Wer heute an Wilhelm Busch denkt, sieht meist adrette Bilderbücher vor sich, die in gutbürgerlichen Kinderzimmern als pädagogische Mahnung dienen. Man erinnert sich an die Streiche als harmlose Lausbubengeschichten, die am Ende moralisch gerechtfertigt in der Mühle enden. Doch das ist ein Trugschluss, der die bittere, fast schon nihilistische Ader des Urhebers völlig verkennt. Busch war kein Kinderbuchautor, er war ein Pessimist, der das Groteske im Alltag suchte. Als im Jahr 2005 Max Und Moritz Der Film in die Kinos kam, reagierte das Feuilleton mit einer Mischung aus Unverständnis und offener Ablehnung. Die Kritiker sahen eine überdrehte, bunte und bisweilen geschmacklose Inszenierung, die das "Kulturgut" angeblich beschmutzte. Doch genau hier liegt der Kern des Missverständnisses begraben. Die Produktion unter der Regie von Thomas Schultz-Sobke wagte etwas, das sich kaum eine andere Adaption traute: Sie nahm die Grausamkeit der Vorlage beim Wort und übersetzte sie in eine Ästhetik, die so schrill war, dass sie den Schmerz des Originals erst spürbar machte.
Die visuelle Anarchie von Max Und Moritz Der Film
Die Entscheidung, die Geschichte in ein fiktives, zeitloses Dorf zu verlegen, das gleichermaßen nach 19. Jahrhundert und trashiger Comic-Welt aussieht, war kein ästhetischer Unfall. Es war eine bewusste Entscheidung für die Groteske. Wenn wir uns die Zeichnungen von Busch genau ansehen, finden wir keine idyllische Welt. Wir sehen verzerrte Gesichter, explodierende Körper und eine fast schon sadistische Freude am Zerfall der Ordnung. Die filmische Umsetzung nutzte eine Farbpalette und eine Ausstattung, die an die frühen Werke von Jean-Pierre Jeunet oder sogar an die anarchische Energie eines Terry Gilliam erinnert. Das Dorf wird hier zum Schauplatz einer sozialen Paranoia, in der jeder Erwachsene eine Karikatur seiner eigenen Verfehlungen ist. Die Kinder sind nicht die Wurzel des Übels, sie sind lediglich die Katalysatoren, die den Wahnsinn der Spießerwelt zum Vorschein bringen.
Die Dekonstruktion der Autorität
In der filmischen Erzählung wird Lehrer Lämpel nicht als ehrwürdiger Pädagoge dargestellt, sondern als eine Figur, deren gesamte Existenz auf der Unterdrückung von Individualität fußt. Die berühmte Szene mit der Meerschaumpfeife wird im Film zu einem pyrotechnischen Exzess, der die Fragilität bürgerlicher Rituale offenlegt. Das ist kein Slapstick für Sechsjährige. Das ist eine visuelle Abhandlung über das Scheitern von Disziplinierungsmaßnahmen. Viele Zuschauer empfanden diese übersteigerten Darstellungen als anstrengend oder gar "billig". Ich behaupte dagegen, dass diese Billigkeit System hatte. Sie spiegelte die Kaltblütigkeit wider, mit der die Gesellschaft ihre Außenseiter behandelt. In einer Welt, die nur aus Kulissen besteht, ist die Zerstörung dieser Kulissen der einzige Akt der Freiheit.
Warum Max Und Moritz Der Film an den Erwartungen scheitern musste
Das Publikum im deutschsprachigen Raum neigt dazu, seine Klassiker mit einer fast schon religiösen Ehrfurcht zu behandeln. Man will das Original "atmen" spüren, was meist bedeutet, dass man eine konservative, leicht verstaubte Inszenierung erwartet. Dieses Werk jedoch verweigerte sich jeder Gemütlichkeit. Es war laut, es war schmutzig und es war in seiner Besetzung mit Stars wie Kai Wiesinger oder Anna Thalbach fast schon provokant gegen den Strich gebürstet. Skeptiker werfen dem Projekt oft vor, dass der Charme der Reime verloren ging oder durch visuelle Spielereien ersetzt wurde. Das stärkste Argument gegen diese Sichtweise ist jedoch die Tatsache, dass Busch selbst ein Pionier des Bildmediums war. Er erfand den Comic mit, bevor es den Begriff überhaupt gab. Eine Adaption, die nur die Verse vorliest, während dazu artige Bilder laufen, wäre dem Geist des Schöpfers gegenüber weitaus respektloser gewesen als dieser wilde Ritt durch die Popkultur.
Die Mechanik des schwarzen Humors
Humor funktioniert oft über Distanzierung. Busch erreichte diese Distanz durch seine knappen, fast klinischen Verse. Ein Film muss einen anderen Weg finden. Er muss die Distanz durch Übertreibung schaffen. Wenn im Verlauf der Handlung die Witwe Bolte ihre Hühner verliert, wird dies im Film nicht als kleiner Streich inszeniert, sondern als eine fast schon existenzielle Tragödie einer Frau, die ihre gesamte Identität über ihren Besitz definiert. Das System der Streiche ist hier kein Spiel, sondern ein Guerillakrieg gegen die Langeweile und die Enge des dörflichen Lebens. Wer das als reinen Klamauk abtut, verkennt die soziologische Schärfe, die unter der bunten Oberfläche brodelt. Es geht um den ewigen Konflikt zwischen dem dionysischen Chaos der Jugend und der apollinischen Ordnung des Alters, ein Kampf, der in dieser Fassung mit einer Schonungslosigkeit geführt wird, die wehtut.
Man kann darüber streiten, ob jede schauspielerische Entscheidung perfekt saß oder ob das Tempo an manchen Stellen den Zuschauer überforderte. Doch man darf nicht ignorieren, dass Max Und Moritz Der Film den Mut besaß, die düstere Seele der deutschen Pädagogik zu zeigen, ohne sie mit dem Zuckerguss der Nostalgie zu überziehen. Die Streiche sind grausam, weil die Welt grausam ist. Die Bestrafung am Ende ist nicht gerecht, sie ist lediglich die logische Konsequenz einer Gesellschaft, die keine Abweichung duldet und ihre Kinder lieber durch den Trichter jagt, als sie zu verstehen. Diese Erkenntnis ist unbequem, besonders wenn sie in einem Format daherkommt, das oberflächlich wie Unterhaltung aussieht.
Vielleicht war die Zeit damals einfach noch nicht reif für eine solche Dekonstruktion eines Nationalheiligtums. Wir leben in einer Kultur, die das Erbe von Busch oft in die Kitsch-Ecke schiebt, um sich nicht mit der darin enthaltenen Menschenverachtung auseinandersetzen zu müssen. Wer heute das Wagnis eingeht und sich die Produktion ohne die Scheuklappen der Erwartungshaltung ansieht, erkennt ein Stück mutiges deutsches Kino, das mehr über unsere kollektiven Ängste aussagt als jede brave Theateraufführung. Es war kein Scheitern am Stoff, sondern ein Erfolg darin, den Schmerz des Stoffs in eine moderne Sprache zu übersetzen, die viele schlichtweg nicht hören wollten.
Wer die wahre Boshaftigkeit von Wilhelm Busch sucht, findet sie nicht in den verstaubten Erstausgaben im Regal, sondern in der schreienden, bunten und zutiefst verstörenden Ehrlichkeit dieser unterschätzten Verfilmung.