the witch a new-england folktale

the witch a new-england folktale

Die meisten Menschen glauben, dass Horrorfilme uns vor Monstern im Schrank oder maskierten Killern im Wald erschrecken wollen. Das ist ein Irrtum, der den Kern des Genres verfehlt. Echter Horror handelt nicht von dem, was draußen im Dunkeln lauert, sondern von der Geschwindigkeit, mit der eine menschliche Psyche unter dem Druck von Isolation und religiösem Fanatismus zerbricht. Robert Eggers lieferte mit seinem Regiedebüt The Witch A New-England Folktale ein Werk ab, das oberflächlich als Gruselgeschichte über eine Hexe im Wald missverstanden wird. Wer genau hinsieht, erkennt jedoch eine klinische Studie über den psychologischen Kollaps einer puritanischen Familie im 17. Jahrhundert. Es ist die Geschichte einer Implosion, die durch die schiere Last einer gnadenlosen Theologie ausgelöst wird. Das Übernatürliche ist hierbei lediglich der Katalysator für eine sehr menschliche Tragödie, die sich in den kargen Wäldern von New Hampshire abspielt.

Ich erinnere mich gut an die ersten Reaktionen, als dieser Film die Kinoleinwände erreichte. Das Publikum war gespalten. Die einen erwarteten billige Schockmomente, während die anderen von der dichten, fast schon erstickenden Atmosphäre fasziniert waren. Der Film bricht mit der modernen Erwartungshaltung, dass das Böse eine externe Kraft sein muss, die besiegt werden kann. Stattdessen zeigt er uns, dass die Familie bereits verdammt war, lange bevor sie den ersten Fuß in den Wald setzte. Ihr Stolz, ihr religiöser Hochmut und die Unfähigkeit, einander zu vergeben, schufen ein Vakuum, das der Teufel – oder die bloße Vorstellung von ihm – nur noch füllen musste. Die historische Genauigkeit, mit der Eggers arbeitete, von der Kleidung bis hin zum Dialekt, dient nicht dem Selbstzweck. Sie zwingt uns in eine Weltanschauung hinein, in der das Spirituelle und das Materielle untrennbar miteinander verwoben sind. In dieser Welt ist ein verdorbener Maiskolben kein landwirtschaftliches Pech, sondern ein göttliches Urteil oder ein teuflischer Fluch.

Die radikale Authentizität von The Witch A New-England Folktale

Um die Wucht dieses Werkes zu verstehen, muss man die Besessenheit anerkennen, mit der das Team hinter der Kamera vorging. Es wurden keine künstlichen Lichtquellen verwendet, die nicht auch im Jahr 1630 existiert hätten. Das bedeutet Kerzenschein und das fahle Licht eines bewölkten Neuengland-Himmels. Diese Entscheidung ist kein technisches Spielzeug. Sie erschafft eine visuelle Sprache der Ungewissheit. In der Dunkelheit des Hauses verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Wahnvorstellung. Wenn die Eltern William und Katherine ihre älteste Tochter Thomasin beschuldigen, für das Verschwinden des Säuglings Samuel verantwortlich zu sein, dann tun sie das nicht aus Bosheit. Sie tun es aus einer tiefen, existenziellen Angst heraus, die in ihrem Weltbild fest verankert ist. Für einen Puritaner dieser Zeit war die Welt ein Schlachtfeld zwischen Gott und Satan. Es gab keinen neutralen Boden.

Das Gefängnis der Gnade

Das puritanische Dogma der Vorherbestimmung besagt, dass Gott bereits vor der Geburt entschieden hat, wer gerettet wird und wer in der Hölle brennt. Der Mensch hat keinen Einfluss darauf. Man kann sich vorstellen, welchen psychischen Druck das auf ein Kind ausübt. Caleb, der junge Sohn, ringt mit der Frage, ob sein ungetaufter Bruder Samuel im Himmel oder in der Hölle ist. Die Antwort seines Vaters ist niederschmetternd ehrlich und bietet keinen Trost. Diese theologische Härte ist der wahre Antagonist. Sie lässt keinen Raum für Trauer oder Heilung. Alles muss gedeutet werden, alles muss einen übergeordneten, oft grausamen Sinn haben. Die Isolation auf der Farm wirkt wie ein Druckkochtopf. Ohne die soziale Kontrolle der Gemeinde fallen die letzten Hemmungen weg. Der Vater versagt als Versorger, die Mutter versinkt in Depression, und die Kinder werden zu Projektionsflächen für die Sünden der Eltern.

Skeptiker mögen einwenden, dass der Film am Ende doch eine reale Hexe zeigt und somit ins Fantastische abgleitet. Sie argumentieren, dass die psychologische Deutung hinfällig wird, wenn das Monster leibhaftig erscheint. Doch das ist zu kurz gedacht. Die Erscheinung der Hexe und der Pakt mit dem Teufel am Ende können ebenso gut als die letzte, radikale Flucht der Protagonistin Thomasin interpretiert werden. In einer Welt, die sie ohnehin als Sünderin brandmarkt, in einer Familie, die sie verstoßen will, und in einer Religion, die ihr nur Verdammnis bietet, wird die Hingabe an das Böse zum einzigen Akt der Selbstbestimmung. Es ist eine dunkle Befreiung. Wenn sie im Finale in den Wald geht, wählt sie nicht den Tod, sondern eine Existenzform außerhalb der patriarchalen und religiösen Fesseln ihrer Zeit. Dass diese Freiheit blutig und schrecklich ist, unterstreicht nur die Ausweglosigkeit ihrer ursprünglichen Situation.

Warum wir das Grauen von The Witch A New-England Folktale heute noch spüren

Der Film funktioniert deshalb so gut, weil er eine Urangst anspricht, die wir auch in einer säkularen Gesellschaft nicht abgelegt haben. Es ist die Angst vor dem Versagen der Kernfamilie. Wir vertrauen darauf, dass unsere Eltern uns schützen und dass unsere Geschwister uns beistehen. In diesem Szenario wird jedoch deutlich, wie schnell diese Bande zerreißen, wenn das Vertrauen durch Ideologie ersetzt wird. William lügt seine Frau wegen eines silbernen Bechers an, den er verkauft hat, um Fallen zu kaufen. Diese kleine, menschliche Lüge ist der Riss im Damm. In einer Gemeinschaft, die absolute Reinheit fordert, führt jede kleine Verfehlung zu einer Kettenreaktion aus Misstrauen und Schuldzuweisungen. Der Wald ist dabei nur die Leinwand, auf die sie ihre inneren Dämonen projizieren.

Man kann die historische Bedeutung dieser Erzählweise nicht hoch genug einschätzen. Robert Eggers stützte sich auf echte Gerichtsakten und Tagebücher aus der Zeit der Hexenverfolgungen. Viele der Dialoge sind direkte Zitate aus historischen Dokumenten. Das gibt dem Ganzen eine Schwere, die herkömmliche Horrorfilme vermissen lassen. Man bekommt das Gefühl, einem rituellen Geschehen beizuwohnen, das sich so oder so ähnlich tatsächlich abgespielt haben könnte. Nicht, weil es damals wirklich fliegende Hexen gab, sondern weil die Menschen damals fest davon überzeugt waren, dass es sie gab. Und dieser Glaube hatte tödliche Konsequenzen. Wenn die Zwillinge behaupten, mit dem Ziegenbock Black Phillip zu sprechen, ist das für die Eltern kein kindliches Spiel, sondern Hochverrat an Gott. Die Grenze zwischen Einbildung und Realität ist in einer solchen Umgebung nicht existent.

Ich habe oft darüber nachgedacht, wie wir heute auf Krisen reagieren. Wir suchen nach Sündenböcken. Wir ziehen uns in Echokammern zurück. Wir lassen uns von Ideologien blenden, die uns versprechen, die Welt in Gut und Böse einzuteilen. In dieser Hinsicht ist die Geschichte der puritanischen Familie beängstigend aktuell. Sie zeigt, dass der Mensch lieber die Zerstörung seiner Liebsten in Kauf nimmt, als sein eigenes fehlerhaftes Weltbild zu hinterfragen. Der Vater, William, ist eine tragische Figur. Er ist stolz auf seine Frömmigkeit, scheitert aber an den einfachsten Aufgaben des Überlebens. Er kann nicht jagen, er kann den Mais nicht retten, und er kann seine Familie nicht zusammenhalten. Seine einzige Zuflucht ist das Gebet und das Holzhacken. Das ständige Geräusch der Axt im Film ist wie ein Metronom des herannahenden Unheils. Es ist ein vergeblicher Versuch, die physische Welt zu bändigen, während die spirituelle Welt bereits lichterloh brennt.

Es ist bemerkenswert, wie der Film mit der Figur der Thomasin umgeht. Anya Taylor-Joy spielt sie mit einer Mischung aus Verletzlichkeit und wachsender Entschlossenheit. Sie ist das Opfer einer Kette von unglücklichen Umständen. Erst wird ihr das Verschwinden des Babys angelastet, dann der Tod von Caleb. Ihre Mutter sieht in ihr eine Rivalin um die Gunst des Vaters und eine Verkörperung der eigenen verblühten Jugend. Der Neid und die Bitterkeit der Mutter sind ebenso zerstörerisch wie jede übernatürliche Kraft. In der Schlüsselszene, in der die Mutter Thomasin angreift, wird klar, dass die Familie sich längst selbst zerfleischt hat. Die Hexe im Wald muss gar nicht viel tun. Sie muss nur warten, bis die Menschen ihre Arbeit für sie erledigt haben. Das ist die bittere Pille, die der Zuschauer schlucken muss. Das Böse gewinnt nicht durch Macht, sondern durch die Schwäche und die moralische Korruption derer, die sich für besonders heilig halten.

Man muss sich vor Augen führen, dass das puritanische Neuengland eine Gesellschaft war, die auf dem Prinzip der totalen Überwachung basierte. Jeder achtete auf die Sünden des Nachbarn, weil die Sünde eines Einzelnen den Zorn Gottes über die gesamte Gemeinschaft bringen konnte. Als William und seine Familie die Siedlung verlassen müssen, verlieren sie diesen sozialen Kontrollmechanismus. Im Wald gibt es niemanden, der sie beobachtet – außer Gott und dem Teufel. Diese totale Freiheit führt paradoxerweise zur totalen Paranoia. Ohne die Struktur der Kirche verliert William die Orientierung. Er versucht, sein eigener Hohepriester zu sein, doch er ist dieser Aufgabe nicht gewachsen. Er ist ein Mann, der in einer Welt ohne Gnade versucht, ein gerechtes Leben zu führen, und dabei kläglich scheitert. Sein Stolz ist seine wahre Erbsünde.

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Die visuelle Komposition jeder Einstellung unterstreicht diese Hoffnungslosigkeit. Die Farben sind entsättigt, fast schon grau. Die Weite der Landschaft wirkt nicht befreiend, sondern wie eine unendliche Leere, die die kleine Farm zu verschlingen droht. Es gibt keinen Ort, an den man fliehen kann. Der Wald steht für das Unbekannte, das Ungezähmte und das Heidnische. Für die Puritaner war die Wildnis das Territorium Satans. Wenn man bedenkt, wie tief dieser Glaube verwurzelt war, wird die psychische Belastung greifbar. Jedes Knacken eines Zweiges, jeder Schrei eines Tieres wird zum Zeichen. Die Natur ist hier nicht neutral, sie ist feindselig. Und genau diese Feindseligkeit spiegelt das Innenleben der Charaktere wider. Sie projizieren ihren Selbsthass auf die Umgebung, bis die Umgebung schließlich zurückschlägt.

Ein oft übersehener Aspekt ist die Rolle der Kinder. Die Zwillinge Mercy und Jonas sind in ihrer Boshaftigkeit und ihrer manipulativen Art fast schon unheimlicher als die Hexe selbst. Sie sind das Produkt einer Erziehung, die auf Angst und Unterdrückung basiert. Sie haben gelernt, dass Macht durch Beschuldigung erlangt wird. In einer Welt, in der das Wort eines Kindes jemanden an den Galgen bringen kann, nutzen sie ihre Position schamlos aus. Sie verkörpern die Grausamkeit der Unschuld. Ihr Spiel mit Black Phillip ist eine Rebellion gegen die erstickende Ernsthaftigkeit ihres Vaters. Es ist ein Tanz auf dem Vulkan, der am Ende die gesamte Familie in den Abgrund reißt. Hier zeigt sich die Meisterschaft des Drehbuchs: Es gibt keine unschuldigen Opfer, außer vielleicht dem Baby Samuel, dessen Schicksal den moralischen Kompass der Familie von Anfang an zerstört.

Wenn wir heute über Hexenprozesse lesen, neigen wir dazu, sie als Aberglauben einer ignoranten Zeit abzutun. Wir fühlen uns überlegen, weil wir die Wissenschaft auf unserer Seite haben. Doch der Film erinnert uns daran, dass Angst ein universeller Mechanismus ist. Er zeigt uns, wie schnell Logik und Mitgefühl über Bord geworfen werden, wenn wir uns in die Enge getrieben fühlen. Die Familie im Film ist ein Mikrokosmos einer Gesellschaft im Ausnahmezustand. Die Parallelen zu modernen Hexenjagden in sozialen Medien oder politischen Diskursen sind subtil, aber vorhanden. Auch heute werden Menschen aufgrund von Vermutungen ausgegrenzt, ihr Ruf wird vernichtet und ihre Existenz zerstört, oft getrieben von einem Gefühl moralischer Überlegenheit. Das Grauen liegt in der Gewissheit, dass wir alle zu Tätern werden können, wenn die Umstände extrem genug sind.

Der Film fordert uns heraus, unsere eigenen Dämonen zu betrachten. Er ist kein bequemes Unterhaltungskino. Er hinterlässt ein flaues Gefühl im Magen, weil er uns keine einfache Lösung anbietet. Es gibt keinen Helden, der am Ende den Tag rettet. Es gibt nur das bittere Ende einer Illusion. Der Weg, den Thomasin einschlägt, ist kein Triumph der Vernunft, sondern ein endgültiger Bruch mit der Menschlichkeit. Wenn sie schließlich in der Luft schwebt, umgeben von anderen Frauen, die den Verstand verloren haben oder sich dem Dunklen hingegeben haben, dann ist das ein Moment purer, schrecklicher Schönheit. Es ist die einzige Szene, in der die Kamera eine gewisse Leichtigkeit zulässt, was den Kontrast zur vorherigen Erdenschwere nur noch verstärkt. Es ist der Moment, in dem die Schwerkraft der puritanischen Moral endlich ihren Halt verliert.

Wir müssen begreifen, dass das Kino von Robert Eggers uns den Spiegel vorhält. Die historische Distanz ist nur ein Schutzschild, den wir als Zuschauer gerne hochhalten. Aber wenn wir ehrlich sind, erkennen wir die Züge von William in unserer eigenen Arroganz, die Verzweiflung von Katherine in unserer eigenen Trauer und die Sehnsucht von Thomasin in unserem Wunsch nach Freiheit um jeden Preis. Das Werk ist eine Warnung vor der zerstörerischen Kraft einer Weltanschauung, die keinen Platz für das Menschliche lässt. Es zeigt uns, dass die wahre Hexe nicht im Wald lebt, sondern in den dunklen Winkeln unserer eigenen Seele geboren wird, wenn wir aufhören, einander als Menschen zu sehen und anfangen, einander als Symbole für Sünde oder Erlösung zu betrachten.

Echter Horror ist nicht die Begegnung mit einem Ungeheuer, sondern die Erkenntnis, dass es im Wald keine Gnade gibt, wenn man sie zuvor im eigenen Heim eigenhändig erwürgt hat.

CF

Clara Fischer

In den Artikeln von Clara Fischer stehen Kontext, Genauigkeit und gesellschaftliche Relevanz im Mittelpunkt.