Manche Menschen glauben immer noch, dass George A. Romero im Jahr 1968 bloß einen billigen Gruselfilm drehen wollte, um ein paar Teenager in Autokinos zu erschrecken. Sie sehen blasse Gestalten, die hölzern durch die ländliche Umgebung von Pennsylvania stolpern, und denken an den Ursprung des modernen Zombie-Genres. Doch wer night of the living dead auf diese Weise betrachtet, verpasst die eigentliche Sprengkraft eines Werks, das das amerikanische Selbstverständnis radikaler demontierte als jeder zeitgenössische Politthriller. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass dieser Film von Monstern handelt. In Wahrheit ist er eine gnadenlose Sezierung des gesellschaftlichen Kollapses, bei dem die eigentliche Gefahr nicht von den wandelnden Toten ausgeht, sondern von der Unfähigkeit der Lebenden, ihre kleinbürgerlichen Vorurteile und Machtansprüche für das nackte Überleben beiseite zu schieben. Ich behaupte sogar, dass Romero hier kein neues Monster erschuf, sondern den Spiegel so positionierte, dass das Publikum zum ersten Mal seine eigene hässliche Fratze in der Dunkelheit erkannte.
Die bittere Realität hinter night of the living dead
Wenn wir über das Jahr 1968 sprechen, sprechen wir über Vietnam, über die Attentate auf Martin Luther King und Robert F. Kennedy, über Rassenunruhen und eine Nation am Rande des Nervenzusammenbruchs. Romero drehte sein Werk genau in diesem Klima der Angst. Die Wahl von Duane Jones, einem schwarzen Schauspieler, für die Hauptrolle des Ben war laut Romero kein bewusstes politisches Statement, sondern schlicht das Ergebnis des besten Vorsprechens. Doch diese Entscheidung veränderte die DNA des Films und des gesamten Genres für immer. Ben ist der kompetenteste Charakter im Haus. Er ist rational, handlungsfähig und opfert sich auf. Dass er am Ende nicht durch die Zähne eines Untoten stirbt, sondern durch die Kugel eines weißen Suchtrupps, der ihn für eine Zielscheibe hält, ist die ultimative Anklage gegen einen systemischen Rassismus, der tief in der amerikanischen Provinz verwurzelt ist.
Die Experten für Filmgeschichte an der Universität von Pittsburgh weisen oft darauf hin, dass die Rohheit der Bilder an die Fernsehnachrichten jener Zeit erinnerte. Das grobkörnige Schwarz-Weiß-Material wirkte wie eine Reportage aus einem Kriegsgebiet. Wer heute behauptet, die Effekte seien veraltet, versteht die psychologische Wirkung dieses Realismus nicht. Es ging nie um handwerkliche Perfektion, sondern um eine unmittelbare Bedrohung, die sich jeder filmischen Eleganz entzog. Die Kreaturen waren keine eleganten Vampire oder tragischen Werwölfe mehr. Sie waren Nachbarn, Freunde und Familienmitglieder, die jede Individualität verloren hatten und nur noch vom primitivsten aller Triebe gesteuert wurden: Hunger. Damit entmystifizierte Romero das Böse und holte es in den eigenen Vorgarten.
Skeptiker führen oft an, dass der Film lediglich von der Paranoia des Kalten Krieges profitierte und die Angst vor einer nuklearen Verseuchung oder einer kommunistischen Unterwanderung thematisierte. Das ist eine bequeme Interpretation, die den Fokus von den inneren Spannungen der Gesellschaft ablenkt. Sicherlich spielt das Radio im Hintergrund auf eine Sonde an, die von der Venus zurückkehrte, aber diese Erklärung bleibt vage und fast schon nebensächlich. Die eigentliche Katastrophe spielt sich zwischen den Wänden des verbarrikadierten Hauses ab. Der Konflikt zwischen Ben und Harry Cooper, dem feigen Familienvater, der sich im Keller verschanzen will, ist der Kern der Geschichte. Es ist der Kampf zwischen Fortschritt und Reaktion, zwischen Kooperation und Isolationismus. Harry Cooper repräsentiert das alte, verängstigte Amerika, das lieber im Keller verrottet, als die Führung einem kompetenten schwarzen Mann zu überlassen.
Der Zusammenbruch der patriarchalen Ordnung
Die Struktur des Films bricht mit allen Konventionen, die das Publikum bis dahin kannte. Normalerweise bietet das Genre eine Form der Erlösung oder zumindest eine moralische Ordnung. Das Gute siegt, die Familie wird gerettet, der Held reitet in den Sonnenuntergang. In diesem Fall jedoch gibt es keine Rettung. Die Familie, das heiligste Gut der konservativen Ära, wird von innen heraus vernichtet. Die Szene, in der die kleine Karen ihre eigene Mutter mit einer Gartenkelle abschlachtet, war 1968 ein Schock für das Mark, von dem sich viele Zuschauer nicht erholten. Es war das Ende der Unschuld. Romero zeigte, dass die Institutionen, auf die wir uns verlassen – die Polizei, das Militär, die Wissenschaft und die Familie – im Angesicht einer echten Krise kläglich versagen.
Man kann die Bedeutung dieser Zerstörung gar nicht hoch genug einschätzen. In Deutschland wurde das Werk anfangs oft als reiner Bahnhofskino-Stoff abgetan, bevor Kritiker wie die der Frankfurter Schule begannen, die tieferen soziologischen Schichten freizulegen. Der Film ist eine Studie über die Unfähigkeit zur Kommunikation. Während draußen die Welt untergeht, streiten sich die Überlebenden drinnen über Kleinigkeiten. Es ist diese menschliche Schwäche, die letztlich zu ihrem Untergang führt. Die Zombies sind lediglich die Kulisse für ein menschliches Versagen von monumentalem Ausmaß. Wenn du heute die Nachrichten einschaltest und siehst, wie sich politische Lager in Krisenzeiten gegenseitig blockieren, anstatt Lösungen zu finden, dann blickst du direkt in das Wohnzimmer jenes verfluchten Hauses in Pennsylvania.
Einige Kritiker werfen dem Werk vor, frauenfeindlich zu sein, da die Figur der Barbara fast den gesamten Film über in einer Schockstarre verharrt. Das ist eine oberflächliche Sichtweise. Barbaras Zustand ist die einzige vernünftige Reaktion auf eine Welt, die plötzlich keinen Sinn mehr ergibt. Sie ist der Stellvertreter für das Publikum, das fassungslos zusehen muss, wie alle Sicherheiten weggeschwemmt werden. Ihr Schweigen ist lauter als jeder Schrei. Es ist die totale Kapitulation vor einer Realität, die so grausam ist, dass der Verstand sie nicht mehr verarbeiten kann. Wer hier Schwäche sieht, verkennt die psychologische Präzision, mit der Romero den Schock porträtierte.
Die Evolution des Grauens und das Erbe von night of the living dead
Was dieses Meisterwerk von seinen unzähligen Nachfolgern unterscheidet, ist die konsequente Hoffnungslosigkeit. Moderne Produktionen neigen dazu, ihre Helden zu heroisieren oder ihnen zumindest einen Sinn in ihrem Kampf zu geben. Hier gibt es keinen Sinn. Das Ende ist so nihilistisch, dass es fast körperlich weh tut. Ben überlebt die Nacht der Untoten, nur um am Morgen von den sogenannten Rettern wie ein Tier abgeknallt zu werden. Die Bilder, die über den Abspann laufen – grobkörnige Fotos von Männern mit Fleischerhaken, die Leichen auf einen Haufen werfen –, erinnern bewusst an die Dokumentationen aus den befreiten Konzentrationslagern. Romero sagt uns damit: Das wahre Monster ist der Mensch mit einer Waffe und der Überzeugung, auf der richtigen Seite zu stehen.
Es gibt keine andere Produktion in der Filmgeschichte, die mit einem so geringen Budget eine so gewaltige kulturelle Verschiebung bewirkt hat. Durch einen Fehler beim Copyright geriet der Film sofort in die Public Domain, was ironischerweise zu seiner massenhaften Verbreitung beitrug. Jeder konnte ihn zeigen, jeder konnte ihn kopieren. Das führte dazu, dass seine Ästhetik und seine Botschaft tief in das kollektive Gedächtnis einsickerten. Man muss kein Filmexperte sein, um zu erkennen, dass ohne dieses Fundament die gesamte heutige Popkultur von Videospielen bis hin zu Prestige-Serien im Fernsehen anders aussehen würde. Doch während die Nachahmer oft auf Gore und Action setzen, blieb das Original ein psychologisches Kammerspiel.
Das Museum of Modern Art in New York nahm den Film in seine Sammlung auf, was für ein Werk dieses Kalibers damals eine Sensation war. Es war die Anerkennung dafür, dass hier etwas entstanden war, das weit über Unterhaltung hinausging. Es war eine visuelle Philosophie der Zerstörung. Ich habe oft mit Leuten diskutiert, die meinten, der Film sei heute langweilig, weil man schon alles gesehen habe. Das ist so, als würde man sagen, die Beatles seien langweilig, weil man moderne Popmusik kennt. Man muss den Kontext verstehen, in dem diese Bilder zum ersten Mal das Licht der Leinwand erblickten. Es war ein Angriff auf die Sehgewohnheiten und die moralischen Grundfesten einer ganzen Generation.
Wenn wir uns die heutige Gesellschaft ansehen, die Polarisierung und die Unfähigkeit, gemeinsame Wahrheiten zu finden, dann wirkt der Film aktueller denn je. Wir verbarrikadieren uns in unseren digitalen Kellern, während vor der Tür die Welt, wie wir sie kannten, langsam wegbricht. Die Zombies von heute tragen keine zerfetzten Kleider, sie sind die Manifestationen unserer eigenen Ängste, Vorurteile und unseres Egoismus. Romero hat uns nicht vor Monstern gewarnt, sondern vor uns selbst. Er hat uns gezeigt, dass wir im Ernstfall nicht zusammenstehen werden, sondern uns gegenseitig zerfleischen, lange bevor der erste Untote die Tür aufbricht.
Es ist nun mal so, dass wir den Horror brauchen, um die Wahrheit über unseren Zustand zu ertragen. Die Distanz der Fiktion erlaubt es uns, die hässlichsten Aspekte unserer Natur zu betrachten, ohne sofort den Blick abzuwenden. Aber wer den Film sieht und danach ruhig schlafen kann, hat ihn nicht verstanden. Er ist kein Relikt der Vergangenheit, sondern eine ständig laufende Warnung vor der Zerbrechlichkeit der Zivilisation. Die größte Lüge, die wir uns erzählen, ist die, dass wir in einer solchen Situation anders handeln würden als Harry Cooper. Wir glauben, wir wären Ben, aber die meisten von uns würden im Keller sitzen und um die Kontrolle über eine Welt streiten, die längst aufgehört hat zu existieren.
Die bittere Ironie des Finales bleibt der entscheidende Punkt. Die Ordnung wird wiederhergestellt, aber es ist eine Ordnung der Gewalt und der Ignoranz. Die Jäger sind stolz auf ihre Arbeit. Sie scherzen, sie trinken Kaffee, während sie die Toten verbrennen. Es gibt keine Trauer, kein Innehalten. Das Leben geht weiter, aber es ist ein Leben, das jede Menschlichkeit verloren hat. Das ist der wahre Schrecken, den Romero uns hinterlassen hat. Nicht die Angst vor dem Tod, sondern die Angst davor, was aus uns wird, wenn wir nur noch um das nackte Überleben kämpfen. In dieser Welt gibt es keine Helden, nur Opfer und Täter, und manchmal ist die Grenze zwischen beiden so dünn wie eine Kugel aus einem Gewehrlauf am frühen Morgen.
Wir müssen aufhören, dieses Werk als einen Meilenstein des Horrors zu bezeichnen, und anfangen, es als das zu sehen, was es wirklich ist: Eine Autopsie am lebenden Körper einer Gesellschaft, die an ihrem eigenen Gift erstickt. Der Film endet nicht mit dem Abspann, er geht jeden Tag da draußen weiter, in jeder politischen Debatte, in jedem Akt der Ausgrenzung und in jeder verpassten Chance zur Empathie. Die Toten sind längst unter uns, und sie tragen unsere Gesichter.
Die einzige wirkliche Gefahr besteht darin, dass wir den Spiegel irgendwann ganz zerschlagen, um die Wahrheit nicht mehr sehen zu müssen.