Das Publikum im Kinosaal erwartete im Winter 2021 vermutlich das Übliche: schnelle Schnitte, alberne Gadgets und eine Überdosis an britischem Chauvinismus, die so dick aufgetragen ist, dass sie fast schon wieder sympathisch wirkt. Doch was Matthew Vaughn mit The King's Man: The Beginning ablieferte, war kein harmloser Action-Snack für zwischendurch. Es war ein filmisches Experiment, das sich hinter der Maske eines Blockbusters versteckte, um eine bittere Pille über die Sinnlosigkeit des Krieges zu verabreichen. Wer glaubte, hier lediglich die Ursprungsgeschichte eines fiktiven Geheimdienstes zu sehen, übersah die beinahe schmerzhafte Dekonstruktion nationaler Mythen, die diesen Film zu einem der missverstandendsten Werke der letzten Jahre macht. Während die ersten beiden Teile der Reihe das Spionagewesen als Spielwiese für Gentlemänner zelebrierten, kehrte dieser dritte Teil die Taschen um und präsentierte uns die hässliche, zerfurchte Innenseite der europäischen Geschichte.
Warum The King's Man: The Beginning weit mehr als nur ein Prequel ist
Man muss sich die Struktur dieses Werkes genau ansehen, um zu verstehen, warum die Kritik damals so gespalten reagierte. Viele Rezensenten warfen dem Film eine tonale Inkonsistenz vor. Auf der einen Seite steht der fast schon comichafte Kampf gegen einen tanzenden Rasputin, auf der anderen das markerschütternde Grauen der Schützengräben von Passchendaele. Aber genau in dieser Reibung liegt die Genialität des Ansatzes. Der Film zwingt uns dazu, die Absurdität der Aristokratie gegen das reale Sterben der jungen Männer abzuwägen. In Deutschland haben wir eine besondere Beziehung zu dieser Epoche. Wir betrachten den Ersten Weltkrieg oft durch die Linse der totalen Erschöpfung, wie sie Erich Maria Remarque beschrieb. Dieses Werk wählt einen anderen Weg: Es nutzt die Ästhetik des Abenteuerfilms, um den Zuschauer in eine Sicherheit zu wiegen, nur um ihm dann den Boden unter den Füßen wegzuziehen.
Die zentrale These, die ich hier verteidige, ist simpel: Diese Geschichte ist kein Kriegsfilm, sondern ein Film gegen den Krieg, der sich als Unterhaltung tarnt. Skeptiker werden einwenden, dass die Darstellung historischer Figuren wie Wilhelm II., Nikolaus II. und George V. durch denselben Schauspieler lediglich ein billiger Trick sei. Doch das ist falsch. Es ist eine scharfe visuelle Metapher für die inzestuöse Natur der europäischen Monarchien, die einen ganzen Kontinent in den Abgrund rissen, nur weil ein paar Cousins ihre Egos nicht im Zaum halten konnten. Das ist kein Slapstick, das ist eine bittere Anklage gegen die Machtstrukturen des frühen 20. Jahrhunderts. Wenn man die Augen schließt und nur auf den Rhythmus der Erzählung achtet, merkt man, dass die Leichtigkeit der Vorgänger hier einer bleiernen Schwere gewichen ist, die fast schon physisch spürbar wird.
Die Demontage des Heldenmythos
In klassischen Actionfilmen ist der Held derjenige, der die Waffe zieht und den Tag rettet. Hier erleben wir das Gegenteil. Die Hauptfigur, der Duke of Oxford, ist ein überzeugter Pazifist, der durch persönliches Trauma gelähmt ist. Sein Kampf besteht nicht darin, in den Krieg zu ziehen, sondern seinen Sohn davon abzuhalten. Das bricht mit jeder Konvention des Genres. Wir sind darauf konditioniert, das Ergreifen der Waffen als Akt der Reife zu sehen. Der Film zeigt uns jedoch, dass dieser vermeintliche Heldenmut oft nichts weiter als soziale Konditionierung und blinder Gehorsam ist. Das Schicksal des Sohnes im Niemandsland ist eine der grausamsten Szenen der jüngeren Filmgeschichte, gerade weil sie so vollkommen sinnlos ist. Es gibt keinen heroischen Opfertod, es gibt nur einen dummen Zufall und eine Kugel, die zur falschen Zeit am falschen Ort ist.
Die Fachwelt der Filmwissenschaftler weist oft darauf hin, dass Matthew Vaughn hier seinen eigenen Stil kannibalisierte. Man kann das als handwerklichen Fehler sehen oder als bewusste Entscheidung, die Erwartungshaltung des Zuschauers zu unterlaufen. Ich neige zu Letzterem. Wenn die Gewalt in den Schützengräben plötzlich staubtrocken und ohne orchestrale Untermalung dargestellt wird, bricht das die vierte Wand auf eine Weise, die uns zwingt, unsere eigene Lust am filmischen Töten zu hinterfragen. In den vorherigen Filmen war Gewalt eine Pointe; hier ist sie ein Fleischwolf. Das ist eine Form von Ehrlichkeit, die man in einem Franchise-Film von Disney-Format eigentlich nicht erwarten darf.
Die historische Wahrheit hinter der Fiktion
Obwohl die Handlung offensichtlich fantastische Elemente enthält, basiert der Kern der Erzählung auf einer erschreckend akkuraten Einschätzung der geopolitischen Lage von 1914. Die Idee eines Schattenkabinetts, das die Fäden zieht, mag wie eine Verschwörungstheorie wirken, dient aber als Parabel für die unkontrollierbaren diplomatischen Kettenreaktionen, die zum Krieg führten. Historiker wie Christopher Clark haben in Werken wie Die Schlafwandler dargelegt, wie die europäischen Eliten fast schon versehentlich in den Konflikt stolperten. Die Verfilmung übersetzt diese komplexe historische Realität in das Bild einer geheimen Bruderschaft. Das ist keine Geschichtsfälschung, sondern eine Zuspitzung.
Die Rolle der Geheimdienste, die hier thematisiert wird, greift zudem eine reale Entwicklung auf. Der britische MI6 wurde tatsächlich in dieser Ära unter der Leitung von Mansfield Smith-Cumming geformt, der wie der Duke of Oxford eine Vorliebe für Diskretion und ungewöhnliche Methoden hatte. Der Film stellt die Frage, ob eine Welt, die von offizieller Diplomatie im Stich gelassen wurde, eine inoffizielle Verteidigungslinie braucht. Aber er tut dies, ohne die Antwort glorreich zu verklären. Am Ende steht kein goldener Pokal, sondern eine Gruppe von Menschen, die ihre Menschlichkeit opfern mussten, um das Schlimmste zu verhindern. Das ist eine düstere Botschaft für ein Werk, das im Marketing als bunter Actionspaß verkauft wurde.
Das Handwerk der Subversion
Man kann über die schauspielerische Leistung von Ralph Fiennes nicht sprechen, ohne seine Fähigkeit zu bewundern, zwischen aristokratischer Steifheit und roher Trauer zu navigieren. Er spielt nicht den Bond-Vorgänger, er spielt einen gebrochenen Vater. Wenn er im letzten Drittel des Films schließlich doch zum Schwert greift, fühlt sich das nicht wie ein Triumph an. Es fühlt sich wie eine Niederlage an. Er muss seine Ideale verraten, um die Welt zu retten, die diese Ideale erst zerstört hat. Das ist das Paradoxon, das den gesamten Film durchzieht.
Der Einsatz von Musik und Kameraarbeit unterstützt diese These massiv. In den Momenten der Ruhe nutzt der Film lange Einstellungen, die fast an ein Kammerspiel erinnern. Sobald die Action einsetzt, wird sie oft unübersichtlich und chaotisch, was den Kontrast zur kühlen Planung der Attentäter im Hintergrund betont. Die Art und Weise, wie die Handlung uns von London über Russland bis nach Sarajevo führt, zeigt die Vernetzung einer Welt, die kurz vor der Selbstzerstörung stand. Wir sehen eine Globalisierung des Schmerzes, die lange vor der heutigen digitalen Vernetzung stattfand.
The King's Man: The Beginning funktioniert deshalb so gut, weil es sich weigert, dem Zuschauer das zu geben, was er will. Wir wollen den coolen Spion sehen, der mit einem Lächeln auf den Lippen die Welt rettet. Stattdessen bekommen wir einen Mann, der weinend über der Leiche seines Kindes zusammenbricht. Das ist eine Radikalität, die man dem Regisseur hoch anrechnen muss. Er nutzt das Budget und die Reichweite einer bekannten Marke, um eine Geschichte über das Versagen der Zivilisation zu erzählen. Man kann das inkonsistent nennen, ich nenne es mutig.
In einer Medienlandschaft, die oft auf Nummer sicher geht, ist ein solcher Ausbruch aus der Form selten geworden. Wir sind es gewohnt, dass Filme klar in Schubladen passen. Actionfilme sollen unterhalten, Dramen sollen belehren. Dieses Werk tut beides gleichzeitig und lässt uns mit einem unbequemen Gefühl zurück. Es erinnert uns daran, dass hinter jeder glänzenden Medaille und jeder stolzen Uniform ein Berg aus Knochen liegt. Wenn wir über die Anfänge von Institutionen sprechen, vergessen wir oft den Preis, der für ihre Gründung gezahlt wurde. Dieser Film vergisst ihn nicht. Er reibt ihn uns unter die Nase, verpackt in die feine Seide eines Maßanzugs.
Man kann diesen Film ignorieren oder als bizarren Ausreißer abtun, doch damit würde man die Chance verpassen, zu verstehen, wie modernes Blockbuster-Kino als scharfes Werkzeug der Gesellschaftskritik dienen kann. Die größte Stärke liegt nicht in dem, was auf der Leinwand explodiert, sondern in dem, was in den Köpfen der Zuschauer hängen bleibt, wenn das Licht wieder angeht. Es ist die Erkenntnis, dass die Welt nicht durch Helden gerettet wird, sondern durch Menschen, die bereit sind, das Unaussprechliche zu tun, während alle anderen wegschauen.
Wahre Ehre entsteht nicht auf dem Schlachtfeld, sondern in der einsamen Entscheidung, den Wahnsinn der Massen nicht länger als Schicksal zu akzeptieren.