margaret carroux herr der ringe

margaret carroux herr der ringe

Wer heute an Mittelerde denkt, hat meist die epischen Breitwandbilder von Peter Jackson vor Augen oder hört das sonore Pathos der deutschen Synchronstimmen. Doch die wahre Schlacht um die Seele von J.R.R. Tolkiens Werk in Deutschland fand nicht auf den Feldern des Pelennor statt, sondern am Schreibtisch einer Frau, die eine fast unlösbare Aufgabe übernahm. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass eine Übersetzung lediglich Wörter von einer Sprache in die andere schiebt. Viele Leser glauben, Margaret Carroux Herr Der Ringe sei eine bloße Übertragung eines englischen Abenteuerromans. Das Gegenteil ist der Fall. Ohne ihre akribische, fast schon archäologische Arbeit an der Sprache wäre das Buch hierzulande wohl als krudes Kuriosum in den Regalen verstaubt. Sie schuf kein deutsches Abbild des Originals, sondern ein deutsches Äquivalent, das in seiner Tonalität tiefer in unserer eigenen Sprachgeschichte wurzelt, als es viele moderne Leser wahrhaben wollen.

Die Geschichte dieser Übertragung ist geprägt von einem massiven kulturellen Missverständnis. In den späten 1960er Jahren galt Fantasy in Deutschland als Kinderkram oder schlimmer noch als Eskapismus ohne literarischen Wert. Margaret Carroux stand vor der Herausforderung, ein Werk zu bändigen, das in einem Englisch verfasst war, welches sich bewusst an altenglischen und nordischen Traditionen bediente. Hätte sie modern übersetzt, wäre der Zauber verflogen. Sie entschied sich für einen Weg, der heute oft als altbacken kritisiert wird, aber in Wahrheit die einzige Methode war, Tolkiens Intention gerecht zu werden. Sie nutzte ein Deutsch, das nach Handwerk, Erde und Geschichte klingt. Es war eine bewusste Entscheidung gegen den Zeitgeist der frühen Bundesrepublik, die sich damals mühsam an die Moderne klammerte.

Margaret Carroux Herr Der Ringe und die Rückkehr zum Ursprung

Man muss verstehen, wie radikal dieser Ansatz damals war. Carroux korrespondierte direkt mit Tolkien. Er schickte ihr detaillierte Anweisungen, wie Namen und Begriffe zu behandeln seien. Er wollte keine oberflächliche Modernisierung. Er wollte, dass die deutsche Fassung so klingt, als sei sie ein organischer Teil der germanischen Sagenwelt. Wenn man Margaret Carroux Herr Der Ringe heute liest, spürt man diesen Widerstand gegen die Glätte. Sie wählte Wörter, die im Schlamm der Schützengräben des Ersten Weltkriegs geboren schienen, in dem Tolkien seine ersten Visionen von Mittelerde hatte. Es ist kein poliertes Hochdeutsch der Nachrichtensendungen, sondern eine Sprache der Chronisten.

Kritiker werfen ihr oft vor, sie sei zu steif gewesen. Man verweist gern auf die spätere Neuübersetzung von Wolfgang Krege aus dem Jahr 2000. Krege versuchte, die Hobbits „cooler“ und nahbarer zu machen. Er ließ sie „Chef“ sagen und gab ihnen eine Sprache, die an die lockere Umgangsform von Büroangestellten erinnerte. Viele junge Leser feierten das damals, weil es sich leichter weglesen ließ. Doch hier liegt der Denkfehler. Tolkien schrieb keine Geschichte über Büroangestellte, die zufällig in ein Abenteuer stolpern. Er schrieb einen Mythos. Die Hobbits sind keine modernen Menschen, sondern Vertreter einer untergehenden, ländlichen Idylle. Wer sie modern sprechen lässt, zerstört das Fundament der Welt. Carroux verstand das. Sie wusste, dass Distanz durch Sprache gewahrt werden muss, um das Staunen aufrechtzuerhalten. Ein Elb, der wie ein Werbetexter spricht, ist kein Elb mehr.

Diese Treue zum Tonfall ist es, die ihre Arbeit so unverwüstlich macht. Sie begriff, dass die deutsche Sprache eine besondere Verwandtschaft zum Englischen Tolkiens besitzt. Da beide Sprachen auf denselben germanischen Wurzeln fußen, konnte sie Nuancen retten, die in romanischen Sprachen wie dem Französischen oder Italienischen zwangsläufig verloren gehen mussten. Sie grub Begriffe aus, die fast vergessen waren, und schenkte ihnen eine neue Bühne. Das war kein verstaubter Konservatismus, sondern sprachliche Meisterschaft.

Die Macht der Nomenklatur

Betrachten wir das Wort „Auenland“. Im Englischen heißt es „The Shire“. Es ist ein einfaches Wort für eine Verwaltungsreinheit. Carroux hätte es „Die Grafschaft“ nennen können. Das wäre korrekt gewesen, aber vollkommen falsch in der Wirkung. „Auenland“ evoziert sofort Bilder von grünen Wiesen, Wasserläufen und einer fast heiligen Ruhe. Es ist ein Wort, das sich im Mund richtig anfühlt. Solche Entscheidungen traf sie auf fast jeder Seite. Sie schuf eine Topographie der Sehnsucht. Skeptiker behaupten gern, dass solche Begriffe heute niemanden mehr erreichen. Sie sagen, die Sprache müsse sich an die Jugend anpassen. Ich sage: Die Jugend will gar nicht, dass sich alles an sie anpasst. Sie will in Welten eintauchen, die anders sind als ihr Alltag. Wer Tolkiens Welt durch die Brille der heutigen Umgangssprache betrachtet, nimmt ihr die Erhabenheit. Er macht aus einer Kathedrale eine Fertiggarage.

Es gibt Momente in der Literaturgeschichte, in denen die Übersetzung das Original nicht nur spiegelt, sondern für einen neuen Kulturraum überhaupt erst begehbar macht. Carroux leistete diese Pionierarbeit unter Bedingungen, die wir uns heute kaum vorstellen können. Ohne Internetforen, ohne digitale Datenbanken und mit einem Autor im Nacken, der jedes Komma prüfte. Sie lieferte eine Leistung ab, die in ihrer Geschlossenheit bis heute unübertroffen ist. Wenn wir über Margaret Carroux Herr Der Ringe sprechen, dann sprechen wir über ein Denkmal der deutschen Sprache, das zeigt, was Prosa leisten kann, wenn sie sich nicht dem Diktat der Bequemlichkeit unterwirft.

Manche mögen argumentieren, dass Sprache fließt und sich wandelt. Das stimmt natürlich. Aber ein Monument wandelt sich nicht. Man modernisiert den Kölner Dom auch nicht, indem man die Wasserspeier durch Überwachungskameras ersetzt. Man akzeptiert seine Form als Zeugnis einer Zeit und einer Vision. Genau das ist diese Übersetzung. Sie ist ein fester Anker in einer Zeit, in der alles immer flüchtiger wird. Sie zwingt den Leser zum Innehalten. Sie fordert Aufmerksamkeit. Sie verlangt, dass man sich auf den Rhythmus der Sätze einlässt, anstatt sie nur zu scannen. Das ist der wahre Grund, warum ihre Fassung auch nach Jahrzehnten diejenige ist, zu der echte Kenner immer wieder zurückkehren.

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In einer Welt, die zunehmend alles einebnet und jedes sprachliche Ecken und Kanten abschleift, ist ihre Arbeit ein Akt des Widerstands. Sie hat bewiesen, dass man ein fremdes Werk so tief in den eigenen Boden einpflanzen kann, dass es sich anfühlt, als sei es dort schon immer gewachsen. Das ist keine bloße Dienstleistung gewesen. Es war eine Schöpfungshaltung. Wer die Tiefe dieser Welt wirklich begreifen will, muss sich dem rauen, ehrlichen Deutsch stellen, das sie für uns gefunden hat. Es gibt keinen einfachen Weg nach Mordor, und es sollte auch keinen einfachen Weg durch die Seiten dieses Buches geben.

Die wahre Magie eines Klassikers entfaltet sich erst dann, wenn man den Mut besitzt, ihn in seiner ganzen, manchmal sperrigen Pracht stehen zu lassen.

SB

Stefan Braun

Stefan Braun hat für verschiedene Online-Redaktionen gearbeitet und steht für Qualitätsjournalismus mit Substanz.