches psychologisches Motiv: die Wiederholung des Traumas. Scott reagiert mit purer Aggression, nicht weil er den Mann hasst, sondern weil er Angst vor der Erinnerung hat. Feuerwehrmänner genießen in den USA einen fast heiligen Status. Sie sind die Arbeiterklasse-Ritter. Indem der Film zeigt, dass sie auch fehlbare, fluchende und manchmal jähzornige Menschen sind, entmystifiziert er das Heldenbild. Das ist wichtig, um Scott den Raum zu geben, seinen Vater als Menschen und nicht als unantastbare Ikone zu sehen. Nur wenn das Podest stürzt, kann die Heilung beginnen. Skeptiker mögen sagen, dass die Darstellung der Feuerwehrleute klischeehaft sei. Ich entgegne, dass genau diese Ruppigkeit die authentische Sprache dieser Männer ist. Sie kommunizieren durch Beleidigungen und physische Präsenz, weil Gefühlsduselei in ihrem Job tödlich sein kann.

Das Handwerk hinter der Maske

Judd Apatow hat eine lange Tradition darin, Männern beim Nicht-Erwachsenwerden zuzusehen. Doch hier ist sein Blick geschärft. Er lässt die Kamera oft lange auf Davidsons Gesicht verweilen. Man sieht die Müdigkeit unter den Augen, die echte Erschöpfung eines jungen Mannes, der mit dem Gewicht der Welt auf seinen Schultern aufgewacht ist. Es ist eine schauspielerische Leistung, die oft unterschätzt wird, weil sie so nah an der Realität operiert. Die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation verschwimmen hier. Davidson verlor seinen Vater tatsächlich bei den Anschlägen im Jahr 2001. Diese Authentizität ist keine Marketingstrategie, sie ist das Fundament der Glaubwürdigkeit. Wenn Scott im Film über seinen Vater spricht, spürt man, dass die Worte von einem Ort kommen, der nicht geskriptet werden kann. Das verleiht dem Ganzen eine Schwere, die man in einer Hollywood-Produktion selten findet.

Es ist auch eine Geschichte über die ökonomische Realität. Staten Island ist nicht Manhattan. Es gibt dort keine glitzernden Wolkenkratzer oder hippen Cafés in diesem Ausmaß. Die Menschen arbeiten hart, oft in mehreren Jobs, und sie kämpfen gegen eine Opioid-Krise, die ganze Gemeinden zerreißt. Auch wenn das Thema Sucht im Film eher am Rande behandelt wird, schwebt es wie eine dunkle Wolke über der Szenerie. Scotts Freunde sind keine Kriminellen im klassischen Sinne, sie sind perspektivlos. Das Tätowieren eines neunjährigen Jungen am Strand ist ein Akt purer Dummheit, aber es entspringt dem verzweifelten Wunsch, irgendetwas zu tun, das Bedeutung hat. In einer Welt, die dich ignoriert, ist selbst eine schlechte Tat ein Lebenszeichen.

Warum wir das Scheitern in The King of Staten Island feiern sollten

Das Publikum liebt Gewinner. Wir sind darauf konditioniert, Erfolgsgeschichten zu konsumieren. Doch diese Erzählung feiert das kontrollierte Scheitern. Es geht darum, dass es okay ist, nicht okay zu sein. In einer Leistungsgesellschaft, die auch Deutschland immer mehr durchdringt, ist das eine fast schon revolutionäre Botschaft. Scott gewinnt am Ende keine Meisterschaft, er bekommt nicht das Mädchen seiner Träume zurück und er wird kein Star-Tätowierer. Er findet lediglich einen Job und lernt, ein Bett zu machen. Das ist sein Mount Everest. Wir müssen anerkennen, dass für manche Menschen die Normalität der größte Sieg ist. Das System der Feuerwehr spielt dabei eine zentrale Rolle als Ersatzfamilie. Es bietet Struktur, wo vorher nur Chaos war. Die alten Kollegen seines Vaters nehmen Scott nicht auf, weil er talentiert ist, sondern weil er einer von ihnen ist. Diese Form der bedingungslosen Loyalität innerhalb der Arbeiterklasse ist etwas, das in der modernen Soziologie oft als altmodisch abgetan wird, hier aber als Rettungsanker fungiert.

Es gibt Stimmen, die behaupten, der Film würde toxische Männlichkeit verharmlosen. Ich sehe das anders. Er porträtiert sie, um sie zu dekonstruieren. Die Aggression, die Unfähigkeit über Gefühle zu reden, der plumpe Sexismus der Freunde – all das wird gezeigt, aber nicht verherrlicht. Man sieht die Einsamkeit, die daraus resultiert. Scott bricht aus diesem Kreislauf aus, indem er lernt, Hilfe anzunehmen. Er lässt zu, dass andere ihn führen. Das ist das Gegenteil von toxisch; es ist die Akzeptanz der eigenen Verletzlichkeit. Die Wandlung ist subtil. Sie geschieht in den kleinen Momenten, etwa wenn er im Feuerwehrhaus den Boden wischt oder den älteren Männern zuhört. Er lernt, dass Dienst an der Gemeinschaft eine Form der Selbsttherapie sein kann.

Die ästhetische Gestaltung des Stillstands

Die visuelle Sprache des Films unterstützt diese These. Die Farben sind oft gedämpft, fast schon herbstlich, selbst wenn die Sonne scheint. Es gibt keine hektischen Schnitte. Die Kamera bleibt ruhig, beobachtend, fast schon ein wenig distanziert. Das erzeugt eine Intimität, die den Zuschauer zum Komplizen macht. Wir sitzen mit Scott im Keller, wir rauchen mit ihm auf der Veranda, wir spüren die klamme Luft des New Yorker Winters. Diese Atmosphäre ist entscheidend für das Verständnis der Geschichte. Es geht nicht um große Gesten, sondern um das Verstreichen der Zeit. Wenn man in einem Vorort feststeckt, fühlt sich jeder Tag gleich an. Die Ästhetik fängt dieses Gefühl der ewigen Wiederkehr perfekt ein.

Nicht verpassen: na na na na come on

Man kann darüber streiten, ob die komödiantischen Elemente die Ernsthaftigkeit untergraben. Ich finde, der Humor dient als Schutzschild. Wer im echten Leben Tragödien erlebt hat, weiß, dass Galgenhumor oft das einzige Mittel ist, um nicht wahnsinnig zu werden. Die Witze sind nicht dazu da, die Trauer zu verharmlosen, sondern um sie erträglich zu machen. Es ist eine zutiefst menschliche Reaktion. In den dunkelsten Momenten lachen wir am lautesten, weil das Lachen beweist, dass wir noch am Leben sind. Diese Nuance wird oft verkannt, wenn man das Werk nur als eine weitere Kiffer-Komödie einordnet.

Die Rolle der Schwester ist ebenfalls ein oft übersehener Ankerpunkt. Sie ist diejenige, die geht, die studiert, die versucht, den Kreislauf zu durchbrechen. Ihr Erfolg ist Scotts größter Vorwurf an sich selbst. Jedes Mal, wenn sie anruft oder zu Besuch kommt, sieht er in ihr alles, was er nicht ist. Die Geschwisterdynamik ist hier von einer schmerzhaften Präzision. Sie liebt ihn, aber sie schämt sich auch für ihn. Sie will ihn retten, merkt aber, dass sie ihn damit nur noch mehr erstickt. Es ist ein klassisches Familiendrama, das unter der Oberfläche eines Buddy-Movies brodelt.

Wenn wir uns die heutige Filmlandschaft ansehen, in der Superhelden ganze Städte zerstören, ohne mit der Wimper zu zucken, wirkt eine Geschichte über einen jungen Mann, der versucht, einen hässlichen Drachen auf den Rücken eines Freundes zu stechen, fast schon rührend klein. Aber genau in dieser Kleinteiligkeit liegt die Wahrheit. Die großen Katastrophen unseres Lebens sind meistens privat. Sie finden in kleinen Küchen und verrauchten Kellern statt. Sie hinterlassen keine Trümmerfelder in den Straßen, sondern Risse in den Seelen. Dieser Film gibt diesen Rissen einen Namen und einen Ort. Er legitimiert den Schmerz derjenigen, die nicht wissen, wohin mit sich selbst.

👉 Siehe auch: just call me angel

Man muss die Intention der Filmemacher verstehen, um die wahre Größe dieses Projekts zu erfassen. Es war kein einfacher Auftrag, sondern ein Herzensprojekt für alle Beteiligten. Das merkt man jeder Szene an. Es gibt keine unnötigen Spezialeffekte, kein Pathos, keine künstliche Dramatisierung. Alles wirkt organisch gewachsen. Selbst die Nebencharaktere, wie die anderen Feuerwehrmänner, haben genug Profil, um nicht als bloße Stichwortgeber zu fungieren. Sie repräsentieren eine Generation von Männern, die gelernt hat, ihren Schmerz in Arbeit und Sarkasmus zu ertränken. Scott ist derjenige, der gezwungen ist, einen anderen Weg zu finden, weil er an diesem alten Modell fast zerbricht.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass wir oft dort Heilung finden, wo wir sie am wenigsten erwarten. Für Scott ist es nicht die Therapie oder die Kunst, sondern die profane Arbeit und die Gemeinschaft von Menschen, die ihn so nehmen, wie er ist. Das ist keine romantisierte Sicht auf die Welt, sondern eine pragmatische. Wir brauchen Aufgaben, wir brauchen eine Routine und wir brauchen Menschen, die uns sagen, wenn wir uns wie Idioten benehmen. Die wahre Leistung des Films besteht darin, uns zu zeigen, dass auch ein König ohne Krone und ohne Reich Würde besitzen kann, solange er lernt, auf seinen eigenen Beinen zu stehen. Wer diese Botschaft versteht, sieht Staten Island nicht mehr als einen Schandfleck auf der Karte, sondern als ein Denkmal für die menschliche Widerstandsfähigkeit.

Wahres Erwachsenwerden bedeutet nicht, den Schmerz der Vergangenheit zu besiegen, sondern ihn so tief in das eigene Leben zu integrieren, dass er einen nicht mehr am Weitergehen hindert.

MN

Markus Neumann

Mit Erfahrung in Newsrooms und Content-Teams erstellt Markus Neumann verständliche, gut recherchierte Beiträge.