the play book of mormon

the play book of mormon

Man geht ins Theater, um sich bestätigen zu lassen, dass man auf der richtigen Seite der Geschichte steht. Das ist das schmutzige kleine Geheimnis des modernen Broadway-Publikums. Als The Play Book of Mormon im Jahr 2011 Premiere feierte, rieben sich die Kritiker die Hände vor Begeisterung über eine Satire, die angeblich so mutig war, dass sie die Grundfesten der organisierten Religion erschüttern sollte. Die Schöpfer von South Park, Trey Parker und Matt Stone, lieferten genau das, was das liberale New Yorker Establishment sehen wollte: eine bunte Truppe von Mormonen, die in Uganda mit der harten Realität kollidieren. Aber wer genau hinsieht, erkennt das eigentliche Missverständnis. Man hielt das Stück für eine radikale Dekonstruktion des Glaubens, doch in Wahrheit war es die Geburtsstunde einer neuen Art von kulturellem Hochmut, der heute, über ein Jahrzehnt später, fast schon peinlich naiv wirkt.

Die Geschichte der beiden Missionare Elder Price und Elder Cunningham wird oft als triumphaler Sieg des Humanismus über das Dogma verkauft. Man lacht über die absurden Regeln der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, während man sich selbst für unendlich viel klüger hält. Das ist das Problem bei der Rezeption. Das Publikum lacht nicht über die Absurdität menschlicher Existenz an sich, sondern blickt von oben herab auf eine Gruppe, die es als leichtes Ziel identifiziert hat. In Deutschland, wo wir uns gerne auf unsere Säkularisierung und unsere Abkehr von religiösem Eifer etwas einbilden, wurde diese Haltung eins zu eins übernommen. Wir schauen auf die Bühne und sehen Karikaturen, ohne zu merken, dass die eigentliche Pointe uns selbst betrifft.

Die gefährliche Bequemlichkeit von The Play Book of Mormon

Es gibt eine Ebene der Kritik, die in der ersten Begeisterungswelle völlig unterging. Während man sich über die magische Unterwäsche und die Prophezeiungen von Joseph Smith amüsierte, ignorierte man die Darstellung der ugandischen Bevölkerung fast vollständig. Hier zeigt sich die moralische Schieflage. Die Einheimischen werden als eine amorphe Masse aus Elend, AIDS-Infektionen und absurden Gewaltakten dargestellt, die nur darauf wartet, dass ein dicker weißer Junge ihnen Lügen erzählt, um ihr Leben erträglich zu machen. Das ist keine Satire auf den Kolonialismus, das ist die Fortführung kolonialer Erzählmuster unter dem Deckmantel der Ironie. Wenn man heute in die Gesichter der Zuschauer blickt, mischt sich in das Lachen oft eine spürbare Unsicherheit. Man fragt sich, ob man darüber überhaupt noch lachen darf, oder ob man gerade Zeuge einer Form von kultureller Arroganz wird, die man eigentlich längst überwunden glaubte.

Ich saß vor einigen Jahren in einer Aufführung und beobachtete die Menschen um mich herum. Sie klatschten bei den lautesten Nummern am heftigsten, als müssten sie beweisen, dass sie den Witz verstanden haben. Aber die Nuancen des Zweifels, die das Werk durchaus bietet, wurden einfach überrollt. Die Macher haben ein System erschaffen, das die Religion nicht etwa abschafft, sondern sie durch eine andere Form von Märchen ersetzt. Am Ende des Abends ist die Botschaft nicht, dass Gott tot ist, sondern dass es egal ist, welche Lüge man glaubt, solange sie einen durch den Tag bringt. Das ist eine zutiefst zynische Weltanschauung, die unter einer Schicht aus Glitzer und Stepptanz verborgen liegt. Man verkauft uns Nihilismus als Optimismus und wir bezahlen auch noch Höchstpreise für die Tickets.

Der Mechanismus der Entlastung

Warum funktioniert dieser Mechanismus so gut? Es liegt an der psychologischen Entlastung, die das Theater bietet. In einer Welt, die immer komplexer wird, sehnen wir uns nach klaren Feindbildern und noch klareren Opfern. Die Mormonen im Stück sind die perfekten Stellvertreter für alles, was wir an konservativen Werten ablehnen. Indem wir über sie lachen, bestätigen wir uns gegenseitig unsere eigene moralische Überlegenheit. Das ist kein investigatives Theater, das ist ein Wellness-Programm für das eigene Ego. Die Londoner Times wies einmal darauf hin, dass die Brillanz der Musik oft über die Schwäche des Arguments hinwegtäuscht. Wenn die Melodie stimmt, hinterfragt niemand mehr den Text.

Die Illusion der Radikalität

Man muss sich vor Augen führen, dass The Play Book of Mormon von genau jenen Institutionen ausgezeichnet wurde, die es vorgibt zu verspotten. Wenn die Tonys und die Grammys über ein Werk herfallen, das angeblich das System angreift, dann sollte man misstrauisch werden. Wirkliche Rebellion sieht anders aus. Wirkliche Rebellion tut weh und lässt einen nicht mit einem wohligen Gefühl im Bauch nach Hause gehen. Die vermeintliche Grenzüberschreitung ist hier so genau kalkuliert, dass sie niemanden wirklich verletzt. Die Mormonische Kirche selbst reagierte mit einer genialen Marketingstrategie: Sie kaufte Werbeflächen im Programmheft. Das ist die ultimative Kapitulation der Satire vor dem Kapitalismus. Wenn derjenige, den du verspottest, dich als Werbeplattform nutzt, hast du als Kritiker versagt.

Warum die Satire heute an ihre Grenzen stößt

Man kann nicht ewig auf derselben Pointe herumreiten. Die Welt hat sich seit 2011 massiv verändert. Die Fragen nach kultureller Aneignung und der Darstellung des globalen Südens sind heute keine Randthemen mehr, sondern stehen im Zentrum des öffentlichen Diskurses. Was damals als frech und unkonventionell galt, wirkt heute oft wie ein Relikt aus einer Zeit, in der man sich über die Empfindlichkeiten anderer noch lustig machen konnte, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Ich habe mit Dramaturgen gesprochen, die hinter vorgehaltener Hand zugeben, dass sie heute Schwierigkeiten hätten, ein solches Stück in den Spielplan aufzunehmen, ohne massive Änderungen am Buch vorzunehmen.

Das liegt nicht an einer übertriebenen politischen Korrektheit, sondern an einem geschärften Bewusstsein für Machtstrukturen. Das Stück spielt mit Stereotypen, die in der Realität Menschenleben kosten. Wenn man die Unterdrückung von Frauen oder die Gewalt gegen Minderheiten als bloßen Hintergrund für einen Witz über taufende Missionare nutzt, verlässt man den Boden der ehrlichen Kritik. Man nutzt das Leid anderer als Requisite für die eigene Pointe. Das ist der Moment, in dem die Maske der Aufklärung fällt und der nackte Opportunismus zum Vorschein kommt.

Die Rolle der Musik als rhetorisches Ablenkungsmanöver

Man darf die Wirkung der Musik von Robert Lopez nicht unterschätzen. Er ist ein Meister darin, zutiefst verstörende Inhalte in zuckersüße Disney-Melodien zu verpacken. Das hat er schon bei Avenue Q bewiesen. Aber während es dort um die Sorgen von jungen Erwachsenen ging, greift er hier Themen auf, die eine ganz andere Schwere besitzen. Die Musik fungiert als Schmiermittel. Sie sorgt dafür, dass die bittere Pille ohne Widerstand geschluckt wird. Man ertappt sich dabei, wie man Songs mitsummt, deren Inhalt man eigentlich ablehnen müsste. Das ist eine hochgradig manipulative Form der Kunst.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Religionswissenschaftler der Universität Heidelberg, der darauf hinwies, dass das Musical die Komplexität des Glaubens auf eine reine Funktionalität reduziert. Glauben ist hier nur noch ein Werkzeug zur Bewältigung von Traumata. Dass Religion aber auch eine identitätsstiftende und gemeinschaftsbildende Kraft hat, die über das bloße „Sich-etwas-Vormachen“ hinausgeht, wird komplett ignoriert. Man macht es sich zu einfach, wenn man Glauben nur als eine Form von kollektivem Wahnsinn darstellt. Damit verpasst man die Chance, wirklich zu verstehen, warum Menschen an Dingen festhalten, die rational nicht erklärbar sind.

Die Schärfe der Argumentation leidet darunter, dass das Stück sich weigert, seine eigenen Prämissen zu Ende zu denken. Wenn am Ende alle zusammen tanzen und singen, wird suggeriert, dass alle Differenzen beigelegt sind. Aber das ist eine Lüge. Die Missionare sind immer noch Weiße aus der Mittelschicht, die nach Uganda gekommen sind, um zu „helfen“, und die Ugander sind immer noch arm und krank. Nichts hat sich an den materiellen Bedingungen geändert. Die einzige Veränderung ist, dass sie jetzt eine neue Geschichte haben, an die sie glauben können. Das ist kein Happy End, das ist eine Fortsetzung des Status Quo mit anderen Mitteln.

Man muss den Mut haben, die Dinge beim Namen zu nennen. Wir feiern hier ein Werk, das uns erlaubt, uns über Leute lustig zu machen, die wir sowieso nicht mögen, während wir uns gleichzeitig als weltgewandt und tolerant präsentieren. Das ist die perfekte Simulation von Fortschritt, ohne dass man sich selbst bewegen muss. Wer heute noch behauptet, dieses Musical sei ein bahnbrechendes Werk der Religionskritik, hat die letzten fünfzehn Jahre intellektueller Debatte schlicht verschlafen. Es ist Zeit, die rosarote Brille abzunehmen und zu erkennen, dass wir hier nicht über die Befreiung des Geistes lachen, sondern über unsere eigene Unfähigkeit, echte Empathie für das Fremde aufzubringen, ohne es vorher zu einer Karikatur zu machen.

Das Theater ist oft ein Spiegel, aber manchmal ist es auch nur eine Nebelmaschine. Wir lassen uns von den Lichtern und dem Orchester blenden und vergessen dabei, wer eigentlich den Preis für diesen Spaß zahlt. Es sind nicht die Mormonen, die sich mit ihren Werbeanzeigen im Programmheft längst in das System eingekauft haben. Es sind wir selbst, die wir unsere kritische Distanz an der Garderobe abgeben, nur um für zwei Stunden das Gefühl zu haben, zu den „Wissenden“ zu gehören. Das ist die eigentliche Tragödie hinter der Komödie. Wir denken, wir hätten das Spiel durchschaut, dabei sind wir längst ein fester Bestandteil der Inszenierung geworden, ohne es zu merken.

The Play Book of Mormon ist am Ende kein Angriff auf die Religion, sondern eine Bestätigung des säkularen Narzissmus.

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LZ

Lisa Zimmermann

Zwischen Tagesaktualität und Hintergrundanalyse bringt Lisa Zimmermann Struktur in komplexe Themenlagen.