schwimm und sprunghalle im europasportpark sse

schwimm und sprunghalle im europasportpark sse

Man könnte meinen, ein Ort, der für Weltrekorde und internationale Wettkämpfe gebaut wurde, sei der Inbegriff von Effizienz und sportlicher Hingabe. Wer das erste Mal vor der Schwimm und Sprunghalle im Europasportpark SSE steht, sieht jedoch oft nur eine gigantische Metallkiste, die sich tief in den Berliner Boden eingegraben hat. Es ist ein architektonisches Paradoxon, das die meisten Menschen für ein bloßes Denkmal der gescheiterten Berliner Olympiabewerbung von 2000 halten. Doch das greift zu kurz. In Wahrheit ist dieser Ort weit mehr als ein überdimensioniertes Schwimmbecken; er ist ein Mahnmal für die technokratische Überzeugung, dass man Weltklasse-Leistung durch puren Beton und unterirdische Kubikmeter erzwingen kann. Die Halle, die oft nur kurz als SSE bezeichnet wird, fungiert heute als eine Art künstliches Biotop, in dem die Gesetze der Außenwelt kaum noch gelten. Wenn man die Treppen hinabsteigt, verlässt man das Tageslicht und betritt eine hermetisch abgeriegelte Zone, die technologisch gesehen eher einer Raumstation gleicht als einer kommunalen Sportstätte.

Die Architektur der Unsichtbarkeit in der Schwimm und Sprunghalle im Europasportpark SSE

Das Besondere an diesem Bauwerk ist seine bewusste Verweigerung, im Stadtbild stattzufinden. Während andere Metropolen ihre Sportarenen als glitzernde Ikonen in den Himmel recken, entschied sich Berlin unter dem Architekten Dominique Perrault für das exakte Gegenteil. Die gesamte Anlage verschwindet fast vollständig unter der Erdoberfläche. Man läuft oben auf einer riesigen Platte aus Edelstahlgewebe, auf der Apfelbäume wachsen, während tief darunter Millionen Liter Wasser in Bewegung gehalten werden. Diese Entscheidung war kein Zufall, sondern ein politisches Statement der späten Neunzigerjahre. Man wollte Größe zeigen, ohne großspurig zu wirken. Das Problem dabei ist nur, dass diese Unsichtbarkeit einen enormen Preis hat. Die technische Komplexität, die nötig ist, um ein solches Volumen unter der Erde klimatisch und statisch stabil zu halten, ist gewaltig. Es ist ein ständiger Kampf gegen die Thermodynamik. Die Feuchtigkeit will nach oben, die Kälte der Erde drückt von den Seiten, und mittendrin versuchen Athleten, Zehntelsekunden von ihren Bestzeiten abzuhobeln. Ich habe oft beobachtet, wie Erstbesucher völlig die Orientierung verlieren, weil das Gefühl für oben und unten in diesem monolithischen Quader verloren geht. Das ist kein Zufallsprodukt der Planung, sondern das Ergebnis einer Ära, die glaubte, man könne die Natur komplett durch Ingenieurskunst ersetzen.

Skeptiker werden nun einwerfen, dass genau diese Isolation die perfekten Bedingungen für Hochleistungssport schafft. Keine störende Sonneneinstrahlung, die das Wasser blendet, kein Windstoß, der die Akustik verzerrt. Das stimmt zwar auf dem Papier, ignoriert aber den psychologischen Faktor. Sportler berichten immer wieder von der fast klinischen, beklemmenden Atmosphäre, die dieser Ort ausstrahlt. Es ist eine Arena, die den Menschen schrumpfen lässt. Das Becken wirkt wie ein steriles Labor. Hier wird nicht einfach nur geschwommen; hier wird hydrodynamische Forschung am lebenden Objekt betrieben. Die Berliner Bäder-Betriebe stehen vor der gewaltigen Aufgabe, diesen Koloss zu bewirtschaften, was in Zeiten explodierender Energiekosten fast schon an ein wirtschaftliches Himmelfahrtskommando grenzt. Man leistet sich hier einen Luxus, der eigentlich für eine Stadt gedacht war, die die Olympischen Spiele ausrichtet. Da diese nie kamen, blieb Berlin auf einem Sport-U-Boot sitzen, das täglich Unmengen an Ressourcen verschlingt, nur um den Status quo der Sichtbarkeit unter der Unsichtbarkeit zu wahren.

Der Mythos der Multifunktionalität und seine Grenzen

Ein oft gehörtes Argument der Stadtväter war die angebliche Vielseitigkeit der Anlage. Man behauptete, hier könne man alles vom Breitensport bis zum Weltcup unterbringen. Doch wer die Realität in der Schwimm und Sprunghalle im Europasportpark SSE betrachtet, sieht ein anderes Bild. Die Halle ist so sehr auf Spitzenleistung getrimmt, dass der normale Bürger sich oft wie ein Fremdkörper in einem Hochleistungszentrum fühlt. Wenn die Nationalmannschaft der Schwimmer oder die Weltelite der Wasserspringer trainiert, rücken die Freizeit-Schwimmer in die Randzeiten oder in die kleineren Nebenbecken. Es ist eine Hierarchie des Wassers. Das zeigt die Zerrissenheit der Berliner Sportpolitik. Man will die soziale Stadt sein, die jedem Kind das Schwimmen ermöglicht, aber man baut Kathedralen, die für den täglichen Schulsport eigentlich viel zu schade und vor allem viel zu teuer sind.

Die Technik hinter den Kulissen ist beeindruckend und erschreckend zugleich. Es gibt verstellbare Böden, die die Wassertiefe auf Knopfdruck verändern können. Das ist ein mechanisches Wunderwerk, aber jedes Mal, wenn diese Tonnen schweren Platten bewegt werden, fließen enorme Mengen an Energie. Es ist diese Art von Technik-Gläubigkeit, die uns heute in die Bredouille bringt. Wir haben Infrastrukturen geschaffen, die so spezialisiert sind, dass sie kaum noch flexibel auf eine Welt reagieren können, in der Ressourcenknappheit kein Fremdwort mehr ist. Die Experten für Gebäudemanagement wissen das natürlich. Sie versuchen, das System zu optimieren, wo es nur geht, aber ein unterirdisches Betonbecken bleibt ein unterirdisches Betonbecken. Es lässt sich nicht einfach auf "Eco-Modus" umstellen, ohne die strukturelle Integrität oder die notwendigen hygienischen Standards zu gefährden.

Man muss sich die Frage stellen, warum wir immer noch an solchen Monumenten festhalten. Die Antwort liegt in der Identität. Berlin braucht diese Halle, um sich selbst zu versichern, dass es noch zur Weltspitze gehört. Jedes Mal, wenn dort ein Weltrekord fällt, fühlt sich die Investition für einen kurzen Moment gerechtfertigt an. Doch dieser Moment ist flüchtig. Was bleibt, ist der graue Alltag eines Gebäudes, das eigentlich für den Ausnahmezustand gebaut wurde. Die Zuschauerreihen, die bei großen Events Tausende fassen, wirken an normalen Dienstagen wie die leeren Ränge eines vergessenen Kolosseums. Es ist eine Architektur der Erwartung, die nur selten erfüllt wird.

Die soziokulturelle Isolation des Wassersports

Ein Aspekt, der in der öffentlichen Debatte meist untergeht, ist die soziale Barriere, die durch solche Monumentalbauten errichtet wird. Der Prenzlauer Berg, in dem die Halle liegt, hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten radikal verändert. Rund um den S-Bahnhof Landsberger Allee ist ein Viertel entstanden, das zwischen Plattenbau-Erbe und hipper Gentrifizierung schwankt. Mittendrin liegt dieser metallene Riegel. Für viele Anwohner ist die Halle ein Mysterium. Man sieht die Eingänge, man sieht die Sportler mit ihren Taschen, aber eine echte Integration in den Kiez findet kaum statt. Die Halle ist eine Insel. Man geht dort hinein, taucht unter und kommt wieder heraus, ohne jemals wirklich mit der Umgebung interagiert zu haben.

Das ist das Kernproblem moderner Sportstättenplanung. Man baut für die Kameras und für die Funktion, aber man vergisst den Raum dazwischen. Ein Schwimmbad sollte eigentlich ein sozialer Schmelztiegel sein. In der SSE jedoch wird die soziale Interaktion durch die schiere Größe und die kühle Ästhetik im Keim erstickt. Es ist kein Ort zum Verweilen, sondern ein Ort zum Abarbeiten von Bahnen. Diese Funktionalisierung des Körpers spiegelt sich in der Funktionalisierung des Raumes wider. Alles ist auf den Widerstand des Wassers und die Überwindung desselben ausgerichtet. Wer hierher kommt, sucht keine Gemeinschaft, sondern sucht die Konfrontation mit der eigenen Stoppuhr. Das ist legitim für einen Profi, aber es ist eine bittere Pille für eine Stadtgesellschaft, die nach Orten der Begegnung lechzt.

Technisches Wettrüsten unter der Grasnarbe

Betrachtet man die technischen Spezifikationen, die in Fachzeitschriften wie der "Bauwelt" oder in Ingenieursberichten gelobt wurden, erkennt man das Ausmaß des Wahnsinns. Die Wasseraufbereitung in einem solchen Komplex ist ein chemischer Hochseilakt. Um die Sichtweite unter Wasser für die TV-Kameras perfekt zu halten, wird ein Aufwand betrieben, der in keinem Verhältnis zum Nutzen für den Hobby-Schwimmer steht. Hier wird das Wasser nicht nur gefiltert, es wird regelrecht dekonstruiert und wieder zusammengesetzt. Das Ergebnis ist Wasser, das so klar ist, dass Springer aus zehn Metern Höhe manchmal die Wasseroberfläche optisch nicht mehr wahrnehmen können und deshalb kleine Düsen Luftblasen erzeugen müssen, um die Oberflächenspannung visuell markierbar zu machen.

Das ist der Punkt, an dem die menschliche Erfindungsgabe ins Absurde kippt. Wir bauen ein Loch im Boden, füllen es mit Wasser, reinigen dieses Wasser so extrem, dass es unsichtbar wird, nur um dann Maschinen einzusetzen, die es wieder sichtbar machen. Das ist Berlin in einer Nussschale. Wir lösen Probleme, die wir ohne unseren eigenen Drang zur Gigantomanie gar nicht erst hätten. Und doch können wir uns dem Sog dieser Perfektion nicht entziehen. Es ist eine faszinierende Falle. Wenn man am Beckenrand steht und in dieses tiefblaue, fast unwirklich reine Wasser blickt, versteht man für einen Augenblick, warum man das alles getan hat. Es ist die Sehnsucht nach einer Welt, die komplett kontrollierbar ist. In einem Becken gibt es keine unvorhersehbaren Strömungen, keine Algen und keine unangenehmen Überraschungen. Es ist die totale Simulation eines Sees, bereinigt um alles Natürliche.

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Die Last des Erbes und der Blick nach vorn

Es gibt Stimmen, die fordern, man solle solche Anlagen in Zukunft kleiner, modularer und oberirdischer bauen. Das klingt vernünftig. Aber es verkennt den Reiz des Extremen. Berlin ist eine Stadt der Narben und der Brüche. Die Halle im Europasportpark ist eine solche Narbe, nur dass sie mit Edelstahl überdeckt wurde. Sie erinnert uns an eine Zeit, in der wir glaubten, dass wir uns den Weg zu globaler Bedeutung einfach bauen könnten. Heute wissen wir es besser. Eine Stadt wird nicht durch Beton weltberühmt, sondern durch das, was die Menschen darin tun. Dennoch ist die Halle nun mal da. Sie abzureißen wäre ökologischer und ökonomischer Wahnsinn. Also müssen wir mit diesem Erbe leben.

Wir müssen anfangen, diese Halle nicht mehr als reines Sportgerät zu begreifen. Sie ist ein Dokument der Zeitgeschichte. Sie erzählt von den Hoffnungen der Nachwendezeit, vom Drang nach Anerkennung und von der Fehlkalkulation der Planer. Wenn man sie mit diesem Wissen betritt, verändert sich die Wahrnehmung. Sie ist dann nicht mehr nur eine kalte Sporthalle, sondern ein Museum des Berliner Größenwahns. Und vielleicht ist das ihre wichtigste Funktion für die Zukunft: uns daran zu erinnern, dass Unsichtbarkeit unter der Erde nicht bedeutet, dass die Konsequenzen unseres Handelns verschwinden.

Die Kosten für die Instandhaltung werden weiter steigen. Die Diskussionen über die Schließung kleinerer Kiezbäder bei gleichzeitigem Erhalt dieses Flaggschiffs werden hitziger werden. Das ist eine notwendige Debatte. Wir müssen entscheiden, was uns der Spitzensport wert ist, wenn gleichzeitig die Basis bröckelt. Es gibt keinen einfachen Ausweg aus diesem Dilemma. Die Halle ist ein Gefangener ihrer eigenen Spezifikationen. Sie kann nichts anderes sein als das, wofür sie entworfen wurde. Ein Formel-1-Wagen wird auch nie ein sparsames Stadtauto werden, egal wie sehr man den Motor drosselt.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass wir uns mit der Konstruktion solcher Superlative oft selbst ein Bein stellen. Wir schaffen Räume, die so perfekt sind, dass für das Unvollkommene, das Menschliche, kaum noch Platz bleibt. Die Schwimmer ziehen ihre Bahnen, die Springer vollziehen ihre Salti, und die Maschinen im Keller brummen ihren ewigen Rhythmus. Es ist eine choreografierte Harmonie, die teuer erkauft wurde. Wir sollten den Mut haben, diese Perfektion zu hinterfragen, anstatt sie nur ehrfürchtig zu bestaunen.

Wahre sportliche Größe entsteht nicht durch das Volumen des verfügbaren Betons, sondern durch die Fähigkeit einer Stadt, ihre Träume mit der Realität ihrer Bürger in Einklang zu bringen.

CF

Clara Fischer

In den Artikeln von Clara Fischer stehen Kontext, Genauigkeit und gesellschaftliche Relevanz im Mittelpunkt.