selahattin demirtaş kaç yıldır hapiste

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Wer heute in den Straßencafés von Diyarbakır oder in den Redaktionsstuben von Istanbul nach dem Schicksal des bekanntesten politischen Gefangenen der Türkei fragt, stößt oft auf eine Mischung aus Resignation und statistischer Unschärfe. Es herrscht die irrige Annahme vor, dass seine Inhaftierung lediglich eine vorübergehende Episode im turbulenten Spiel der anatolischen Machtpolitik sei. Doch hinter den dicken Mauern des Hochsicherheitsgefängnisses von Edirne verbirgt sich eine Realität, die weit über eine bloße Justizposse hinausgeht. Die Frage Selahattin Demirtaş Kaç Yıldır Hapiste ist dabei nicht nur eine chronologische Messung von Zeit, sondern der Gradmesser für den Zerfall des Rechtsstaatsprinzips am Bosporus. Seit jener Nacht im November 2016, als die Polizei die Türen seiner Wohnung aufbrach, ist die Zeit für den ehemaligen Co-Vorsitzenden der HDP nicht einfach nur verstrichen. Sie wurde zu einer Waffe umfunktioniert, die darauf abzielt, eine gesamte politische Bewegung zu zermürben, während das Ausland zuschaut und mit Zahlen jongliert.

Die Architektur der endlosen Untersuchungshaft

Das juristische Labyrinth, in dem sich der Politiker befindet, ist kein Zufallsprodukt, sondern eine präzise konstruierte Sackgasse. Man muss verstehen, wie das türkische Justizsystem heute operiert, um die Absurdität der Lage zu begreifen. Sobald ein Gericht eine Freilassung anordnet oder der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) ein Urteil zugunsten des Angeklagten fällt, taucht wie aus dem Nichts eine neue Anklageschrift auf. Dieses Karussell aus Vorwürfen sorgt dafür, dass die Antwort auf Selahattin Demirtaş Kaç Yıldır Hapiste jedes Jahr komplexer wird, weil die rechtlichen Grundlagen ständig verschoben werden. Es handelt sich um eine Form der Geiselhaft im Gewand der Rechtsstaatlichkeit. Die Anklagen reichen von Terrorpropaganda bis hin zur Beleidigung des Präsidenten, wobei oft Reden als Beweismaterial dienen, die er im Parlament hielt.

Ich habe über Jahre hinweg beobachtet, wie politische Prozesse in der Türkei geführt werden. Es gibt ein Muster. Erst kommt die mediale Vorverurteilung, dann die Verhaftungswelle und schließlich ein Prozess, der sich über Jahre hinzieht, ohne dass jemals ein rechtskräftiges Urteil in der Hauptsache gefällt wird. Bei Demirtaş sehen wir die Perfektionierung dieser Methode. Es geht nicht um Gerechtigkeit, sondern um die Neutralisierung eines Konkurrenten, der es wagte, die absolute Macht des Präsidenten herauszufordern. Wer glaubt, dass es hier um Beweise geht, hat das System nicht verstanden. Das System ist die Strafe. Die Dauer der Haft ist kein Nebenprodukt des Verfahrens, sondern sein eigentlicher Zweck.

Das Urteil aus Straßburg und die türkische Ignoranz

Ein kritischer Moment in dieser Chronik war das Jahr 2020. Der Großen Kammer des EGMR reichte es schließlich. Die Richter stellten unmissverständlich fest, dass die Inhaftierung politische Ziele verfolgte und die demokratische Pluralität einschränkte. Das war ein diplomatischer Paukenschlag, der in Ankara jedoch wie ein lästiges Insekt verscheucht wurde. Die Türkei ist als Mitglied des Europarates eigentlich verpflichtet, diese Urteile umzusetzen. Dass dies nicht geschieht, zeigt die völlige Entkopplung der türkischen Justiz von europäischen Normen. Skeptiker behaupten oft, die Türkei müsse sich gegen innere Bedrohungen schützen und der Rechtsweg sei noch nicht ausgeschöpft. Doch dieses Argument bricht in sich zusammen, wenn man sieht, dass dieselben Richter, die für Freilassungen stimmten, kurze Zeit später versetzt oder selbst unter Druck gesetzt wurden.

Selahattin Demirtaş Kaç Yıldır Hapiste als Symbol des demokratischen Stillstands

Wenn wir die Jahre zählen, zählen wir gleichzeitig die verpassten Chancen auf einen Friedensprozess in der Region. Die Inhaftierung markiert das Ende einer Ära, in der eine friedliche Lösung der kurdischen Frage innerhalb des parlamentarischen Systems möglich schien. Demirtaş war das Gesicht dieses Optimismus. Er sprach junge Menschen an, die sich weder mit dem bewaffneten Kampf noch mit dem erstickenden Nationalismus identifizieren konnten. Seine Abwesenheit im politischen Alltag hat ein Vakuum hinterlassen, das nun von Hardlinern auf beiden Seiten gefüllt wird. Es ist nun mal so, dass man eine Idee nicht einsperren kann, aber man kann sehr wohl den Menschen isolieren, der ihr eine Stimme gibt.

Das Schweigen aus Brüssel und Berlin zu dieser andauernden Rechtsverletzung ist bezeichnend für die aktuelle europäische Außenpolitik. Man braucht die Türkei als Türsteher für Migrationsbewegungen und als strategischen Partner in der NATO. Diese Abhängigkeit führt dazu, dass die Menschenrechtslage oft nur in Protokollnotizen am Rande von Gipfeltreffen erwähnt wird. Während die Jahre der Haft sich summieren, schwindet die Glaubwürdigkeit jener Institutionen, die sich den Schutz der Demokratie auf die Fahnen geschrieben haben. Man kann nicht von Werten sprechen, wenn man bereit ist, sie gegen geopolitische Stabilität einzutauschen.

Die Macht der Worte aus der Zelle

Trotz der Isolation bleibt Demirtaş ein Faktor in der türkischen Politik. Aus seiner Zelle in Edirne heraus schreibt er Romane, Kurzgeschichten und politische Analysen, die Millionen erreichen. Das ist die Ironie der Geschichte. Die Mauern sollten ihn zum Schweigen bringen, doch sie haben seine Worte geschärft. Er nutzt soziale Medien über seine Anwälte so effektiv, dass er bei Wahlen präsenter war als mancher Kandidat auf freiem Fuß. Das zeigt die Ohnmacht der Repression in einer vernetzten Welt. Ein Gefängnis kann den Körper halten, aber die politische Identität wächst oft erst im Widerstand gegen die Ungerechtigkeit zur vollen Größe heran.

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Man darf die psychologische Belastung nicht unterschätzen, die eine solche Situation für den Betroffenen und seine Familie bedeutet. Jahrelang von der Ehefrau und den Töchtern getrennt zu sein, nur wegen der Ausübung des freien Wortes, ist eine Grausamkeit, die in Europa oft nur abstrakt wahrgenommen wird. Es geht hier um ein echtes Leben, das in der Warteschleife einer autoritären Justiz feststeckt. Jeder Tag, den er länger hinter Gittern verbringt, ist ein Tag, an dem das Vertrauen der Bürger in den Staat weiter erodiert. Ein Land, das seine Oppositionellen einsperrt, zeigt keine Stärke, sondern tiefsitzende Angst vor dem Diskurs.

Die Zeitrechnung in Edirne folgt eigenen Gesetzen, doch für die Welt draußen sollte sie ein Weckruf sein. Wer die Augen vor der Dauer dieser Haft verschließt, akzeptiert stillschweigend, dass politische Willkür zum Standardinstrument der Diplomatie wird. Es ist ein gefährlicher Präzedenzfall, der weit über die Grenzen der Türkei hinausstrahlt und zeigt, wie fragil demokratische Errungenschaften sind, wenn sie nicht täglich verteidigt werden. Die Jahre im Gefängnis sind kein Beweis für eine Schuld, sondern das deutlichste Zeugnis für die moralische Krise eines Systems, das den Dialog durch Gitterstäbe ersetzt hat.

Die Freiheit eines Mannes ist in diesem Fall untrennbar mit der Freiheit einer ganzen Gesellschaft verbunden, die sich entscheiden muss, ob sie weiterhin in einem permanenten Ausnahmezustand leben will.

SB

Stefan Braun

Stefan Braun hat für verschiedene Online-Redaktionen gearbeitet und steht für Qualitätsjournalismus mit Substanz.