Manche Lieder sind so gewaltig, dass sie den Film, für den sie geschrieben wurden, einfach verschlingen. Jeder Mensch auf diesem Planeten kennt die Hymne über die Stadt, die niemals schläft, aber kaum jemand erinnert sich an die düstere, fast schon masochistische Jazz-Oper, die sie hervorbrachte. Wenn die Leute heute an den New York New York Movie denken, sehen sie glitzernde Skylines und Frank Sinatra vor ihrem geistigen Auge, der mit einem Glas Whiskey in der Hand den Inbegriff des amerikanischen Traums besingt. Doch wer sich tatsächlich vor die Leinwand setzt, wird von einer Realität getroffen, die so gar nichts mit dem triumphaler Glanz des Titelsongs zu tun hat. Es ist die Geschichte einer toxischen Beziehung, eines künstlerischen Scheiterns und der harten Erkenntnis, dass musikalisches Genie kein Ticket für persönliches Glück ist. Martin Scorsese lieferte 1977 kein glitzerndes Musical ab, sondern eine Autopsie des Ehrgeizes, die in ihrer Radikalität bis heute missverstanden wird.
Die meisten Kritiker jener Zeit sahen in dem Werk lediglich einen fehlgeschlagenen Versuch, das goldene Zeitalter der Hollywood-Musicals wiederzubeleben. Sie erwarteten Leichtigkeit, Stepptanz und ein Happy End, das die Trümmer des Zweiten Weltkriegs wegzaubert. Stattdessen bekamen sie Robert De Niro als Jimmy Doyle, einen Saxophonisten, der so unangenehm, so egozentrisch und so emotional instabil ist, dass man ihn phasenweise kaum ertragen kann. Liza Minnelli spielt Francine Evans mit einer Verletzlichkeit, die fast schmerzt. Das Publikum wollte Eskapismus, Scorsese gab ihnen klaustrophobische Studio-Kulissen und die bittere Wahrheit über zwei Menschen, die sich gegenseitig zerstören, weil sie ihre Kunst mehr lieben als sich selbst. Man darf nicht vergessen, in welcher Verfassung sich der Regisseur befand. Nach dem Erfolg von Taxi Driver war er körperlich und psychisch am Ende, gezeichnet von Erschöpfung und Substanzen. Diese dunkle Energie floss direkt in die Inszenierung ein. Wer heute behauptet, dieses Werk sei nur ein missglücktes Experiment, verkennt die Absicht dahinter. Es war nie geplant, ein Feel-Good-Film zu sein. Es war der Versuch, die Künstlichkeit alter Filmmusicals mit der brutalen Psychologie des New Hollywood zu kreuzen.
Der Mythos vom Scheitern des New York New York Movie
Es hält sich hartnäckig das Gerücht, der Film sei ein künstlerischer Totalausfall gewesen, der Scorseses Karriere fast beendet hätte. Tatsächlich war die Produktion ein logistischer Albtraum. Die Dreharbeiten dauerten ewig, das Budget explodierte, und das Drehbuch wurde oft erst am Set durch Improvisation fertiggestellt. Doch genau in dieser Unordnung liegt die Kraft des Werks. Wenn wir uns die Entwicklung des modernen Kinos ansehen, erkennen wir, dass dieser Film Brücken schlug, die andere Regisseure erst Jahrzehnte später sicher überquerten. Er ist kein misslungener Rückblick, sondern eine dekonstruktive Analyse eines Genres. Scorsese nutzte die künstlichen, offensichtlich gemalten Hintergründe der 1940er Jahre, um die Isolation seiner Protagonisten zu betonen. In einer Welt, die aussieht wie aus Pappe, wirken die Emotionen von Doyle und Evans umso realer, fast schon erschreckend deplatziert.
Die Skeptiker führen oft an, dass die Chemie zwischen den Hauptdarstellern nicht stimme oder dass die Handlung zu langatmig sei. Ich sage dir, das ist genau der Punkt. Die Reibung zwischen De Niro und Minnelli ist keine fehlende Chemie, sondern die Darstellung von zwei Seelen, die schlicht nicht kompatibel sind. Doyle ist ein Mann, der keine Liebe empfangen kann, ohne sie in Machtspiele zu verwandeln. Er ist der Prototyp des Künstlers, der glaubt, sein Leiden und das Leiden seiner Umgebung seien der Treibstoff für seinen Sound. Wenn man sich die Szene ansieht, in der er Francine im Auto bedrängt, während sie hochschwanger ist, spürt man eine Unbehaglichkeit, die weit über das hinausgeht, was das klassische Hollywood jemals gewagt hätte. Das ist kein handwerkliches Versagen, das ist mutiges Geschichtenerzählen. Scorsese verweigerte uns die Erlösung. Er zeigte uns, dass Erfolg am Ende oft Einsamkeit bedeutet. Die berühmte Szene im Finale, in der Francine den Titelsong singt, ist kein Moment des gemeinsamen Triumphs. Es ist der Moment, in dem sie sich endgültig von Jimmy emanzipiert hat und er draußen im Regen steht, ein Relikt einer vergangenen Zeit.
Die musikalische Täuschung
Ein wesentlicher Grund für das Fehlurteil der Masse liegt in der Musik selbst. John Kander und Fred Ebb schrieben Partituren, die so authentisch nach der Big-Band-Ära klangen, dass die Menschen den satirischen Unterton übersah. Musik wird hier nicht als Ausdruck von Freude genutzt, sondern als Waffe oder als Fluchtweg. Wenn Jimmy Saxophon spielt, kommuniziert er auf eine Weise, zu der er in menschlichen Gesprächen niemals fähig wäre. Sein Instrument ist seine einzige ehrliche Sprache. Francine hingegen nutzt ihren Gesang, um sich eine Welt zu erschaffen, in der sie nicht mehr das Opfer seiner Launen ist.
Man muss sich die Struktur der Songs genau ansehen. Sie sind im Kern traurig. Selbst die schwungvollen Nummern tragen eine Melancholie in sich, die perfekt zum visuellen Stil passt. Das Problem war nun mal, dass die Marketing-Maschine den Film als das nächste große Ding im Stil von Sound of Music verkaufen wollte. Man kann sich die Gesichter der Zuschauer vorstellen, die mit Popcorn im Kino saßen und plötzlich Zeuge einer psychologischen Hinrichtung wurden. Das Missverständnis liegt also nicht im Werk selbst, sondern in der Erwartungshaltung, die wir bis heute an Geschichten über New York stellen. Wir wollen, dass die Stadt uns rettet. Scorsese zeigt uns, dass die Stadt uns lediglich dabei zusieht, wie wir uns selbst verlieren.
Die technische Meisterschaft hinter der Kulisse
Man kann über die Länge streiten, man kann über die Charaktere streiten, aber man kann nicht über die visuelle Brillanz streiten. Die Kameraarbeit von László Kovács ist schlichtweg atemberaubend. Er fängt das künstliche Licht der Studiosets so ein, dass es eine eigene emotionale Ebene bekommt. Jede Farbe, jedes tiefe Blau und jedes grelle Rot erzählt uns etwas über den Zustand der Beziehung. Das ist kein Zufall. Es gibt eine Methodik in diesem Wahnsinn. In der Filmtheorie wird oft vom Expressionismus gesprochen, wenn äußere Umgebungen den inneren Zustand spiegeln. Hier wird dieses Prinzip auf die Spitze getrieben. Die klaustrophobischen Nachtclubs, in denen der Rauch so dicht steht, dass man die Musiker kaum sieht, sind Sinnbilder für die Enge in Jimmys Kopf.
Die Produktion war eine bewusste Abkehr vom Realismus der Straße, den Scorsese in seinen früheren Filmen so perfektioniert hatte. Warum tat er das? Weil er verstand, dass das Musical eine Form der Lüge ist. Indem er die Lüge optisch so offensichtlich machte, konnte er die Wahrheit der menschlichen Abgründe darunter umso klarer hervorheben. Es ist ein dialektisches Verfahren. Die Schönheit der Kulisse beißt sich mit der Hässlichkeit des Verhaltens. Wenn wir heute Filme von Damien Chazelle oder anderen modernen Regisseuren sehen, erkennen wir die DNA dieses Ansatzes wieder. Die Idee, dass ein Song eine Szene nicht nur untermalt, sondern sie konterkariert, wurde hier zur Perfektion getrieben. Es ist ein intellektuelles Vergnügen, diesen Film zu analysieren, sofern man bereit ist, die Komfortzone des reinen Entertainments zu verlassen.
Man muss die Leistung von Liza Minnelli besonders hervorheben. Sie spielt hier gegen ihr eigenes Image als Judy Garlands Tochter an. Sie bringt eine Erdung in die Rolle, die den ganzen Film davor bewahrt, ins rein Abstrakte abzugleiten. Ihre Francine ist keine naive Sängerin, die auf den großen Durchbruch wartet. Sie ist eine Frau, die sehr genau weiß, was sie opfert, und die am Ende die Stärke besitzt, den Vorhang fallen zu lassen. Das ist die eigentliche Geschichte. Es ist nicht die Geschichte eines Paares, sondern die Geschichte einer Frau, die lernt, ohne den Mann zu atmen, der sie angeblich inspiriert hat.
Warum das Werk heute relevanter ist als je zuvor
In einer Zeit, in der Biopics und Musicals oft glattgebügelt und formelhaft wirken, ist dieses sperrige Ungetüm von einem Film eine Wohltat. Es gibt keine einfachen Antworten. Es gibt kein Versprechen, dass alles gut wird, wenn man nur hart genug an seinen Träumen arbeitet. Tatsächlich ist die Botschaft eher gegenteilig: Dein Traum wird dich vielleicht auffressen, und die Menschen, die du liebst, gleich mit. Das ist eine harte Pille, die man schlucken muss. Aber es ist eine ehrliche. Der New York New York Movie fungiert als Warnsignal für die Romantisierung toxischer Genialität. Wir leben in einer Kultur, die den egozentrischen Künstler oft noch immer auf ein Podest stellt und sein Verhalten mit seinem Output rechtfertigt. Scorsese zeigt uns den Preis, den die Umgebung dafür zahlt.
Wenn man sich mit Fachleuten der Filmhochschulen unterhält oder Essays von Institutionen wie dem British Film Institute liest, wird deutlich, dass die Wertschätzung für diesen Film stetig wächst. Man erkennt ihn als das an, was er ist: Ein ehrgeiziges, zutiefst persönliches Werk eines Regisseurs, der alles riskierte, um etwas Neues zu schaffen. Er scheiterte an den Kinokassen, ja. Er spaltete die Gemüter, absolut. Aber ein Film, der nach fast fünf Jahrzehnten noch immer solche Diskussionen auslöst, kann kein Misserfolg sein. Er ist ein lebendiges Dokument künstlerischer Kompromisslosigkeit. Er fordert dich heraus. Er will nicht, dass du ihn magst. Er will, dass du ihn fühlst, auch wenn dieses Gefühl unangenehm ist.
Man kann die Entscheidung, De Niro so unsympathisch zu besetzen, fast schon als Sabotage am eigenen kommerziellen Erfolg werten. Aber genau das macht den Wert aus. Es ist ein Gegenentwurf zur Massenware. Wir brauchen diese Art von Filmen, um uns daran zu erinnern, dass Kunst Reibung erzeugen muss. Wenn alles nur noch glatt und konsumierbar ist, verlieren wir die Fähigkeit, echte emotionale Komplexität zu verstehen. Die Stadt New York wird hier nicht als Postkartenmotiv missbraucht, sondern als ein Moloch dargestellt, der Talente schleift oder sie zerbricht. Das ist die Realität der Kreativbranche, damals wie heute. Wer das nicht sehen will, hat den Film nicht verstanden.
Manche Dinge müssen weh tun, um wahr zu sein. Die Brillanz dieses Werks liegt nicht in den Noten, die getroffen werden, sondern in den Dissonanzen dazwischen. Wir sollten aufhören, ihn als den kleinen, seltsamen Bruder von Raging Bull zu betrachten. Er ist ein eigenständiges Monument des Zweifels. Er ist die Antithese zum Broadway-Kitsch und gerade deshalb so unendlich wertvoll. Scorsese hat uns keinen Film über die Liebe zur Musik geschenkt, sondern einen Film über die Besessenheit, die alles andere verdrängt. Das ist kein Stoff für einen netten Abend auf der Couch. Das ist eine Konfrontation mit den eigenen Ambitionen.
Es ist nun mal so, dass die größten Wahrheiten oft in den Projekten stecken, die am lautesten ausgebuht wurden. Wir müssen lernen, hinter die Fassade der glitzernden Lichter zu blicken. Dort finden wir zwei Menschen, die im Scheinwerferlicht stehen, während ihre Seelen im Schatten verhungern. Das ist die wahre Geschichte von Erfolg in der modernen Welt.
Wahre Kunst findet man nicht in dem Moment, in dem die Menge applaudiert, sondern in der Stille, wenn die Musik aufhört und man merkt, dass man allein in einem leeren Raum steht.