Es gibt diesen einen Moment in der Popgeschichte, an dem ein Lied aufhört, ein Kunstwerk zu sein, und stattdessen zu einem Rohstoff wird. Wir alle erinnern uns an das Jahr 2011, als ein hagerer australisch-belgischer Musiker namens Wouter „Wally“ De Backer, besser bekannt als Gotye, mit einem Xylophon-Sample und einer fast schmerzhaft intimen Trennungsgeschichte die Welt eroberte. Doch die eigentliche Geschichte beginnt erst dort, wo das Original endet. Während Puristen das Werk als unantastbares Heiligtum der Indie-Pop-Ära betrachteten, fütterte die Musikindustrie die globale Aufmerksamkeitsökonomie mit einer unendlichen Flut an Bearbeitungen. Wer damals ein Radio einschaltete oder einen Club betrat, kam an einer Version nicht vorbei: dem Somebody That I Used To Know Remix. Es war die Geburtsstunde eines Phänomens, das wir heute als „Hyper-Sättigung“ bezeichnen würden. Aber hier liegt der Hund begraben. Die meisten Menschen glauben, dass diese elektronischen Aufbereitungen den Song erst massentauglich machten oder seinen Lebenszyklus verlängerten. Ich behaupte das Gegenteil. Diese Bearbeitungen waren der erste Schritt zur Entfremdung von einem Künstler, der eigentlich nie ein Popstar sein wollte, und sie markierten den Punkt, an dem der Algorithmus die redaktionelle Auswahl der menschlichen Ohren ersetzte.
Die maschinelle Demontage einer menschlichen Emotion
Das Original von Gotye lebte von der Stille. Es lebte von der Dynamik zwischen seinem verletzlichen Gesang und der unterkühlten Antwort von Kimbra. Wenn man sich die Spuren des Songs ansieht, erkennt man eine fast schon chirurgische Präzision im Arrangement. Jedes Element hatte Platz zum Atmen. Dann kamen die Produzenten, die meinten, dass Melancholie im Vier-Viertel-Takt besser verkaufbar sei. Ein prominentes Beispiel war die Version von Tiësto, die den Song in die Stadien dieser Welt katapultierte. Man nahm die Essenz eines intimen Kammerspiels und legte einen industriellen Teppich aus Synthesizern und harten Kicks darunter. Das war kein kreativer Dialog mit dem Ausgangsmaterial, sondern eine Begradigung von Ecken und Kanten. Man kann das mit der Architektur vergleichen: Gotye baute ein filigranes Fachwerkhaus, und die Musikindustrie knallte eine Glasfassade davor, damit es wie ein modernes Bürogebäude aussieht. Die emotionale Wucht des Textes, die von Entfremdung und dem schmerzhaften Schweigen nach einer Trennung handelt, wurde durch den pumpenden Beat komplett konterkariert. Du tanzt zu einem Text, der eigentlich verlangt, dass du dich in einer dunklen Ecke zusammenrollst. Diese Diskrepanz ignorieren wir oft, weil uns beigebracht wurde, dass Energie in der Musik gleichbedeutend mit Qualität ist. Das ist ein Trugschluss, der unsere Hörgewohnheiten bis heute korrumpiert.
Der Mythos der Unsterblichkeit durch den Somebody That I Used To Know Remix
Oft wird argumentiert, dass ein Hit ohne die Hilfe von DJs und Produzenten in der Versenkung verschwunden wäre. Das ist die klassische Sichtweise der Major-Labels, die Reichweite über Relevanz stellen. Man sagt, der Somebody That I Used To Know Remix habe den Song erst in die entlegensten Winkel der Erde getragen. Doch zu welchem Preis? Wenn ein Song überall gleichzeitig spielt, in jeder denkbaren Variation, tritt ein psychologischer Effekt ein, den Forscher als „semantische Sättigung“ bezeichnen. Das Gehirn schaltet ab. Der Song wird zu weißem Rauschen. Er wird zu dem, was er im Titel verspricht: zu jemandem, den man früher einmal kannte, den man jetzt aber aktiv meidet, weil man ihn überdrüssig ist. Gotye selbst hat sich in den Jahren nach diesem globalen Beben fast vollständig aus dem Rampenlicht zurückgezogen. Er widmete sich der Erhaltung des Erbes von Jean-Jacques Perrey und baute elektronische Instrumente nach, statt dem nächsten Chart-Erfolg hinterherzujagen. Er verstand wohl schneller als wir alle, dass die endlose Reproduktion seines Werkes die Bedeutung desselben aushöhlte. Während die Welt nach mehr verlangte, wählte er die Stille. Das ist eine Form von künstlerischer Integrität, die man in der heutigen Klick-Logik kaum noch findet. Wir haben es hier mit einem Künstler zu tun, der das Spiel nicht nur durchschaut, sondern die Spielkonsole einfach aus dem Fenster geworfen hat.
Das Paradoxon der kreativen Freiheit
Es gibt die Theorie, dass Remixe eine Form der Demokratisierung von Kunst darstellen. Jeder mit einem Laptop kann sich ein Stück Weltruhm nehmen und es neu interpretieren. Das klingt in der Theorie wunderbar und fast schon romantisch. In der Praxis jedoch folgten die meisten Bearbeitungen des Songs einem strengen, fast schon diktatorischen Schema. Man nehme die Vocals, pitche sie vielleicht ein wenig hoch oder runter, füge einen Build-up hinzu und lasse den Bass beim Refrain fallen. Das ist kein künstlerischer Ausdruck, das ist Malen nach Zahlen. Ich habe in meiner Zeit als Beobachter der Szene unzählige Produzenten getroffen, die zugaben, dass sie solche Versionen nur erstellten, um ihre eigenen Soundcloud-Profile zu pushen. Es ging nie um Gotye. Es ging nie um die Trennung. Es ging nur um den Algorithmus, der bekannte Suchbegriffe bevorzugt. Damit wurde der Song zum Werkzeug einer kalten Aufmerksamkeitsökonomie degradiert.
Warum wir das Original heute neu hören müssen
Wenn wir heute auf das Jahr 2011 und die darauffolgende Zeit zurückblicken, sehen wir ein Schlachtfeld aus MP3-Leichen. Aber wenn man den ganzen Ballast abwirft, bleibt da dieses eine Lied. Es ist ein Wunder der Popmusik, dass ein so sperriges, auf einem alten Sample basierendes Stück überhaupt so groß werden konnte. Wir sollten aufhören, den Erfolg an der Anzahl der Ableger zu messen. Die wahre Stärke eines Künstlers zeigt sich darin, ob sein Werk den Test der Zeit besteht, wenn der Hype abgeklungen ist. Wenn du heute das Original hörst, ohne an den Somebody That I Used To Know Remix zu denken, merkst du erst, wie radikal dieser Song damals war. Er war kein Produkt einer Hit-Fabrik. Er war das Ergebnis jahrelanger Arbeit in einer Scheune in Australien. Diese Authentizität lässt sich nicht in einen Club-Beat pressen, egal wie viel Hall man auf die Stimme legt. Wir müssen lernen, Kunst wieder in ihrer ursprünglichen Absicht zu konsumieren, statt sie ständig durch den Fleischwolf der Verwertbarkeit zu drehen. Nur so bewahren wir uns die Fähigkeit, wirklich berührt zu werden, statt nur oberflächlich stimuliert zu werden.
Die wahre Tragik der modernen Musikrezeption liegt nicht darin, dass wir Remixe hören, sondern dass wir vergessen haben, wie sich das Schweigen zwischen den Noten anfühlt.