the wind will carry us film

the wind will carry us film

Kino muss nicht immer laut sein, um eine gewaltige Wirkung zu entfalten. Manchmal reicht ein staubiger Weg in den Bergen des Iran, ein alter Jeep und die quälende Suche nach einem Mobilfunksignal, um universelle Wahrheiten über das Leben und den Tod zu erzählen. Wenn man sich mit dem iranischen Kino beschäftigt, führt kein Weg an Abbas Kiarostami vorbei. Er verstand es wie kaum ein anderer, die Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion verschwimmen zu lassen. Sein Werk The Wind Will Carry Us Film ist dabei das perfekte Beispiel für eine Erzählweise, die Geduld fordert und diese am Ende reich belohnt. Wer hier eine lineare Handlung mit klarem Anfang und Ende sucht, wird enttäuscht. Wer sich jedoch auf die Rhythmen der Natur und die subtilen Interaktionen zwischen Stadtmenschen und Dorfbewohnern einlässt, findet einen Schatz.

Die Magie der Langsamkeit in The Wind Will Carry Us Film

In der heutigen Zeit sind wir an schnelle Schnitte und ständige Reize gewöhnt. Kiarostami bricht mit diesen Erwartungen. Er schickt eine kleine Gruppe von Männern, die sich als Schatzsucher ausgeben, in das abgelegene kurdische Dorf Siah Dareh. Ihr eigentlicher Auftrag ist jedoch makaber: Sie warten darauf, dass eine über hundert Jahre alte Frau stirbt, um ihre rituellen Begräbniszeremonien zu filmen.

Dieses Warten wird zum zentralen Element. Es passiert oberflächlich betrachtet fast nichts. Der Protagonist Behzad fährt immer wieder auf einen Hügel, um Telefonempfang zu haben. Er spricht mit einem Jungen aus dem Dorf. Er beobachtet die Landschaft. Doch genau in dieser Leere liegt die Kraft. Das Werk zwingt dich, hinzusehen. Du achtest auf das Rauschen des Windes im Weizenfeld. Du hörst die fernen Rufe der Dorfbewohner.

Man erkennt schnell, dass die Arroganz des modernen Menschen hier auf die Probe gestellt wird. Behzad repräsentiert die Hektik und den Voyeurismus der modernen Medienwelt. Das Dorf hingegen existiert in einer ganz anderen Zeitrechnung. Die Bewohner kümmern sich um ihre Ernte, ihre Tiere und ihre Toten, ohne sich um die Kameras der Fremden zu scheren. Es ist ein Zusammenprall der Kulturen, der ohne große Reden auskommt.

Die Bedeutung des Titels und der Poesie

Der Titel stammt von einem Gedicht der berühmten iranischen Dichterin Forugh Farrochzad. Das ist kein Zufall. Kiarostami nutzt Poesie nicht als Dekoration, sondern als Fundament. In einer Schlüsselszene zitiert der Hauptdarsteller Verse in einem dunklen Keller, während er einer jungen Frau beim Melken zusieht. Es ist ein Moment von unglaublicher Intimität und gleichzeitig tiefster Melancholie.

Das Gedicht spricht von der Vergänglichkeit. Der Wind steht für die Zeit, die alles mit sich reißt. Nichts bleibt bestehen, außer vielleicht die flüchtigen Momente der Verbundenheit. Für Kinoliebhaber ist diese Szene ein Lehrstück darin, wie man Atmosphäre erzeugt, ohne teure Spezialeffekte zu nutzen. Das Spiel mit Licht und Schatten in diesem Keller erinnert an die Gemälde der alten Meister.

Die visuelle Sprache der iranischen Landschaft

Kiarostami nutzt die karge Schönheit der iranischen Provinz wie einen eigenständigen Charakter. Die goldenen Hügel, die gewundenen Straßen und die lehmfarbenen Häuser des Dorfes bilden einen starken Kontrast zum schwarzen Auto der Besucher. Oft sieht man die Figuren nur als kleine Punkte in der weiten Landschaft. Das rückt die menschlichen Probleme in eine neue Perspektive. Wir sind klein. Die Natur ist groß.

Man merkt dem Regisseur seine Erfahrung als Fotograf an. Jeder Frame könnte ein Standbild in einer Galerie sein. Dabei wirkt nichts künstlich arrangiert. Es fühlt sich an, als hätte er die Kamera einfach aufgestellt und das Leben vor ihr geschehen lassen. Das ist die höchste Kunst der Regie: Den Eingriff des Künstlers unsichtbar zu machen.

Warum die Abwesenheit von Charakteren die Fantasie anregt

Eine der faszinierendsten Entscheidungen in diesem Projekt ist, dass wir viele wichtige Figuren nie zu Gesicht bekommen. Behzads Kollegen bleiben Stimmen aus dem Off oder Schatten im Auto. Die sterbende Frau, um die sich alles dreht, wird nie gezeigt. Sogar der Mann, der in einem tiefen Loch gräbt, bleibt unsichtbar.

Diese Technik ist genial. Wenn man jemanden nicht sieht, fängt das Gehirn an, sich ein Bild zu machen. Die eigene Vorstellungskraft füllt die Lücken. Das macht das Erlebnis viel persönlicher. Du hörst die Stimme der Kollegen und entwickelst ein Gefühl für ihre Ungeduld. Du hörst von der alten Frau und stellst dir ihr Gesicht vor, gezeichnet von einem Jahrhundert voller Geschichten.

Die Rolle des Friedhofs auf dem Hügel

Der Friedhof ist der Ort, an dem Behzad immer wieder nach Empfang für sein Handy sucht. Es ist eine fast schon ironische Szene. Ein Mann, der mit der modernsten Technik kommunizieren will, steht buchstäblich auf den Gräbern der Vorfahren. Der Tod ist hier allgegenwärtig, aber nicht als Schreckgespenst. Er gehört einfach dazu.

In der iranischen Kultur hat das Verhältnis zum Tod oft eine philosophische Note. Das zeigt sich auch in anderen Werken der Region. Auf Seiten wie der Berlinale finden sich oft Analysen zu dieser speziellen Erzählweise, die das Leben durch die Linse der Sterblichkeit betrachtet. Kiarostami macht hier keine Ausnahme. Er zeigt uns, dass das Warten auf den Tod eigentlich ein Warten auf das Verständnis des Lebens ist.

Der Junge als Brücke zwischen den Welten

Farzad, der kleine Junge aus dem Dorf, ist die einzige Figur, zu der Behzad eine echte, wenn auch schwierige Beziehung aufbaut. Farzad bereitet sich auf seine Prüfungen vor. Er ist die Zukunft des Dorfes. Die Interaktionen zwischen dem genervten Regisseur und dem neugierigen Kind sind oft amüsant. Sie zeigen die Kommunikationsschwierigkeiten zwischen einer intellektuellen Elite aus Teheran und der Landbevölkerung.

Oft versteht Behzad die einfachsten Dinge nicht. Er ist so fixiert auf sein Ziel – den Film über den Tod –, dass er das Leben direkt vor seiner Nase übersieht. Erst ganz am Ende gibt es einen Moment der Katharsis. Ein Knochen, den er auf dem Friedhof gefunden hat, landet im Fluss. Er fließt davon. Der Wind trägt alles fort.

Technische Brillanz ohne technisches Gehabe

Man muss sich vor Augen führen, unter welchen Bedingungen solche Filme oft entstehen. Zensur, begrenzte Mittel und schwieriges Gelände sind ständige Begleiter. Doch Kiarostami macht daraus eine Tugend. Er verzichtet auf Musik, außer in ganz gezielten Momenten. Er nutzt natürliche Geräusche. Wenn ein Auto über Schotter fährt, muss das knirschen. Wenn ein Vogel schreit, muss das die Stille durchschneiden.

Die Wahl der Schauspieler

Kiarostami arbeitete fast ausschließlich mit Laiendarstellern. Behzad Durani, der den Journalisten spielt, war eigentlich ein Produktionsmitarbeiter. Das verleiht dem Ganzen eine Authentizität, die professionelle Schauspieler oft nicht erreichen können. Die Menschen im Dorf spielen sich im Grunde selbst. Ihre Reaktionen sind echt. Ihre Gesichter erzählen Geschichten von harter Arbeit und Genügsamkeit.

Wer sich für diese Art des Filmemachens interessiert, sollte sich die Programme von Institutionen wie dem Arsenal Institut für Film und Videokunst ansehen. Dort werden solche Klassiker oft in ihrem historischen Kontext gezeigt. Es geht darum zu verstehen, dass Kino mehr sein kann als reine Unterhaltung. Es ist eine Form der Meditation.

Die Bedeutung von Wiederholungen

Manche Zuschauer finden das ständige Hin- und Herfahren des Jeeps anstrengend. Aber genau diese Wiederholung ist der Punkt. Das Leben besteht aus Routinen. Durch die Wiederholung der Fahrten zum Hügel spüren wir die Frustration der Charaktere. Wir spüren die Zeit, die verstreicht.

In der Kunst nennt man das den Rhythmus. Wie in einem Musikstück kehren bestimmte Motive immer wieder zurück. Das Dorf Siah Dareh wird zu einem Labyrinth, in dem man sich verlieren kann. Jede Gasse sieht gleich aus, und doch ist jede Begegnung an der Ecke ein wenig anders.

Der Einfluss auf das Weltkino

Abbas Kiarostami hat mit seiner Arbeit Regisseure auf der ganzen Welt beeinflusst. Von Martin Scorsese bis Jean-Luc Godard – die Großen der Zunft haben seinen Stil bewundert. Er hat bewiesen, dass man mit einer sehr einfachen Prämisse eine immense emotionale Tiefe erreichen kann.

Dieses Werk gewann 1999 den Großen Preis der Jury bei den Filmfestspielen von Venedig. Das war ein klares Signal. Die Welt war bereit für Geschichten aus dem Iran, die jenseits der politischen Schlagzeilen liegen. Es geht um die Seele eines Volkes, das eine jahrtausendealte Kultur besitzt.

Die iranische Neue Welle

Dieses Meisterwerk ist ein später Höhepunkt der iranischen Neuen Welle. Diese Bewegung begann schon in den 1960er Jahren und setzte sich trotz der politischen Umbrüche fort. Die Filmemacher lernten, zwischen den Zeilen zu erzählen. Symbole ersetzten direkte Kritik.

Wenn man heute Produktionen aus der Region sieht, erkennt man die Handschrift von Kiarostami überall. Die langen Einstellungen, die philosophischen Dialoge und die Liebe zum Detail sind geblieben. Es ist ein Erbe, das weiterlebt, auch wenn der Meister selbst nicht mehr unter uns weilt. Er verstarb 2016, aber seine Vision bleibt klar und ungetrübt.

Ein Vergleich zu anderen Werken Kiarostamis

Wer The Wind Will Carry Us Film mag, wird auch „Der Geschmack der Kirsche“ lieben. Dort geht es ebenfalls um eine Autofahrt und die Suche nach dem Sinn. In beiden Fällen ist das Fahrzeug ein geschützter Raum für Gespräche, während die Außenwelt vorbeizieht. Es ist ein Motiv, das Kiarostami perfektionierte.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Meta-Ebene. Oft thematisiert er den Prozess des Filmemachens selbst. Die Protagonisten sind oft Regisseure oder Fotografen. Das stellt die Frage: Darf man das Leben anderer einfach so als Material benutzen? Diese ethische Komponente gibt der Geschichte eine zusätzliche Ebene, die lange nachwirkt.

Praktische Tipps für den Einstieg in das Werk

Es ist kein Geheimnis, dass dieser Stil gewöhnungsbedürftig ist. Man kann nicht einfach nebenbei am Handy spielen. Man muss sich darauf einlassen. Hier sind ein paar Ratschläge, wie man das Beste aus diesem Erlebnis herausholt:

  1. Den Raum vorbereiten: Schalte das Licht aus. Sorge für eine ruhige Umgebung. Das ist kein Film für einen lauten Abend mit Popcorn.
  2. Auf die Geräusche achten: Nutze gute Kopfhörer oder Lautsprecher. Die Soundkulisse ist mindestens so wichtig wie die Bilder.
  3. Keine Erwartungen an den Plot: Akzeptiere, dass es keine klassischen Wendungen gibt. Die Veränderung findet im Inneren des Protagonisten statt, nicht in der äußeren Handlung.
  4. Hintergrundwissen: Lies ein wenig über die kurdische Kultur und die Bedeutung von Poesie im Iran. Das hilft, die Nuancen der Dialoge besser zu verstehen.
  5. Geduld haben: Die ersten 30 Minuten können sich zäh anfühlen. Bleib dran. Das Gehirn muss erst in diesen langsamen Modus umschalten.

Die philosophische Tiefe verstehen

Letztendlich geht es um die Akzeptanz des Unausweichlichen. Der Wind trägt alles fort – unsere Pläne, unsere Sorgen und uns selbst. Das klingt traurig, ist aber in der Darstellung von Kiarostami fast schon tröstlich. Wenn alles vergänglich ist, wird der gegenwärtige Moment umso wertvoller.

Behzad lernt das auf die harte Tour. Er will den Tod konservieren, ihn auf Zelluloid bannen. Doch der Tod entzieht sich ihm. Er findet stattdessen das Leben in den kleinen Dingen: in einem Glas Milch, im Gespräch mit einer Frau in einem dunklen Keller, im Anblick eines rollenden Knochens im Wasser.

Die Rolle der Frau in der Erzählung

Obwohl Frauen im Dorf eine zentrale Rolle spielen, bleiben sie oft im Verborgenen oder im Schatten. Das spiegelt die Realität der ländlichen Gesellschaft wider. Doch ihre Stimmen und ihre Präsenz sind kraftvoll. Sie sind diejenigen, die das tägliche Leben am Laufen halten, während die Männer oft nur dasitzen und reden oder Tee trinken.

Diese Beobachtungsgabe des Regisseurs ist bemerkenswert. Er kritisiert nicht direkt, er zeigt einfach. Die Kamera wird zum neutralen Beobachter. Es liegt am Zuschauer, seine eigenen Schlüsse über die sozialen Strukturen zu ziehen. Das macht das Werk so zeitlos. Es belehrt nicht, es lädt zum Nachdenken ein.

Das Ende als Neuanfang

Ohne zu viel zu verraten: Das Ende ist kein wirklicher Abschluss. Es ist eher ein Ausatmen. Die Mission der Männer ist auf eine Weise gescheitert, aber Behzad kehrt als ein anderer Mensch zurück. Er hat etwas über die Demut gelernt.

Das ist es, was großes Kino ausmacht. Es hinterlässt eine Spur in dir. Du siehst die Welt danach mit etwas anderen Augen. Vielleicht achtest du das nächste Mal, wenn der Wind durch die Bäume weht, etwas mehr auf das Geräusch. Vielleicht merkst du, dass das Warten gar nicht so schlimm ist, wenn man die Umgebung aufmerksam wahrnimmt.

Wo man mehr erfahren kann

Für alle, die tiefer in die Materie eintauchen wollen, gibt es zahlreiche Ressourcen. Die Criterion Collection bietet oft restaurierte Fassungen mit umfangreichem Bonusmaterial an. Dort erfährt man viel über die Dreharbeiten und die Vision hinter dem Projekt. Es lohnt sich, die Interviews mit den Wegbegleitern Kiarostamis zu lesen oder zu sehen.

Auch Filmfestivals wie die Berlinale widmen dem iranischen Kino regelmäßig Retrospektiven. Dort kann man sehen, wie sich die Sprache des Films über die Jahrzehnte entwickelt hat. Es ist eine faszinierende Reise durch eine Kultur, die trotz aller Hindernisse eine unglaubliche künstlerische Kraft bewahrt hat.

Nächste Schritte für Filmbegeisterte

Wer jetzt neugierig geworden ist, sollte nicht länger warten. Such dir einen ruhigen Abend und widme dich diesem Klassiker. Hier ist ein konkreter Plan für die nächsten Tage:

  • Schritt 1: Besorge dir eine hochwertige Kopie des Werks. Die Bildqualität ist entscheidend für das Erlebnis der Landschaften.
  • Schritt 2: Lies vorab das Gedicht „Der Wind wird uns tragen“ von Forugh Farrochzad. Es gibt dem Ganzen einen völlig neuen Kontext.
  • Schritt 3: Schau dir nach der Sichtung ein Interview mit Abbas Kiarostami an. Seine Ruhe und seine Sicht auf die Welt sind inspirierend.
  • Schritt 4: Diskutiere mit Freunden darüber. Dieses Werk ist dafür gemacht, hinterfragt und analysiert zu werden. Jeder sieht etwas anderes darin.
  • Schritt 5: Erkunde weitere Regisseure der iranischen Neuen Welle wie Jafar Panahi oder Mohsen Makhmalbaf. Es öffnet sich eine ganz neue Welt des Kinos.

Das Kino des Iran ist ein Fenster in eine Welt, die uns oft fremd erscheint, aber deren menschliche Kernfragen wir alle teilen. Es geht um Liebe, Verlust, Arbeit und die Suche nach Sinn. In einer lauten Welt ist die Stille dieses Werks ein wahres Geschenk. Man muss nur bereit sein, hinzuhören.

SB

Stefan Braun

Stefan Braun hat für verschiedene Online-Redaktionen gearbeitet und steht für Qualitätsjournalismus mit Substanz.