tweedle dee and tweedle dum

tweedle dee and tweedle dum

Der alte Staub auf den Buchrücken der Londoner British Library riecht nach Vanille und Verfall, ein Aroma, das Lewis Carroll vermutlich gut kannte, als er durch die Gänge der viktorianischen Gelehrsamkeit streifte. In einer Ecke des Lesesaals sitzt ein Mann, der seit Stunden über den Illustrationen von John Tenniel brütet, jenen scharfkantigen Stichen, die zwei rundliche Gestalten in Schullatzhosen unsterblich machten. Sie stehen dort, Arm in Arm, die Gesichter von einer beunruhigenden Ähnlichkeit geprägt, als wären sie aus demselben Teig geknetet und nur durch die Initialen auf ihren Kragen voneinander zu unterscheiden. Diese Figuren, bekannt als Tweedle Dee and Tweedle Dum, sind weit mehr als bloßer Kinderbuch-Unfug; sie verkörpern eine tiefe, fast schmerzhafte Wahrheit über die menschliche Natur und die Art und Weise, wie wir uns in unseren eigenen Konflikten spiegeln. Carroll entlehnte sie einem alten Reim aus dem 18. Jahrhundert, der ursprünglich den Streit zwischen den Komponisten Händel und Bononcini verspottete, doch in seinem Werk wurden sie zu Symbolen einer unendlichen Redundanz.

Es ist diese Redundanz, die uns im Alltag begegnet, wenn wir zwei Politiker beobachten, die sich in einer Talkshow gegenseitig die Worte abschneiden, während ihre Argumente längst zu einer ununterscheidbaren Masse verschmolzen sind. Der Literaturwissenschaftler Morton N. Cohen beschrieb in seiner Biografie über Carroll, wie der Autor das Absurde nutzte, um die Logik der Erwachsenenwelt zu untergraben. Wenn die beiden Brüder sich weigern, einander wirklich zuzuhören, spiegeln sie eine Form der Kommunikation wider, die wir im 21. Jahrhundert nur zu gut kennen. Es geht nicht um den Sieg einer Idee, sondern um das reine Beharren auf der eigenen Existenz durch den Widerspruch.

Die Mechanik der ewigen Wiederholung

Wer die Geschichte der beiden ungleichen Zwillinge betrachtet, erkennt schnell, dass ihr Streit um eine kaputte Rassel kein Zufall war. Er war eine Choreografie. In Carrolls Welt gibt es kein Vorankommen, nur ein Kreisen um denselben Punkt. Das erinnert an die psychologische Forschung von Paul Watzlawick, der in seinen Studien zur menschlichen Kommunikation aufzeigte, wie Paare oder Rivalen oft in symmetrische Eskalationen geraten. Je mehr der eine drückt, desto mehr drückt der andere zurück, bis beide Seiten in einer Starre verharren, die jede Entwicklung unmöglich macht.

Die Szene im Wald, in der Alice auf die beiden trifft, wirkt wie ein Fiebertraum der Bürokratie. Alles muss nach Plan verlaufen, der Kampf muss angekündigt werden, die Rüstung muss perfekt sitzen – auch wenn sie nur aus Kochtöpfen und Decken besteht. Es ist die menschliche Neigung, das Ritual über den Sinn zu stellen. Wir bauen komplexe Systeme, um unsere Differenzen zu verwalten, nur um am Ende festzustellen, dass wir uns über Nichtigkeiten streiten, während der schwarze Rabe der Realität bereits über uns kreist.

In der europäischen Kulturgeschichte finden wir dieses Motiv immer wieder. Denken wir an die philosophischen Diskurse des 19. Jahrhunderts, in denen sich Denkschulen oft so sehr ähnelten, dass Außenstehende kaum noch einen Unterschied ausmachen konnten. Es ist das Narzisstische an den kleinen Differenzen, von dem Sigmund Freud sprach. Wir betonen das winzige Detail, das uns vom anderen trennt, nur um zu verbergen, wie erschreckend ähnlich wir uns eigentlich sind. Diese psychologische Fixierung führt dazu, dass wir den Wald vor lauter identischen Bäumen nicht mehr sehen.

Die Rassel als Reliquie des Zorns

Man muss sich die Rassel als das erste Atom des Konflikts vorstellen. Sie ist kein wertvoller Gegenstand, sondern ein Symbol für den verletzten Stolz. In einer Welt, die zunehmend von materiellen Besitztümern und deren symbolischem Wert definiert wird, ist die kaputte Rassel überall. Sie ist der Parkplatzstreit vor dem Supermarkt, der hitzige Kommentar unter einem Social-Media-Post oder die diplomatische Note wegen einer belanglosen Grenzverschiebung.

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Der deutsche Philosoph Hans Blumenberg schrieb einmal über die Lesbarkeit der Welt und wie wir versuchen, dem Chaos durch Metaphern Herr zu werden. Die Geschichte der Zwillinge ist eine solche Metapher. Sie lehrt uns, dass der Zorn oft keinen Grund braucht, sondern nur einen Anlass. Wenn die beiden sich aufplustern, tun sie das nicht, weil sie böse sind, sondern weil sie nicht wissen, wie sie sonst miteinander interagieren sollen. Ihre Identität ist an den Konflikt gebunden. Ohne den Streit wären sie einfach nur zwei namenlose Männer im Wald.

Das Paradoxon von Tweedle Dee and Tweedle Dum

Das Paradox liegt in der Ununterscheidbarkeit. Wenn zwei Seiten einer Debatte so sehr zu Karikaturen ihrer selbst werden, dass sie austauschbar erscheinen, verlieren sie ihre Menschlichkeit. In der politischen Landschaft Deutschlands der letzten Jahrzehnte gab es immer wieder Momente, in denen Beobachter beklagten, die großen Volksparteien seien kaum noch voneinander zu trennen. Sie wirkten wie eine moderne Inkarnation von Tweedle Dee and Tweedle Dum, gefangen in einem rituellen Schlagabtausch, der die Wähler eher ermüdete als mobilisierte.

Diese Austauschbarkeit ist gefährlich, weil sie Apathie erzeugt. Wenn es egal ist, wer gewinnt, weil beide das Gleiche sagen oder auf die gleiche Weise agieren, ziehen sich die Menschen aus dem Diskurs zurück. Alice, das Kind der Vernunft, versucht verzweifelt, Logik in das Treffen zu bringen, doch sie scheitert an der zirkulären Natur ihrer Argumente. Das ist das Gefühl, das viele heute beschreiben, wenn sie die Nachrichten einschalten: eine tiefe Müdigkeit angesichts einer Welt, die sich weigert, aus ihren Fehlern zu lernen.

In der Mathematik gibt es das Konzept der Redundanz, bei der Informationen mehrfach vorhanden sind, um Fehler zu vermeiden. In der menschlichen Interaktion wirkt Redundanz jedoch oft zerstörerisch. Sie blockiert den Raum für neue Gedanken. Die Zwillinge sind in ihrer Symmetrie gefangen, wie zwei Spiegel, die sich gegenseitig reflektieren und dabei ein endloses, aber leeres Bild erzeugen.

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Die Stille nach dem Sturm

Wenn der schwarze Rabe schließlich erscheint und die beiden in die Flucht schlägt, bleibt eine seltsame Stille zurück. Es ist die Erkenntnis, dass alle Vorbereitungen, alle Drohungen und alle ritterlichen Posen vor der echten Gefahr bedeutungslos sind. Die Natur, der Tod, die Zeit – diese Mächte scheren sich nicht um unsere kleinen Rasseln.

Wir beobachten dies in der globalen Gemeinschaft, wenn Krisen wie der Klimawandel oder Pandemien zuschlagen. Plötzlich wirken die geopolitischen Rangeleien wie das Spiel von Kindern im Unterholz. Die Wissenschaftlerin Naomi Oreskes hat in ihren Arbeiten über den wissenschaftlichen Konsens oft betont, wie wichtig es ist, über die künstlich erzeugten Debatten hinauszublicken, um die realen Bedrohungen anzuerkennen. Doch die menschliche Psyche klammert sich lieber an den vertrauten Streit mit dem Nachbarn, als sich der monströsen Ungewissheit des Horizonts zu stellen.

Es gibt eine Melancholie in dieser Erkenntnis. Wir sind Wesen, die Sinn suchen, aber oft nur Zerstreuung im Konflikt finden. Die Zwillinge sind uns deshalb so nah, weil sie uns an unsere eigene Unreife erinnern. Sie sind der Teil von uns, der lieber recht behalten will, als glücklich zu sein. Sie sind die Stimme in unserem Kopf, die sagt: Aber er hat angefangen.

Eine neue Form der Begegnung

Vielleicht müssen wir lernen, die Spiegel zu zerbrechen. Nicht durch Gewalt, sondern durch die Akzeptanz der Ähnlichkeit. Wenn wir erkennen, dass der andere nicht unser Gegenteil, sondern unsere Fortsetzung ist, verliert der Streit seine Energie. In der Mediation wird oft versucht, genau diesen Punkt zu erreichen: den Moment, in dem die Streitenden sehen, dass sie beide unter demselben zerbrochenen Spielzeug leiden.

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In Carrolls Erzählung gibt es keine Versöhnung im klassischen Sinne. Es gibt nur das Verschwinden. Alice geht weiter, sie lässt die beiden hinter sich, weil sie erkennt, dass sie in diesem Waldstück nichts lernen kann. Das ist eine harte Lektion für den Leser. Manchmal ist die einzige Lösung für eine festgefahrene Situation, sie schlichtweg zu verlassen. Das bedeutet nicht Resignation, sondern die Wahl eines anderen Weges, der nicht durch die Symmetrie des Hasses definiert ist.

Die Literaturwissenschaft hat oft versucht, Tweedle Dee and Tweedle Dum als politische Satire auf die Whigs und Tories zu lesen, doch diese Deutung greift zu kurz. Sie sind eine universelle Konstante. In jedem Büro, in jeder Familie, in jedem Gemeinderat sitzen sie und warten darauf, ihre Rüstungen aus Kissen und Pfannen anzulegen. Die Herausforderung besteht darin, sie nicht zu füttern, ihnen nicht die Bühne zu geben, die sie für ihre ewige Wiederholung benötigen.

Manchmal, wenn das Licht in der British Library flacher wird und die Schatten der Regale länger in den Raum ragen, scheinen die Buchstaben auf den Seiten zu tanzen. Man kann fast das Echo ihres hastigen Rückzugs hören, das Rascheln der Blätter, wenn sie vor dem Raben fliehen. Es ist ein Geräusch, das uns mahnt, dass unsere Zeit zu kostbar ist, um sie mit der Inszenierung von Schlachten zu verschwenden, die niemand gewinnen kann.

Am Ende des Waldweges steht Alice wieder allein. Sie schüttelt den Kopf über die Seltsamkeit derer, die sie gerade getroffen hat, und richtet ihren Blick nach vorn. Hinter ihr bleibt das Dickicht zurück, in dem zwei Männer noch immer davon überzeugt sind, dass ihre Identität allein davon abhängt, wie laut sie den Verlust einer alten, verbeulten Rassel beklagen können.

Ein einzelnes Blatt fällt lautlos auf den feuchten Boden, während in der Ferne das Echo eines Streits verhallt, der niemals wirklich begann und deshalb niemals enden wird.

CF

Clara Fischer

In den Artikeln von Clara Fischer stehen Kontext, Genauigkeit und gesellschaftliche Relevanz im Mittelpunkt.