miley cyrus and her dead petz album

miley cyrus and her dead petz album

Manche Momente in der Popkultur wirken wie ein kollektiver Fiebertraum, an den sich Jahre später niemand mehr so recht erinnern will. Im August 2015 stand eine junge Frau auf der Bühne der MTV Video Music Awards, die kurz zuvor noch als Abrissbirne des Anstands galt, und verkündete der Welt, dass sie soeben ein Projekt mit 23 Songs völlig kostenlos ins Netz gestellt hatte. Die Rede ist von Miley Cyrus And Her Dead Petz Album, einem Werk, das die Musikindustrie damals in eine Schockstarre versetzte. Es war laut, es war ungeschliffen, es war über weite Strecken schlichtweg anstrengend. Die meisten Kritiker taten es als die egozentrische Entgleisung eines ehemaligen Kinderstars ab, der zu viel Zeit mit Wayne Coyne von den Flaming Lips und noch mehr Zeit mit berauschenden Substanzen verbracht hatte. Sie sahen darin ein Karriere-Suizid-Kommando auf Raten. Doch wer heute mit ein wenig Distanz auf dieses bizarre Konstrukt blickt, erkennt etwas völlig anderes. Es war kein Unfall. Es war die Geburtsstunde der modernen Unabhängigkeit innerhalb des Major-Label-Systems.

Die konventionelle Sichtweise besagt, dass dieses Experiment ein Flop war, weil es keine Hits produzierte und die breite Masse verstörte. Aber diese Sichtweise verkennt die Realität der Machtverhältnisse im Musikgeschäft jener Jahre. Wer damals bei einem Giganten wie RCA unter Vertrag stand, war eine Marionette der Metriken. Jeder Refrain musste im Radio funktionieren, jedes Image musste glattgebügelt sein. Miley Cyrus brach mit dieser Veröffentlichung nicht nur die Regeln, sie zerschmetterte das gesamte Spielbrett. Sie bewies, dass ein Weltstar es sich leisten konnte, den kommerziellen Wert seiner Kunst auf Null zu setzen, um den künstlerischen Wert auf Unendlich zu schrauben. Es war eine radikale Enteignung des eigenen Marktwerts.

Der Mythos der künstlerischen Entgleisung bei Miley Cyrus And Her Dead Petz Album

Wenn wir über dieses Projekt sprechen, müssen wir über die hässliche Ästhetik reden. Der Sound ist matschig, die Texte drehen sich um tote Goldfische, tibetische Schüsseln und den Konsum von Marihuana. Es gibt keine Spur von der Perfektion, die man von einer Künstlerin ihres Kalibers erwartete. Genau hier liegt der Hund begraben. Die Leute dachten, sie hätte die Kontrolle verloren. Ich behaupte das Gegenteil: Sie hat die Kontrolle zum ersten Mal übernommen. Vor diesem Projekt war sie die Projektionsfläche für Heerscharen von Songwritern und Marketing-Agenten. Mit der Entscheidung, eine psychodelische Low-Fidelity-Platte zu machen, entzog sie sich der Verwertungslogik. Man kann jemanden nicht vermarkten, der sich weigert, ein verkaufbares Produkt abzuliefern.

Skeptiker führen gern an, dass die Musik schlichtweg nicht gut sei. Sie sagen, 92 Minuten Spielzeit seien eine Zumutung für den Hörer. Das mag aus einer rein konsumorientierten Perspektive stimmen. Aber Kunst muss nicht immer gefallen, sie muss manchmal einfach nur existieren, um Raum für Neues zu schaffen. Ohne diesen radikalen Bruch hätte es die spätere Entwicklung hin zu reiferen Werken nie gegeben. Sie musste den Geist von Hannah Montana nicht nur begraben, sie musste ihn rituell verbrennen und die Asche in einem psychedelischen Fluss verstreuen. Das war kein Größenwahn, das war psychologische Notwehr gegen ein System, das junge Frauen in der Popmusik wie Einwegprodukte behandelt.

Die Rolle von Wayne Coyne und die Befreiung vom Pop-Diktat

Die Zusammenarbeit mit den Flaming Lips wurde oft als schlechter Einfluss gewertet. Man sah in Wayne Coyne den exzentrischen Onkel, der einen Star auf Abwege führte. Dabei war er lediglich der Katalysator für eine längst überfällige Rebellion. Er brachte die Ästhetik des Indie-Rock in die Welt eines Disney-Abkömmlings. Das Ergebnis war eine Reibung, die weh tat. In der Musikgeschichte gibt es immer wieder diese Momente, in denen sich Künstler bewusst gegen ihre eigene Marke stellen. Prince tat es, als er sich „Slave“ auf die Wange schrieb. George Michael tat es, als er sich weigerte, in seinen eigenen Musikvideos aufzutreten. Miley Cyrus tat es, indem sie Musik produzierte, die für das Radio absolut unspielbar war.

Es ist eine Fehlannahme zu glauben, dass künstlerischer Erfolg immer mit Verkaufszahlen korreliert. In einer Zeit, in der Algorithmen bestimmen, was wir hören, war dieses Album ein Akt der Sabotage gegen den Algorithmus. Es gab keine Single-Auskopplung, die darauf ausgelegt war, in den Top 40 zu landen. Es gab keine Werbekampagne, die Millionen kostete. Es gab nur einen Link und die pure Provokation. Das ist die wahre Definition von Punk in einem Zeitalter, das den Begriff längst zu einer Modeerscheinung degradiert hat.

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Miley Cyrus And Her Dead Petz Album als Vorreiter der Streaming-Anarchie

Bevor Spotify und Apple Music die komplette Kontrolle über unser Hörverhalten übernahmen, existierte eine kurze Phase der digitalen Wildwest-Stimmung. Künstler experimentierten mit Veröffentlichungsformen. Aber niemand, der so groß war wie sie, hatte jemals zuvor ein komplettes Doppelalbum einfach so verschenkt. Die Plattenfirma war offiziell nicht einmal beteiligt. Es war ein Umgehen der Torwächter, das heute, wo jeder zweite Rapper seine Mixtapes auf Soundcloud hochlädt, normal erscheint, aber 2015 eine Revolution war.

Man muss sich die Dimensionen klarmachen. Ein Weltstar verzichtet auf potenzielle Einnahmen in Millionenhöhe, nur um die Integrität der eigenen Vision zu schützen. Das ist ein Luxus, den sich nur wenige leisten können, aber es ist auch ein Statement, das die Machtverhältnisse verschiebt. Die Botschaft an das Label war klar: Ich brauche euch nicht, um meine Fans zu erreichen. Ich brauche eure Produzenten nicht, um einen Song zu schreiben. Ich brauche euer Geld nicht, um Kunst zu machen. Das war der Moment, in dem die Industrie begriff, dass die Ära der absoluten Kontrolle über die Superstars vorbei war.

Die visuelle Überforderung als strategisches Mittel

Wer das Cover sieht – das Gesicht der Sängerin bedeckt mit glitzerndem Schleim –, versteht sofort, dass hier die Zerstörung des Schönheitsideals im Vordergrund stand. In einer Branche, die davon lebt, Frauen als makellose Objekte zu inszenieren, war diese visuelle Sprache ein Schlag ins Gesicht. Es ging um das Ekelhafte, das Ungefilterte, das Menschliche. Das ist ein Motiv, das wir in der europäischen Kunstgeschichte oft finden, wenn sich Strömungen gegen die erstarrte Klassik auflehnen. Es ist der Übergang vom Barock zum Realismus, nur eben mit Glitzer und Synthesizern.

Es wird oft behauptet, dass dieses Werk nur eine Phase war, ein kurzer Ausbruch von Rebellion, der schnell wieder eingefangen wurde. Doch wer die Karrierewege heutiger Popstars wie Billie Eilish oder Olivia Rodrigo verfolgt, sieht den Schatten dieses Experiments überall. Diese Künstlerinnen fordern heute eine Autonomie ein, die Miley Cyrus damals mit dem Kopf durch die Wand erzwingen musste. Sie hat den Boden bereitet, auf dem heute die radikale Selbstinszenierung jenseits von Beauty-Standards gedeihen kann. Sie war die Testpilotin, die das Flugzeug absichtlich zum Absturz brachte, um zu zeigen, dass man den Aufprall überleben kann.

Warum wir das Unperfekte in der Popmusik verteidigen müssen

Die heutige Musiklandschaft ist geprägt von einer fast schon beängstigenden Perfektion. Dank Autotune und Quantisierung klingt jeder Ton genau so, wie er klingen soll. Das menschliche Element verschwindet hinter einer Wand aus Einsen und Nullen. In diesem Kontext wirkt Miley Cyrus And Her Dead Petz Album wie ein Relikt aus einer Zeit, in der Fehler noch erlaubt waren. Da gibt es schiefe Töne, da gibt es Momente, in denen die Instrumentierung fast schon dilettantisch wirkt. Und genau das ist die Stärke. Es ist eine Erinnerung daran, dass Musik von Menschen für Menschen gemacht wird, nicht von Maschinen für Konsumenten.

Wenn wir alles ablehnen, was nicht sofort eingängig ist, berauben wir uns der Chance auf echte Innovation. Innovation findet fast immer an den Rändern statt, in den Schmutzecken, wo niemand hinsieht. Das Projekt war eine solche Schmutzecke. Es bot den Raum, um mit Klängen zu spielen, die später in einer polierten Version wieder in den Mainstream einflossen. Es war ein Forschungslabor, das öffentlich zugänglich war. Wir neigen dazu, Kunst nach ihrem Erfolg zu bewerten, aber das ist ein kapitalistischer Fehlschluss. Der Wert eines Werkes bemisst sich an seinem Einfluss auf den Künstler und die nachfolgende Kultur.

Man könnte argumentieren, dass es respektlos gegenüber den Fans sei, ihnen ein so unzugängliches Werk vorzusetzen. Aber ist es nicht viel respektloser, den Fans immer wieder den gleichen, vorgekauten Brei zu servieren? Die Fans wurden hier als mündige Zuhörer ernst genommen, denen man zutraute, sich durch 23 sperrige Tracks zu arbeiten. Es war ein Angebot zur Auseinandersetzung, keine Bitte um Bestätigung. Wer sich darauf einließ, fand eine Intimität, die in den großen Stadion-Hymnen völlig fehlte. Man hörte eine junge Frau, die mit ihren Ängsten, ihrer Trauer um verstorbene Haustiere und ihrer Sehnsucht nach Freiheit rang. Das ist mehr, als die meisten Pop-Alben jemals bieten werden.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass wir mehr von diesem Mut brauchen. Wir brauchen mehr Superstars, die bereit sind, ihr Image zu ruinieren, um ihre Seele zu retten. Wir brauchen mehr Projekte, die nicht darauf schielen, wie sie in eine Playlist passen, sondern die darauf bestehen, als eigenständiges Ganzes wahrgenommen zu werden. Man muss die Musik nicht lieben, um die Bedeutung der Geste anzuerkennen. Es war der Moment, in dem ein Produkt beschloss, wieder ein Mensch zu sein.

Echte künstlerische Freiheit beginnt erst dort, wo man bereit ist, alles zu verlieren, was man sich bis dahin mühsam durch Anpassung aufgebaut hat.

SB

Stefan Braun

Stefan Braun hat für verschiedene Online-Redaktionen gearbeitet und steht für Qualitätsjournalismus mit Substanz.