sympathy for the devil rolling stones

sympathy for the devil rolling stones

In den Olympic Studios im Londoner Stadtteil Barnes herrschte im Juni 1968 eine drückende, fast klebrige Hitze. Es war nicht nur das Wetter, sondern die schiere Elektrizität eines Umbruchs, die in der Luft hing. Keith Richards hielt seine akustische Gitarre, als wäre sie eine Waffe, während Mick Jagger mit den Zeilen eines Textes rang, der ursprünglich wie ein Stück von Bob Dylan klang, karg und folkig. Die Fenster waren verdunkelt, Kerzen brannten nieder, und Jean-Luc Godard, der französische Enfant terrible des Kinos, ließ seine Kameras surren, um diesen Moment der Schöpfung einzufangen. Er filmte, wie sich ein langsamer Rhythmus in einen hypnotischen, afrikanisch anmutenden Groove verwandelte, angepeitscht von Rocky Dijons Congas. Inmitten dieser rauchigen, obsessiven Atmosphäre entstand Sympathy For The Devil Rolling Stones, ein Werk, das die Grenzen dessen, was Rockmusik sein durfte, für immer verschob. Es war die Geburt eines Mythos, der weit über die bloßen Noten hinausging und eine ganze Generation mit der Frage konfrontierte, wo das Böse eigentlich seinen Wohnsitz hat.

Die Metamorphose dieses Liedes während der Aufnahmen glich einer Beschwörung. Brian Jones, einst das goldene Kind der Band, saß oft abseits, verloren in seinen eigenen Nebeln, während die anderen Musiker Schicht um Schicht aus Rhythmus und Arroganz übereinanderlegten. Jagger sang nicht nur; er schlüpfte in eine Haut. Er wurde zu jenem höflichen Mann von Welt, der bei den großen Katastrophen der Menschheitsgeschichte in der ersten Reihe gestanden hatte. Die Inspiration stammte aus der Literatur, genauer gesagt aus Michail Bulgakows Meisterwerk Der Meister und Margarita, das Jaggers damalige Freundin Marianne Faithfull ihm geschenkt hatte. In dem Roman spaziert der Teufel durch das Moskau der 1930er Jahre, charmant, gebildet und zutiefst verstörend. Diese literarische Wurzel verlieh dem Stück eine intellektuelle Schwere, die im krassen Gegensatz zum simplen „Yeah, Yeah, Yeah“ der frühen Sechziger stand.

Der Rhythmus der menschlichen Zerstörung

Es ist kein Zufall, dass dieser Song genau in dem Moment erschien, als die Welt um die Rolling Stones herum in Flammen aufging. 1968 war das Jahr der Attentate auf Martin Luther King und Robert F. Kennedy, das Jahr der Studentenrevolten in Paris und Berlin, das Jahr des Prager Frühlings, der unter Panzerketten zermalmt wurde. Die Band fing diese kollektive Erschütterung ein, indem sie die Perspektive wechselte. Anstatt das Leid zu beklagen, ließen sie den Verursacher sprechen. Diese Umkehrung der Moral war für das Publikum der damaligen Zeit ein Schock. Die Kirche protestierte, besorgte Eltern sahen ihre Kinder dem Okkultismus verfallen, doch die Wahrheit hinter dem Text war viel profaner und damit gruseliger. Es ging nicht um gehörnte Dämonen in Schwefelwolken, sondern um die menschliche Fähigkeit, sich wegzudrehen, wenn das Unheil geschieht.

Wer genau hinhört, bemerkt, dass der Teufel in diesem Szenario eher ein Beobachter als ein Täter ist. Er war dabei, als Jesus Christus seine Momente des Zweifels und des Schmerzes hatte, er sah zu, wie die Zarenfamilie in einem Keller in Jekaterinburg ermordet wurde, und er tanzte während des Blitzkriegs. Das Stück zwang die Zuhörer, sich mit ihrer eigenen Mittäterschaft auseinanderzusetzen. Die Zeile, die fragt, wer letztlich die Kennedys getötet hat, liefert die Antwort sofort mit: Wir alle waren es. Diese Erkenntnis ist der Kern dessen, was Sympathy For The Devil Rolling Stones so zeitlos macht. Es ist eine Studie über die Banalität des Bösen, verpackt in einen tanzbaren Samba aus der Hölle.

Die musikalische Struktur unterstützt diese Unruhe. Der Bass von Keith Richards – nicht von Bill Wyman, der bei dieser Aufnahme fehlte – treibt den Song mit einer unerbittlichen, fast militärischen Präzision voran. Es gibt kein Innehalten, kein Durchatmen. Wenn die Background-Vocals mit ihrem fast kindlichen „Whoo-whoo“ einsetzen, wirkt das wie ein spöttischer Chor aus dem Jenseits. Es ist die Vertonung einer Welt, die den Verstand verliert, während sie gleichzeitig versucht, die Haltung zu bewahren. In deutschen Diskotheken der späten Sechziger wirkte dieser Song wie ein Fremdkörper zwischen dem aufkommenden Schlager und dem braven Beat. Er brachte eine Gefahr mit sich, die man nicht sofort benennen konnte, die man aber in den Magengruben spürte.

Das Erbe der verlorenen Unschuld

Jahre später, als die Band das Lied live spielte, änderte sich die Energie oft ins Bedrohliche. Das berüchtigtste Beispiel ist das Konzert in Altamont im Dezember 1969. Während die Stones spielten, kam es vor der Bühne zu gewalttätigen Ausschreitungen zwischen den Hells Angels und den Zuschauern. Ein junger Mann namens Meredith Hunter wurde erstochen. Lange hielt sich das Gerücht, er sei genau während dieses einen Songs getötet worden, was die Aura des Diabolischen nur noch verstärkte. Tatsächlich war es ein anderes Lied, doch der Mythos war bereits in den Asphalt zementiert. Die Unschuld der Hippie-Ära war tot, und die Rolling Stones hatten, gewollt oder ungewollt, den Soundtrack für diese Beerdigung geliefert.

In der Bundesrepublik Deutschland der siebziger Jahre wurde das Stück zu einer Hymne für jene, die mit der stickigen Atmosphäre der Nachkriegszeit brechen wollten. Es war Musik für Menschen, die begriffen hatten, dass man die Schattenseiten der Geschichte nicht einfach weglächeln kann. Die intellektuelle Provokation, sich in die Lage des Verführers zu versetzen, passte in eine Zeit, in der junge Deutsche begannen, ihren Eltern die unangenehmen Fragen über deren eigene Vergangenheit zu stellen. Wer war dabei? Wer hat zugesehen? Wer hat den Gruß entboten, während die Welt unterging? Der Song wurde zum Katalysator für eine Form der Selbsterkenntnis, die wehtat.

Die unendliche Wiederkehr von Sympathy For The Devil Rolling Stones

Wenn man heute durch die Straßen einer modernen Metropole läuft und diesen speziellen Rhythmus aus einem Fenster hört, hat er nichts von seiner Kraft verloren. Er ist nicht gealtert wie ein klassischer Oldie, er ist gereift wie eine Warnung. In einer Ära, in der Algorithmen entscheiden, was wir sehen, und in der die Polarisierung der Gesellschaft zunimmt, wirkt die Figur des höflichen Provokateurs aktueller denn je. Der Teufel braucht heute keinen Frack und keinen Gehstock mehr; er versteckt sich in den Kommentarspalten, in den halben Wahrheiten und in der Gleichgültigkeit gegenüber dem Schmerz anderer. Das Lied bleibt ein Spiegel, den uns die Band vor das Gesicht hält, ob wir hineinsehen wollen oder nicht.

Die Genialität der Komposition liegt in ihrer Weigerung, eindeutig zu sein. Es ist kein Rocksong, kein Blues, kein Jazz. Es ist ein hybrides Monster, das sich jeder Kategorisierung entzieht. Charlie Watts, der Schlagzeuger mit dem stoischen Gesicht eines Jazz-Veteranen, verstand es meisterhaft, den Beat so zu verschieben, dass er den Hörer ständig aus dem Gleichgewicht brachte. Es ist ein Tanz auf dem Vulkan, und die Hitze, die damals in den Olympic Studios herrschte, scheint in jeder digitalen Kopie des Songs konserviert zu sein. Die Rolling Stones haben hier etwas eingefangen, das man als das kollektive Unbewusste der westlichen Welt bezeichnen könnte: die Angst vor der eigenen Dunkelheit und die gleichzeitige Faszination für sie.

Mick Jaggers Performance in diesem Stück ist vielleicht seine größte schauspielerische Leistung. Er ist nicht der typische Rock-Frontmann, der um Liebe oder Rebellion fleht. Er ist ein Berichterstatter aus dem Maschinenraum der Zivilisation. Er serviert uns die Grausamkeiten der Kreuzzüge und den Tod der Zaren mit einer Nonchalance, die Blut in den Adern gefrieren lässt. Es ist eine Einladung zum Tanz, die man eigentlich ausschlagen möchte, der man sich aber aufgrund der rhythmischen Wucht nicht entziehen kann. In dieser Spannung zwischen Abscheu und Anziehung findet die wahre menschliche Erfahrung statt.

Die kulturelle Wirkung zieht sich durch die Jahrzehnte. Von den Coverversionen von Guns N' Roses bis hin zur Verwendung in Filmen, die den moralischen Verfall thematisieren, bleibt das Motiv konstant. Es ist der Sound des Augenblicks, in dem man merkt, dass man den falschen Weg eingeschlagen hat, es aber schon zu spät ist, um umzukehren. In der Musikgeschichte gibt es nur wenige Momente, in denen ein einziger Song ein ganzes Weltbild so präzise dekonstruiert hat. Die Rolling Stones haben mit diesem Werk bewiesen, dass Rockmusik nicht nur Unterhaltung sein kann, sondern Philosophie mit hohem Schalldruck.

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Die Geschichte endet jedoch nicht bei den Aufnahmen oder den Skandalen. Sie setzt sich fort in jedem jungen Musiker, der heute zum ersten Mal diese Congas hört und spürt, dass hier etwas Grundsätzliches verhandelt wird. Es geht um die Verantwortung des Einzelnen in einem chaotischen Universum. Der Song erinnert uns daran, dass das Böse nicht als Monster zu uns kommt, sondern als jemand, der uns höflich bittet, seinen Namen zu erraten. Es ist ein Spiel, bei dem wir meistens verlieren, weil wir zu eitel sind, um die Zeichen zu erkennen.

Wenn der letzte Ton von Richards’ schneidendem Solo verhallt, bleibt eine seltsame Stille zurück. Es ist die Stille nach einem Geständnis. Man fühlt sich ein wenig schmutziger, aber auch wacher. Man versteht plötzlich, dass die Welt nicht aus Schwarz und Weiß besteht, sondern aus unzähligen Schattierungen von Grau, in denen sich jene Gestalt verbirgt, die uns in Barnes so intensiv entgegengesungen wurde. Der Teufel ist nicht in der Hölle; er sitzt mit uns am Tisch, trinkt unseren Wein und wartet darauf, dass wir ihm die Hand schütteln.

In einer Welt, die oft so tut, als hätte sie alle moralischen Rätsel gelöst, wirkt diese Musik wie ein notwendiger Stachel. Sie zwingt uns zur Ehrlichkeit. Sie verlangt von uns, dass wir nicht nur den Rhythmus spüren, sondern auch die Schwere der Worte ertragen. Es ist ein Vermächtnis, das bleibt, solange Menschen bereit sind, für eine Ideologie zu morden oder einfach wegzusehen, wenn es unbequem wird. Die Rolling Stones haben uns keinen Song geschenkt, sondern ein unbequemes Erbe, das uns jedes Mal einholt, wenn wir glauben, wir seien die Guten in dieser Geschichte.

Das Licht in den Olympic Studios erlosch schließlich, und die Band zog weiter, um die nächste Platte aufzunehmen, den nächsten Skandal zu provozieren und die nächste Stufe ihrer Unsterblichkeit zu erklimmen. Aber dieser eine Moment, dieses eine Aufbegehren gegen die moralische Bequemlichkeit, ist in der Zeit eingefroren. Er erinnert uns daran, dass wir alle unsere Namen haben, unsere Rollen spielen und am Ende doch nur Zuschauer in einem Theaterstück sind, dessen Regisseur wir nur allzu gerne verleugnen.

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Es bleibt die Erinnerung an jenen Sommer in London, an die flackernden Kerzen und den jungen Jagger, der vor dem Mikrofon tänzelt wie ein Schattenboxer. Er wusste damals wahrscheinlich selbst nicht genau, welchen Geist er mit diesen Zeilen rief. Doch der Geist ist aus der Flasche und er wird nicht mehr dorthin zurückkehren. Wir sind nun diejenigen, die den Namen erraten müssen, jeden Tag aufs Neue, während der Beat uns gnadenlos weitertreibt.

Manchmal, in einer klaren Nacht, wenn der Wind durch die leeren Straßen fegt, kann man das ferne Echo jenes höhnischen Lachens hören, das die Stones in die Welt gesetzt haben. Es ist kein hasserfülltes Lachen, sondern eines, das aus der tiefen Kenntnis unserer Schwächen geboren wurde. Es ist ein Lachen, das uns auffordert, genau hinzuschauen, bevor wir das nächste Mal den Stein werfen. Und während die Welt sich weiterdreht, bleibt dieses Lied die mahnende, elegante und zutiefst menschliche Stimme aus dem Abgrund, die uns daran erinnert, dass Höflichkeit manchmal die gefährlichste Maske von allen ist.

Vielleicht war es nie ein Song über den Teufel, sondern immer nur ein Lied über uns selbst.

MN

Markus Neumann

Mit Erfahrung in Newsrooms und Content-Teams erstellt Markus Neumann verständliche, gut recherchierte Beiträge.